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Was für ein Tag!
Zum Greifen nah zieht dieses gewaltige Schiff an uns vorüber. Gezogen
von, so wie es scheint, winzigen Schleppern. Die „Queen Mary 2“, längstes
Kreuzfahrtschiff der Welt und Englands ganzer Stolz, läuft zum
zweiten Mal in diesem Jahr mit viel Tamtam in den Hamburger Hafen ein.
Zusammen mit über 1.000 weiteren „Sehleuten“ bestaune ich voller
Ehrfurcht das Spektakel.
Ohne den Blick von diesem grandiosen Schiff abzuwenden, folgen wir ihr
zu Fuß in Richtung Landungsbrücken, den Weg von einer guten Stunde
bemerke ich gar nicht. Am Ziel angekommen – übrigens ist das ein Muss für
alle Touristen und auch ein äußerst beliebtes Ausflugsziel für echte
Hamburger – schlängele ich mich durch die Menschenmassen. Männer
mit Kapitänsmützen und Seemannsbärten tauchen immer wieder vor
meinem Gesicht auf und wollen einen, im schönsten Hamburgisch, auf
ihre Boote locken. Aber nicht mit mir! Heute will ich mir die „Königin
der Meere“ ansehen. Doch es dauert gar nicht lange und ich finde
mich neben Japanern und Engländern auf einen dieser Boote wieder.
„Das sind Barkassen!“ Vor mir hüpft ganz aufgeregt ein kleiner
Junge, der mich freudestrahlend ansieht. Nun, wie auch dem, mit diesen
Barkassen kann man den Hamburger Hafen mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten
ganz bequem vom Wasser aus betrachten – wenn man mal vom Schaukeln
absieht.
„Auf
Matrose ohe ...“ Hans Albers Seemannslied „La Paloma“ aus dem
Film „Große Freiheit Nr. 7“ dröhnt vorne im Bug aus einem
kleinen Lautsprecher und versucht vergeblich die Motorengeräusche zu
übertönen. Eine recht seltsame Tonmischung.
Zuerst
schippert uns Kapitän Ehlers in die Speicherstadt. Links und rechts
erheben sich gewaltige rote Mauern aus Backstein – die berühmten,
heute unter Denkmalschutz stehenden Lagerhäuser. An dieser Stelle hatte Hamburgs
Aufstieg zur reichen Kaufmannsstadt seinen Ursprung. Globalität gehörte
hier schon vor hundert Jahren zum Alltag, lange bevor es zum Modewort
der heutigen Zeit wurde. Damals wie heute
werden hier wertvolle Güter gelagert. Verschiedenste Tee- und
Kaffeesorten aus aller Welt, Kakao aus Kolumbien, feinste Teppiche aus
dem Orient. Exotisch riechende Gewürze kitzeln in meiner Nase. Oder
ist es doch etwas anderes ...?.
Schon steuert Kapitän Ehlers seine Landratten vorbei
an „Blohm + Voss“, der Werft, in der auch die „Queen Mary“
in den nächsten Tagen ihre „Schönheits-OP“ erhält.
Globalisierung hat auch hier schon seit geraumer Zeit Einzug gehalten.
Neben dem britischen Passagierschiff lassen auch zahlreiche andere
ausländische Reedereien ihre Schiffe in den Docks generalüberholen.
Doch ich sehe im Moment nur diese riesige Stahlwand mit dem Schriftzug
der Werft, der mich einfach nicht loslässt. Meine Blicke kleben
regelrecht an jedem einzelnen überdimensionalen Buchstaben.
Kaum erholt von diesen gewaltigen Eindrücken, finde
ich mich zwischen lauter Containern wieder. Egal wo ich auch hinsehe,
überall Schiffscontainer. Mit Aufschriften, von denen ich lediglich
weiß, dass sie nicht europäischen und schon gar nicht deutschen
Ursprungs sind. Meine staunenden Sitznachbarn und ich erfahren von unserem Kapitän, dass wir gerade durch
Teile des Containerhafens steuern. Wohlgemerkt durch Teile, denn der
Hamburger Containerhafen gehört zu den neun größten der Erde. Als
Umschlagplatz für Rohkaffee ist seine Position an der Spitze sogar
weltweit unbestritten – total global eben.
Nach einer Stunde, mir kam es nach den vielen Eindrücken
wie fünf Minuten vor, ist die Reise auch schon wieder vorbei. Kapitän
Ehlers dockt sicher an den Landungsbrücken an und meine japanischen
Bootsgefährten und ich sehen wieder die vertraute Silhouette der
britischen „Queen Mary“, die sich majestätisch vor uns erhebt und
in einer deutschen Werft im Hamburger Hafen auf ihre „Schönheits-OP“
wartet.
Was für ein Tag!
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