polinomics - No.1: Total global / Die Elite verlässt das Land
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Arbeitsmarkt

 







Editorial
Die Elite verlässt das Land
Vorsicht Ungeziefer
Auf Matrose ohe...
Der Absolvent in der Warteschleife
Global denken, lokal handeln

Die Elite verlässt das Land

Text und Foto: Thomas Sommer



Lange hat es gedauert, bis die Politik endlich festgestellt hat, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Dabei war dies der Bevölkerung schon immer klar. Ein Blick in die Fußgängerzonen deutscher Großstädte zeigt es doch ganz offensichtlich.

Angesichts einer sinkenden Bevölkerungszahl ist der Zuzug von Ausländern nicht nur wünschenswert, sondern sogar absolut notwendig. "Die Welt zu Gast bei Freunden" ist damit nicht nur das Motto der letzten Fußball-WM, sondern richtungsweisend für die Zukunft der Bundesrepublik. Schließlich sind wir Deutschen schon aus wirtschaftlichen Gründen von der Einwanderung abhängig. Wer sonst soll den Wohlstand des Staates sichern? Klar ist auch: Deutschland gewinnt durch Einwanderung - wirtschaftlich, kulturell und natürlich auch menschlich.

Kaum ist diese Erkenntnis bis in den letzten Winkel der politischen Parteien vorgedrungen, macht der hessische Ministerpräsident Roland Koch schon das nächste Fass auf. „Während in den letzten Jahren viel darüber geschrieben und gestritten worden ist, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, hat sich im Windschatten fast unbemerkt eine ganz andere Entwicklung vollzogen: Deutschland wird zum Auswanderungsland!“, so Koch im Juli zur Bild am Sonntag. Die Zahlen sind alarmierend. Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen Jahr 145.000 Deutsche das Land verlassen. Das sind etwa 46.000 mehr als noch 1991 und nahezu dreimal so viele wie in den 1970er Jahren. Erstmals seit vierzig Jahren sind mehr Deutsche aus- als eingewandert. Die Ursachen für dieses Dilemma sind vielfältig. Hauptargumente sind jedoch meist die wachsende Perspektivlosigkeit und die steigenden Arbeitslosenzahlen.

Der Trend zur Emigration lässt sich aber nicht nur in den bildungsfernen Schichten feststellen. Vor allem sind es die gut ausgebildeten, die Facharbeiter und Akademiker, die ihr Glück vermehrt im Ausland suchen. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass kaum ein anderes Land so viele Fachkräfte an das Ausland verliert wie Deutschland. Ein Name für diese Entwicklung ist auch schon gefunden – Braindrain. Braindrain bezeichnet die Abwanderung von Nachwuchswissenschaftlern und akademischen Spitzenkräften ins Ausland. Eine Entwicklung, die es schnellstmöglichst aufzuhalten gilt. Denn schon der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon stellte 1597 fest: „Wissen ist Macht“. Ein Satz, der in einer zunehmend wissensbasierten Weltwirtschaft nichts an Aktualität eingebüßt hat. Besonders für die Bundesrepublik, ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe, war und ist der Wissensvorsprung schließlich der wichtigste Standortfaktor. Es sind vor allem der internationale Wettbewerb und die weitreichenden internationalen Verflechtungen von Bildung, Wissenschaft und Forschung, die starke Impulse für die Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften geben. Nur durch Spitzentechnologie und hohe Produktivität kann Deutschland wieder wirtschaftliches Wachstum erzielen und damit die Errungenschaften der sozialen Sicherungssysteme dauerhaft aufrechterhalten. Die zunehmende Abwanderung von Spitzenkräften wirkt sich nicht nur negativ auf den Forschungsstandort Deutschland aus, sondern schadet dem gesamten Land.

Wenn nur ein paar Physiker fehlen würden, dann wäre das Problem nicht ganz so dramatisch. In Deutschland fehlt es aber langsam an Deutschen, besonders an jungen qualifizierten Deutschen. Ein Dilemma, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird. Die Sozialsysteme ächzen schon jetzt unter einer immer weiter steigenden Last von Erwerbslosen und Rentnern. 2005 starben 144.000 mehr Menschen als im gleichen Jahr geboren wurden. Das war laut Statistischem Bundesamt nach 2003 das zweithöchste Geburtendefizit seit der Einheit. Prognosen zeigen schon heute, dass die Lücke zwischen Todesfällen und Geburtenraten noch weiter auseinander klaffen wird.


Aber wie sieht die Lösung aus? Ein möglicher erster Schritt ist es, den vielen arbeitssuchenden Akademikern auch ohne jahrelange Berufserfahrung den Weg in die Erwerbstätigkeit zu öffnen.

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