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"Manche
Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze
sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie
Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.
Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir", so Franz Müntefering im
April 2005. Aber wie ist es 2006? Auch in diesem Jahr: Ein Gespenst geht um in
Deutschland. Anders als noch beim Begründer des Marxismus, Karl Marx, ist nun
der (totale) Kapitalismus Wurzel allen Übels - so scheint es wenigstens.
Die Nachrichten sind voll von Gefahren durch die berühmt berüchtigten
Private-Equity-Gruppen. Diese fungieren in der Regel als Sammelbecken für
Anlagen privater Geldgeber, die für sich allein nicht schlagkräftig genug sind
oder einfach nicht über das Wissen verfügen, das nötig ist, um im
risikoreichen Finanzmarkt hohe Wertsteigerungen des eingezahlten Kapitals zu
erzielen. Als Vertretung ihrer Anleger haben sie jedoch meist kein Interesse an
unternehmerischer Verantwortung und notwendiger langfristiger Investitionen.
Hauptziel ist schließlich die Erzielung möglichst hoher Renditen. Soziale
Verantwortung ist da meist fehl am Platz. Genau aus diesem Grund sind sie Ziel
von gesellschaftlicher und politischer Kritik. Die „Macht des Kapitals“ ist
den meisten Menschen doch irgendwie unheimlich. Sie operieren im Verborgenen,
schon fast im zwielichtigem Bereich und das meist einem einheitlichen Muster
folgend. Zuerst suchen sie sich die Besten einer Branche heraus, kaufen sich
anschließend ein, um dann die unrentablen Unternehmensteile zu schließen oder
zu veräußern. Der Rest wird verkauft oder geht an die Börse. In der Bevölkerung
heißen sie „Heuschrecken“ oder einfach „skrupellose Abzocker“. Doch
trotz aller (ungerechten) Beschimpfungen ist die Auflösung der Deutschland-AG -
so scheint es - unaufhaltsam.
Eines der prominentesten Beispiele des „modernen Kapitalismus in einer
globalisierten Finanzwelt“ (Edzard Reuter, Ex-Daimler-Chef) ist der sauerländische
Sanitäranlagenhersteller Grohe AG & Co. KG, einer der führenden
Produzenten von Badarmaturen.
Alles begann Ende 1998, als die Familie Grohe ihr Unternehmen vollständig an
die britische Investorengruppe BC Partners veräußerte. Schnell entzog der neue
Eigentümer dem Unternehmen fast das gesamte Eigenkapital, um es sowohl durch
Bankkredite als auch durch teure Anleihen zu ersetzen. Einem zuvor
ausgeglichenem Unternehmenshaushalt stand so Anfang 2004 ein Schuldenberg gegenüber.
Dabei gehen Finanzexperten davon aus, dass die Briten nur einen sehr geringen
Eigenkapitalanteil in den Kauf des Unternehmens investiert haben. Den Rest ließ
man über Kredite laufen. Nur eines der Gründe für den wachsenden
Schuldenberg. Besonders makaber: Das
Untenehmen und seine Mitarbeiter bezahlten so ihren eigenen Verkauf!
Auch
aus dem anfänglich geplanten Börsengang wurde wegen der schlechten Börsenstimmung
nichts. Doch die britische Investorengruppe machte einen Coup, der in der
schillernden Finanzwelt seinesgleichen sucht. Sie verkauften Grohe 2004 für
das zigfache ihres ursprünglich geleisteten Einsatzes an Branchenkollegen. Das
einstige Traditionsunternehmen wurde nun zum Eigentum der Texas Pacific Group (TPG)
und der Schweizer Großbank Credit Suisse First Boston (CSFB). Spätentestens ab
diesem Zeitpunkt wurde Grohe zum Spielball globaler Finanzinvestoren. Nachdem
Unternehmensberater von McKinsey den Konzern nach Kostenlöchern
durchleuchteten, war zudem klar: Die Kosten sind zu hoch. Einsparungen im
Einkauf und vor allem in der Belegschaft folglich unumgänglich.
Und
die Mitarbeiter? Die verstanden die Welt nicht mehr. Werke wurden geschlossen,
Teile der Produktion ins Ausland verlegt und zu allem Überfluss massiv Stellen
abgebaut. Die „Heuschrecken“ machten bis zu diesem Zeitpunkt ihrem Ruf alle
Ehre.
Nach
eigenen Angaben ist die Lage jedoch nicht so schlimm und die Heuschrecken-Kritik
nicht gerechtfertigt. Nach Angaben des Grohe- Vorstandsvorsitzenden David Haines,
befindet sich das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs. „Aus Stillstand wurde
heute wieder Bewegung“, so Haines im Juni 2006 in der WELT. Einige der vor
einem Jahr ausgesprochenen betriebsbedingten Kündigungen konnten mittlerweile
zurückgenommen werden, so Haines weiter.
Ein
fader Beigeschmack bleibt aber bestehen. Hunderte Menschen haben ihre Arbeit
aufgrund globaler Zusammenhänge verloren. Wenn man den Investoren glauben möchte,
dann ist das ein Preis, der gezahlt werden muss. Schließlich herrscht
Wettbewerb und der ist gnadenlos. Fressen und gefressen werden. Ein Zustand, an
dem sich die Deutschen in Zukunft wohl gewöhnen müssen.
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