polinomics - No. 2: China ante portas / Hamburgs chinesische Seite
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No. 2: China ante portas  
   
 

Anny unterwegs

 




Editorial
Interview mit Christian Sommer
Herausforderung China
Chinesisch in drei Wochen
Handel in China 
Hamburgs chinesische Seite
Helmut Schmidt im Gespräch
Nachbar China

Hamburgs chinesische Seite

Text: Andrea Sommer

 Foto: Andrea Sommer


Das Jahr des Hundes neigt sich in diesen Monaten langsam seinem Ende zu, doch das Jahrhundert der Chinesen beginnt erst. Deutsche und chinesische Städte schließen neue Partnerschaften, frischen alte Verbindungen auf oder intensivieren die schon seit langer Zeit bestehenden Handelsbeziehungen. So auch die Hansestadt Hamburg. Auch sie fließt mit dem Strom ´gen  Osten und feiert dieser Tage ein besonderes Jubiläum. Seit nunmehr 20 Jahren besteht ein enger Verbund mit der chinesischen Metropole Shanghai, der Stadt am gelben Meer. Die beiden pulsierenden Hafenstädte profitieren seit dieser Zeit voneinander.

Für die Chinesen ist die Elbmetropole der Knotenpunkt in Europa. Weit mehr als die Hälfte des deutschen Außenhandels mit der Volksrepublik wird über den Hamburger Hafen abgewickelt. Rund 400 chinesische Firmen sind in der Hansestadt ansässig, mehr als in jeder anderen europäischen Stadt. Wenn Hamburg für China das Tor zum Westen ist, dann ist Shanghai für Hamburg das Tor zum Osten. Denn mittlerweile treiben weit über 700 hanseatische Unternehmen intensiven Handel mit dem Städtepartner auf der anderen Seite der Erde.

Wie bereits erwähnt, steht Hamburg ganz im Zeichen des roten Drachen – die „Chinatime“ ist angebrochen. Es ist Dienstag und für Ende September ein äußerst milder Tag. Heute werfe ich mich erst mal ins Getümmel am Jungfernstieg. Als Fan fernöstlicher Kochkunst ist es für mich ein Muss, den chinesischen Markt am Jungfernstieg einen Besuch abzustatten. Es ist extrem voll, doch ich schlängele mich mit Gleichgesinnten durch eine enge Gasse, die von unzähligen Eß- und Verkaufständen gesäumt wird. Ein Duft von gebratenem Reis, Hähnchen süß-sauer, Frühlingsrollen – um nur einige der Klassiker zu nennen – umweht meine Nase. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst und zuletzt essen soll.

Mit vollem Magen – ich habe so viel gegessen, dass ich vermutlich bald platzen werde – sitze ich nun auf einer der vielen Bänke an der Binnenalster und überlege, was ich als Nächstes machen soll. Das Programmheft, das in ganz Hamburg verteilt wird, ist bei meiner Entscheidungsfindung äußerst nützlich. Ich kann mir nun einige der unzähligen Fotoausstellungen ansehen oder die bestimmt interessante „Mahjong“-Austellung in der Galerie der Gegenwart besuchen. Oder ich fahre mit der S-Bahn zum Botanischen Garten, wo beispielsweise dem chinesischen Bambus eine Ausstellung gewidmet ist. Meine Wahl fällt als Erstes auf eine Fotoausstellung ganz in meiner Nähe. Und hier erfahre ich etwas äußerst Interessantes. In Hamburg soll es eine Stadt in der Stadt geben! Das hört sich für mich mehr nach russischen „Matroschkas“ als nach chinesischen Glückskeksen an.

Ich mache mich sogleich auf die Spurensuche, denn diese Erfahrung lässt mich nicht mehr los. Der Weg führt Richtung St. Pauli. Mitten im Herzen Hamburgs finde ich dann auch nach einiger Zeit das Gesuchte, bzw. die Reste davon. Ich stehe vor einer unscheinbaren Tafel und erfahre, dass es genau hier, rund um die Schmuckstraße auf St. Pauli, ein chinesisches Viertel gab. Eine „Chinatown“! Und das in Hamburg! Nicht nur San Francisco oder London haben welche, auch die Elbstadt hatte eine. Das liegt jedoch schon viele Jahrzehnte zurück.

Wie ich später herausfinden sollte, beschränken sich Hamburgs Beziehungen zum Reich der Mitte nicht nur auf die letzten Jahre und Jahrzehnte, sondern reichen weit in die Vergangenheit zurück. Hamburgs kleine „Chinatown“ entstand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. In diesen Jahrzehnten siedelten sich auf St. Pauli viele chinesische Seeleute an, aus denen im Laufe der Zeit Köche oder Wäscher wurden. Ihre Zahl wuchs in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auf beachtliche 2.000 an. Der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland läutete das Ende des chinesischen Viertels ein. Die friedliebenden Asiaten wurden durch Hitlers Rassenwahn vertrieben oder verschleppt. Bis heute ist es nicht vollends geklärt, was damals mit den Menschen geschehen ist – wie so vieles aus dieser dunklen Zeit. Jahrzehnte später, im Hier und Jetzt, leben wieder über 10.000 Chinesen in der Hafenmetropole und das verteilt über die ganze Stadt. Ihr Hamburg nennen sie liebevoll „Hanbao“.

Nun, meine kleine Exkursion in die Vergangenheit ist zuende und ich kann mich wieder auf die Dinge in der Gegenwart konzentrieren. Ein leichtes Hungergefühl breitet sich aus. Ich habe da hinten doch eben einen „Chinesen“ gesehen ...

Mittlerweile ist es Abend. Ein wenig wehmütig schaue ich, mit einer Schale gebratenem Reis in der Hand, einem in Richtung Shanghai fahrenden Containerschiff hinterher.

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© Thomas Sommer 2006