polinomics - No.1: Total global / Vorsicht Ungeziefer!
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No.1: Total global    
   
 
 
Kapitalmarkt

 







Editorial
Die Elite verlässt das Land
Vorsicht Ungeziefer
Auf Matrose ohe...
Der Absolvent in der Warteschleife
Global denken, lokal handeln

Vorsicht Ungeziefer!

Text: Thomas Sommer, Foto: Andrea Sommer



"M
anche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir", so Franz Müntefering im April 2005. Aber wie ist es 2006? Auch in diesem Jahr: Ein Gespenst geht um in Deutschland. Anders als noch beim Begründer des Marxismus, Karl Marx, ist nun der (totale) Kapitalismus Wurzel allen Übels - so scheint es wenigstens.

Die Nachrichten sind voll von Gefahren durch die berühmt berüchtigten Private-Equity-Gruppen. Diese fungieren in der Regel als Sammelbecken für Anlagen privater Geldgeber, die für sich allein nicht schlagkräftig genug sind oder einfach nicht über das Wissen verfügen, das nötig ist, um im risikoreichen Finanzmarkt hohe Wertsteigerungen des eingezahlten Kapitals zu erzielen. Als Vertretung ihrer Anleger haben sie jedoch meist kein Interesse an unternehmerischer Verantwortung und notwendiger langfristiger Investitionen. Hauptziel ist schließlich die Erzielung möglichst hoher Renditen. Soziale Verantwortung ist da meist fehl am Platz. Genau aus diesem Grund sind sie Ziel von gesellschaftlicher und politischer Kritik. Die „Macht des Kapitals“ ist den meisten Menschen doch irgendwie unheimlich. Sie operieren im Verborgenen, schon fast im zwielichtigem Bereich und das meist einem einheitlichen Muster folgend. Zuerst suchen sie sich die Besten einer Branche heraus, kaufen sich anschließend ein, um dann die unrentablen Unternehmensteile zu schließen oder zu veräußern. Der Rest wird verkauft oder geht an die Börse. In der Bevölkerung heißen sie „Heuschrecken“ oder einfach „skrupellose Abzocker“. Doch trotz aller (ungerechten) Beschimpfungen ist die Auflösung der Deutschland-AG - so scheint es - unaufhaltsam.

Eines der prominentesten Beispiele des „modernen Kapitalismus in einer globalisierten Finanzwelt“ (Edzard Reuter, Ex-Daimler-Chef) ist der sauerländische Sanitäranlagenhersteller Grohe AG & Co. KG, einer der führenden Produzenten von Badarmaturen.

Alles begann Ende 1998, als die Familie Grohe ihr Unternehmen vollständig an die britische Investorengruppe BC Partners veräußerte. Schnell entzog der neue Eigentümer dem Unternehmen fast das gesamte Eigenkapital, um es sowohl durch Bankkredite als auch durch teure Anleihen zu ersetzen. Einem zuvor ausgeglichenem Unternehmenshaushalt stand so Anfang 2004 ein Schuldenberg gegenüber. Dabei gehen Finanzexperten davon aus, dass die Briten nur einen sehr geringen Eigenkapitalanteil in den Kauf des Unternehmens investiert haben. Den Rest ließ man über Kredite laufen. Nur eines der Gründe für den wachsenden Schuldenberg. Besonders makaber: Das Untenehmen und seine Mitarbeiter bezahlten so ihren eigenen Verkauf!

Auch aus dem anfänglich geplanten Börsengang wurde wegen der schlechten Börsenstimmung nichts. Doch die britische Investorengruppe machte einen Coup, der in der schillernden Finanzwelt seinesgleichen sucht. Sie verkauften Grohe 2004  für das zigfache ihres ursprünglich geleisteten Einsatzes an Branchenkollegen. Das einstige Traditionsunternehmen wurde nun zum Eigentum der Texas Pacific Group (TPG) und der Schweizer Großbank Credit Suisse First Boston (CSFB). Spätentestens ab diesem Zeitpunkt wurde Grohe zum Spielball globaler Finanzinvestoren. Nachdem Unternehmensberater von McKinsey den Konzern nach Kostenlöchern durchleuchteten, war zudem klar: Die Kosten sind zu hoch. Einsparungen im Einkauf und vor allem in der Belegschaft folglich unumgänglich.

Und die Mitarbeiter? Die verstanden die Welt nicht mehr. Werke wurden geschlossen, Teile der Produktion ins Ausland verlegt und zu allem Überfluss massiv Stellen abgebaut. Die „Heuschrecken“ machten bis zu diesem Zeitpunkt ihrem Ruf alle Ehre.

Nach eigenen Angaben ist die Lage jedoch nicht so schlimm und die Heuschrecken-Kritik nicht gerechtfertigt. Nach Angaben des Grohe- Vorstandsvorsitzenden David Haines, befindet sich das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs. „Aus Stillstand wurde heute wieder Bewegung“, so Haines im Juni 2006 in der WELT. Einige der vor einem Jahr ausgesprochenen betriebsbedingten Kündigungen konnten mittlerweile zurückgenommen werden, so Haines weiter.

Ein fader Beigeschmack bleibt aber bestehen. Hunderte Menschen haben ihre Arbeit aufgrund globaler Zusammenhänge verloren. Wenn man den Investoren glauben möchte, dann ist das ein Preis, der gezahlt werden muss. Schließlich herrscht Wettbewerb und der ist gnadenlos. Fressen und gefressen werden. Ein Zustand, an dem sich die Deutschen in Zukunft wohl gewöhnen müssen.

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