polinomics - No.1: Total global / Der Absolvent in der Warteschleife
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No.1: Total global    
   
 
 
Gesellschaft

 







Editorial
Die Elite verlässt das Land
Vorsicht Ungeziefer
Auf Matrose ohe...
Der Absolvent in der Warteschleife
Global denken, lokal handeln

Der Absolvent in der Warteschleife

Text: Thomas Sommer, Foto: Andrea Sommer



A
nna Becker, 28 Jahre, Diplom-Betriebswirtin, versteht die Welt nicht mehr. Seit zwei Jahren sucht die Sauerländerin nun schon einen Arbeitsplatz. Jedoch ohne Erfolg. Um nicht völlig den Bezug zum Arbeitsmarkt zu verlieren, absolviert Anna ein Praktikum nach dem anderen. Was vor einiger Zeit noch als Türöffner diente, stellt sich heute aber vermehrt als Manko dar.

Anna liegt nachts oft stundenlang wach und grübelt, was sie denn falsch gemacht hat. „Als ich immer nur Absagen bekommen habe, musste ich mir überlegen, wie es weiter gehen soll. Die Lücke im Lebenslauf wurde immer größer.“ Sie entschied sich daher für ein Praktikum in der Marketingabteilung eines Hamburger Unternehmens. „500 Euro habe ich da bekommen. Nach der Miete blieb da nicht viel zum Leben übrig.“ Dabei wurde die Diplom- Kauffrau wie jedes andere Teammitglied behandelt. Arbeitszeit und Verantwortung entsprachen einer Vollzeitkraft. So wie Anna ergeht es immer mehr Absolventen. Nach Angaben der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit (BA) ist die Zahl der Praktikanten mit Universitätsabschluss von 1999 bis 2004 um 141 Prozent gestiegen. Ihre Zahl wuchs damit doppelt so stark wie die der Nichtakademiker. Erfasst wurden jedoch nur Praktikanten mit sozialversicherungspflichtigem Einkommen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Viele Unternehmen sehen in den Praktikanten billige und vor allem flexible Arbeitskräfte, die zudem hoch motiviert und bestens ausgebildet sind. Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte der BA, beobachtet dabei zunehmend, dass die Anforderungen an die Bewerber immer konkreter werden: „Die eigenverantwortliche Betreuung von Projekten reicht nicht mehr, es muss auch in einer vergleichbaren Branche stattgefunden haben“, so Hohn zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Neben den Rabattschlachten an den Kassen gibt es nun auch den Akademiker im Sonderangebot. Schock, Wut und Enttäuschung begleiten immer mehr junge Leute bei ihrem Start ins Berufsleben. Aus Angst vor der Arbeitslosigkeit nehmen sie lieber ein drittes Praktikum in Folge an. Allerdings sind sich Experten wie der Saarbrücker Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz einig, dass das reine Praktikum-Sammeln in der Regel nicht zur Festanstellung führt. „Ein Praktikum nach der Ausbildung ist etwas, was in jedem Fall den Marktwert des Absolventen reduziert“, so der Saarländer. Die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB-Jugend) hat gemeinsam mit der Düsseldorfer Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zum Thema „Generation Praktikum“ erstellt. Hierin stellten die Forscher fest, dass die Zahl der Hochschulabsolventen, die nach dem Examen keine feste Anstellung finden, dramatisch zunimmt. Aus diesem Grund seien auch immer mehr Absolventen bereit, in der Zwischenzeit schlecht oder gar unbezahlte Praktika anzunehmen. Wer jedoch auf die Politik als Korrektor hofft, wird oftmals bitter enttäuscht. Gerd Anders, Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium, sieht von seiner Seite keinerlei politischen Handlungsbedarf und schiebt den schwarzen Peter zurück an die Praktikanten: „Ich kann niemanden daran hindern, Sie sind alt genug. Wenn Sie verabreden, ich gehe irgendwo umsonst arbeiten. Warum soll der Gesetzgeber Sie daran hindern? Wenn Sie das wollen, wenn Sie das machen, machen Sie es doch. Hier geht es um Vertragsverhältnisse und der schnelle Ruf nach dem Gesetzgeber, den teile ich so nicht.“ 

Es sieht allerdings so aus, dass sich die Politik nicht mehr lange aus der Affäre ziehen kann. So machte die Berlinerin Désirée Grebel im Frühjahr diesen Jahres mittels einer Online-Petition an den Deutschen Bundestag auf das Problem der Dauer-Praktikanten aufmerksam. „Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden“, so Grebel. Schnell hat sich das Anliegen der 29jährigen herumgesprochen und so kam es, dass ihr Vorschlag von mehr als 45.000 Unterzeichnern befürwortet wurde. Ein neuer Rekord in der Geschichte der Online-Petition. Einziger Wermutstropfen: Der Petitionsausschuss muss die Antragsstellerin erst ab einer Marke von 50.000 Unterzeichnern anhören. Nach Informationen des Job- und Wirtschaftsmagazins karriere wird aber trotzdem zur Zeit darüber beraten, ob Désirée Grebel vorsprechen darf.

Anna interessiert sich heute für derlei Entwicklungen am Absolventen- Arbeitsmarkt nicht mehr. Sie hat Deutschland mittlerweile den Rücken gekehrt und endlich ihr Glück im Ausland gefunden.

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