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Das Jahr des Hundes neigt sich in diesen Monaten
langsam seinem Ende zu, doch das Jahrhundert der Chinesen beginnt
erst. Deutsche und chinesische Städte schließen neue
Partnerschaften, frischen alte Verbindungen auf oder intensivieren die
schon seit langer Zeit bestehenden Handelsbeziehungen. So auch die
Hansestadt Hamburg. Auch sie fließt mit dem Strom ´gen
Osten und feiert dieser Tage ein besonderes Jubiläum. Seit
nunmehr 20 Jahren besteht ein enger Verbund mit der chinesischen
Metropole Shanghai, der Stadt am gelben Meer. Die beiden pulsierenden
Hafenstädte profitieren seit dieser Zeit voneinander.
Für die Chinesen ist die Elbmetropole der
Knotenpunkt in Europa. Weit mehr als die Hälfte des deutschen Außenhandels
mit der Volksrepublik wird über den Hamburger Hafen abgewickelt. Rund
400 chinesische Firmen sind in der Hansestadt ansässig, mehr als in
jeder anderen europäischen Stadt. Wenn Hamburg für China das Tor zum
Westen ist, dann ist Shanghai für Hamburg das Tor zum Osten. Denn
mittlerweile treiben weit über 700 hanseatische Unternehmen
intensiven Handel mit dem Städtepartner auf der anderen Seite der
Erde.
Wie bereits erwähnt, steht Hamburg ganz im Zeichen
des roten Drachen – die „Chinatime“ ist angebrochen. Es ist
Dienstag und für Ende September ein äußerst milder Tag. Heute werfe
ich mich erst mal ins Getümmel am Jungfernstieg. Als Fan
fernöstlicher Kochkunst ist es für mich ein Muss, den
chinesischen Markt am Jungfernstieg einen Besuch abzustatten. Es ist
extrem voll, doch ich schlängele mich mit Gleichgesinnten durch eine
enge Gasse, die von unzähligen Eß- und Verkaufständen gesäumt
wird. Ein Duft von gebratenem Reis, Hähnchen süß-sauer, Frühlingsrollen
– um nur einige der Klassiker zu nennen – umweht meine Nase. Ich
weiß gar nicht, was ich zuerst und zuletzt essen soll.
Mit vollem Magen – ich habe so viel gegessen, dass
ich vermutlich bald platzen werde – sitze ich nun auf einer der
vielen Bänke an der Binnenalster und überlege, was ich als Nächstes
machen soll. Das Programmheft, das in ganz Hamburg verteilt wird, ist
bei meiner Entscheidungsfindung äußerst nützlich. Ich kann mir nun
einige der unzähligen Fotoausstellungen ansehen oder die bestimmt
interessante „Mahjong“-Austellung in der Galerie der Gegenwart
besuchen. Oder ich fahre mit der S-Bahn zum Botanischen Garten, wo
beispielsweise dem chinesischen Bambus eine Ausstellung gewidmet ist.
Meine Wahl fällt als Erstes auf eine Fotoausstellung ganz in meiner Nähe.
Und hier erfahre ich etwas äußerst Interessantes. In Hamburg soll es
eine Stadt in der Stadt geben! Das hört sich für mich mehr nach
russischen „Matroschkas“ als nach chinesischen Glückskeksen an.
Ich mache mich sogleich auf die Spurensuche, denn
diese Erfahrung lässt mich nicht mehr los. Der Weg führt Richtung
St. Pauli. Mitten im Herzen Hamburgs finde ich dann auch nach einiger
Zeit das Gesuchte, bzw. die Reste davon. Ich stehe vor einer
unscheinbaren Tafel und erfahre, dass es genau hier, rund um die
Schmuckstraße auf St. Pauli, ein chinesisches Viertel gab. Eine „Chinatown“!
Und das in Hamburg! Nicht nur San Francisco oder London haben welche,
auch die Elbstadt hatte eine. Das liegt jedoch schon viele Jahrzehnte
zurück.
Wie ich später herausfinden sollte, beschränken sich Hamburgs
Beziehungen zum Reich der Mitte nicht nur auf die letzten Jahre und
Jahrzehnte, sondern reichen weit in die Vergangenheit zurück.
Hamburgs kleine „Chinatown“ entstand Ende des 19. und Anfang des
20. Jahrhunderts. In diesen Jahrzehnten siedelten sich auf St. Pauli
viele chinesische Seeleute an, aus denen im Laufe der Zeit Köche oder
Wäscher wurden. Ihre Zahl wuchs in den 30er Jahren des letzten
Jahrhunderts auf beachtliche 2.000 an. Der Beginn der
nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland läutete das Ende
des chinesischen Viertels ein. Die friedliebenden Asiaten wurden durch
Hitlers Rassenwahn vertrieben oder verschleppt. Bis heute ist es nicht
vollends geklärt, was damals mit den Menschen geschehen ist – wie
so vieles aus dieser dunklen Zeit. Jahrzehnte später, im Hier und
Jetzt, leben wieder über 10.000 Chinesen in der Hafenmetropole und
das verteilt über die ganze Stadt. Ihr Hamburg nennen sie liebevoll
„Hanbao“.
Nun, meine kleine Exkursion in die Vergangenheit ist zuende und ich
kann mich wieder auf die Dinge in der Gegenwart konzentrieren. Ein
leichtes Hungergefühl breitet sich aus. Ich habe da hinten doch eben
einen „Chinesen“ gesehen ...
Mittlerweile ist es Abend. Ein wenig wehmütig schaue ich, mit einer
Schale gebratenem Reis in der Hand, einem in Richtung Shanghai fahrenden
Containerschiff hinterher.
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