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Lange hat es gedauert, bis
die Politik endlich festgestellt hat, dass Deutschland ein
Einwanderungsland ist. Dabei war dies der Bevölkerung schon immer
klar. Ein Blick in die Fußgängerzonen deutscher Großstädte zeigt
es doch ganz offensichtlich.
Angesichts
einer sinkenden Bevölkerungszahl ist der Zuzug von Ausländern nicht
nur wünschenswert, sondern sogar absolut notwendig. "Die Welt zu Gast
bei Freunden" ist damit nicht nur das Motto der letzten Fußball-WM,
sondern richtungsweisend für die Zukunft der Bundesrepublik. Schließlich
sind wir Deutschen schon aus wirtschaftlichen Gründen von der
Einwanderung abhängig. Wer sonst soll den Wohlstand des Staates
sichern? Klar ist auch: Deutschland gewinnt durch Einwanderung -
wirtschaftlich, kulturell und natürlich auch menschlich.
Kaum
ist diese Erkenntnis bis in den letzten Winkel der politischen
Parteien vorgedrungen, macht der hessische Ministerpräsident Roland
Koch schon das nächste Fass auf. „Während in den letzten Jahren
viel darüber geschrieben und gestritten worden ist, ob Deutschland
ein Einwanderungsland ist, hat sich im Windschatten fast unbemerkt
eine ganz andere Entwicklung vollzogen: Deutschland wird zum
Auswanderungsland!“, so Koch im Juli zur Bild am Sonntag. Die Zahlen
sind alarmierend. Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen
Jahr 145.000 Deutsche das Land verlassen. Das sind etwa 46.000 mehr
als noch 1991 und nahezu dreimal so viele wie in den 1970er Jahren.
Erstmals seit vierzig Jahren sind mehr Deutsche aus- als eingewandert.
Die Ursachen für dieses Dilemma sind vielfältig. Hauptargumente sind
jedoch meist die wachsende Perspektivlosigkeit und die steigenden
Arbeitslosenzahlen.
Der Trend zur Emigration lässt sich aber nicht nur in den
bildungsfernen Schichten feststellen. Vor allem sind es die gut
ausgebildeten, die Facharbeiter und Akademiker, die ihr Glück
vermehrt im Ausland suchen. Eine Studie der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass kaum
ein anderes Land so viele Fachkräfte an das Ausland verliert wie
Deutschland. Ein Name für diese Entwicklung ist auch schon gefunden
– Braindrain. Braindrain bezeichnet die Abwanderung von
Nachwuchswissenschaftlern und akademischen Spitzenkräften ins
Ausland. Eine Entwicklung, die es schnellstmöglichst aufzuhalten
gilt. Denn schon der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon stellte
1597 fest: „Wissen ist
Macht“. Ein Satz, der in einer zunehmend wissensbasierten
Weltwirtschaft nichts an Aktualität eingebüßt hat. Besonders für
die Bundesrepublik, ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe, war und ist
der Wissensvorsprung schließlich der wichtigste Standortfaktor. Es
sind vor allem der internationale Wettbewerb und die weitreichenden
internationalen Verflechtungen von Bildung, Wissenschaft und
Forschung, die starke Impulse für die Leistungsfähigkeit von
Volkswirtschaften geben. Nur durch Spitzentechnologie und hohe
Produktivität kann Deutschland wieder wirtschaftliches Wachstum
erzielen und damit die Errungenschaften der sozialen Sicherungssysteme
dauerhaft aufrechterhalten. Die zunehmende Abwanderung von Spitzenkräften
wirkt sich nicht nur negativ auf den Forschungsstandort Deutschland
aus, sondern schadet dem gesamten Land.
Wenn nur ein paar Physiker fehlen würden, dann wäre das Problem
nicht ganz so dramatisch. In Deutschland fehlt es aber langsam an
Deutschen, besonders an jungen qualifizierten Deutschen. Ein Dilemma,
wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung im Durchschnitt immer älter
wird. Die Sozialsysteme ächzen schon jetzt unter einer immer weiter
steigenden Last von Erwerbslosen und Rentnern. 2005 starben 144.000
mehr Menschen als im gleichen Jahr geboren wurden. Das war laut
Statistischem Bundesamt nach 2003 das zweithöchste Geburtendefizit
seit der Einheit. Prognosen zeigen schon heute, dass die Lücke
zwischen Todesfällen und Geburtenraten noch weiter auseinander
klaffen wird.
Aber
wie sieht die Lösung aus? Ein möglicher erster Schritt ist es, den
vielen arbeitssuchenden Akademikern auch ohne jahrelange
Berufserfahrung den Weg in die Erwerbstätigkeit zu öffnen.
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