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Anna
Becker, 28 Jahre, Diplom-Betriebswirtin, versteht die Welt nicht mehr. Seit zwei
Jahren sucht die Sauerländerin nun schon einen Arbeitsplatz. Jedoch ohne
Erfolg. Um nicht völlig den Bezug zum Arbeitsmarkt zu verlieren, absolviert
Anna ein Praktikum nach dem anderen. Was vor einiger Zeit noch als Türöffner
diente, stellt sich heute aber vermehrt als Manko dar.
Anna liegt nachts oft stundenlang wach und grübelt, was sie denn falsch gemacht
hat. „Als ich immer nur Absagen
bekommen habe, musste ich mir überlegen, wie es weiter gehen soll. Die Lücke
im Lebenslauf wurde immer größer.“ Sie entschied sich daher für ein
Praktikum in der Marketingabteilung eines Hamburger Unternehmens. „500 Euro
habe ich da bekommen. Nach der Miete blieb da nicht viel zum Leben übrig.“
Dabei wurde die Diplom- Kauffrau wie jedes andere Teammitglied behandelt.
Arbeitszeit und Verantwortung entsprachen einer Vollzeitkraft. So wie Anna
ergeht es immer mehr Absolventen. Nach Angaben der Nürnberger Bundesanstalt für
Arbeit (BA) ist die Zahl der Praktikanten mit Universitätsabschluss von 1999
bis 2004 um 141 Prozent gestiegen. Ihre Zahl wuchs damit doppelt so stark wie
die der Nichtakademiker. Erfasst wurden jedoch nur Praktikanten mit
sozialversicherungspflichtigem Einkommen. Es kann daher davon ausgegangen
werden, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Viele Unternehmen sehen
in den Praktikanten billige und vor allem flexible Arbeitskräfte, die zudem
hoch motiviert und bestens ausgebildet sind. Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte
der BA, beobachtet dabei zunehmend, dass die Anforderungen an die Bewerber immer
konkreter werden: „Die eigenverantwortliche Betreuung von Projekten reicht
nicht mehr, es muss auch in einer vergleichbaren Branche stattgefunden haben“,
so Hohn zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Neben den Rabattschlachten an den Kassen gibt es nun
auch den Akademiker im Sonderangebot. Schock, Wut und Enttäuschung begleiten
immer mehr junge Leute bei ihrem Start ins Berufsleben. Aus Angst vor der
Arbeitslosigkeit nehmen sie lieber ein drittes Praktikum in Folge an. Allerdings
sind sich Experten wie der Saarbrücker Wirtschaftswissenschaftler Christian
Scholz einig, dass das reine Praktikum-Sammeln in der Regel nicht zur
Festanstellung führt. „Ein Praktikum nach der Ausbildung ist etwas, was in
jedem Fall den Marktwert des Absolventen reduziert“, so der Saarländer. Die
Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB-Jugend) hat gemeinsam
mit der Düsseldorfer Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zum Thema „Generation Praktikum“
erstellt. Hierin stellten die Forscher fest, dass die Zahl der
Hochschulabsolventen, die nach dem Examen keine feste Anstellung finden,
dramatisch zunimmt. Aus diesem Grund seien auch immer mehr Absolventen bereit, in
der Zwischenzeit schlecht oder gar unbezahlte Praktika anzunehmen. Wer jedoch
auf die Politik als Korrektor hofft, wird oftmals bitter enttäuscht. Gerd
Anders, Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium, sieht von seiner
Seite keinerlei politischen Handlungsbedarf und schiebt den schwarzen Peter zurück
an die Praktikanten: „Ich kann niemanden daran hindern, Sie sind alt genug.
Wenn Sie verabreden, ich gehe irgendwo umsonst arbeiten. Warum soll der
Gesetzgeber Sie daran hindern? Wenn Sie das wollen, wenn Sie das machen, machen
Sie es doch. Hier geht es um Vertragsverhältnisse und der schnelle Ruf nach dem
Gesetzgeber, den teile ich so nicht.“
Es sieht allerdings so aus, dass sich
die Politik nicht mehr lange aus der Affäre ziehen kann. So machte die Berlinerin
Désirée Grebel im Frühjahr diesen Jahres mittels einer
Online-Petition an den Deutschen Bundestag auf das Problem der
Dauer-Praktikanten aufmerksam. „Der
Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika von Hochschulabsolventen,
die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild abgeleistet werden, für
das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis
umgewandelt werden“, so Grebel. Schnell hat sich das Anliegen der 29jährigen
herumgesprochen und so kam es, dass ihr Vorschlag von mehr als 45.000
Unterzeichnern befürwortet wurde. Ein neuer Rekord in der Geschichte der
Online-Petition. Einziger Wermutstropfen: Der Petitionsausschuss muss die
Antragsstellerin erst ab einer Marke von 50.000 Unterzeichnern anhören. Nach
Informationen des Job- und Wirtschaftsmagazins karriere wird aber
trotzdem zur Zeit darüber beraten, ob Désirée Grebel vorsprechen darf.
Anna interessiert sich heute für derlei
Entwicklungen am Absolventen- Arbeitsmarkt nicht mehr. Sie hat Deutschland
mittlerweile den Rücken gekehrt und endlich ihr Glück im Ausland gefunden.
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