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No.2: China ante portas
 

Wirtschaft

 

Handel in China

Text: André Strube


Um den Handel in China auch nur annähernd zu beschreiben, muss man sich vorab einen kleinen Überblick über dieses riesige Land machen. Nicht nur die sicherlich bekannte Einwohnerzahl von 1,3 Milliarden beeindruckt, sondern auch die Landfläche, die mit 9,5 Millionen Quadratkilometern fast 27mal so groß wie Deutschland ist. Auf dieser großen Fläche unterteilt sich das Land in verschiedene Klima- und Vegetationszonen. Diese reichen vom typischen Kontinentalklima im Westen und Norden bis zu subtropischem Klima im Süden. Ein Großteil der Bevölkerung (etwa 90%) lebt in dicht besiedelten Gebieten im Osten der VR China. In Zentral- und Westchina ist die Bevölkerungsdichte sehr gering.

Der wirtschaftliche Aufschwung Chinas begann in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Durch den Beitritt Chinas zur World Trade Organisation im Jahr 2001 wurde dieser lang anhaltende Trend unterstützt. Das zukünftig erwartete Wachstum liegt bei 7% pro Jahr, wobei die Statistiken in China, wie in vielen anderen Entwicklungsländern, mit Vorsicht zu genießen sind. Am Aufschwung und der Versorgung mit Handelswaren partizipieren hauptsächlich die Bewohner in den große Städten und ihren Einzugsgebieten im Osten des Landes. In den dünn besiedelten Regionen in Zentralchina ist die Entwicklung noch deutlich zurückgeblieben, was sich auch in der Versorgung und der Struktur des Handels wiederspiegelt. Das, durch die Einwohnerzahl, gegebene Potential Chinas als weltgrößter Handelsmarkt, beschränkt sich zurzeit auf die dicht besiedelten Gebiete. Der gesamte Handelsmarkt ist daher auch noch sehr stark fragmentiert. Der Anteil der großen Handelskonzerne ist sehr gering. Während in Deutschland der Umsatzanteil der fünf größten Handelskonzerne bei 70,9% liegt, beträgt dieser Anteil in China nur 5%. Der Großteil des Umsatzes und der Bevölkerungsversorgung wird durch kleine Familienunternehmen gewährleistet. Allerdings wird eine weitere Konzentration erwartet, da die Möglichkeiten für ausländische Kapitalgeber in den vergangenen Jahren verbessert wurden. Außerdem lockt das große Potential des Landes selbstverständlich internationale Unternehmen an. Gerade die geringe Aufteilung des Marktes, das erwartete Wirtschaftswachstum und die große absolute Zahl an Einwohnern  weckt die Interessen der großen Unternehmen.

Die Einwohnerzahl Chinas wird sich durch die restriktive Geburtenkontrolle voraussichtlich nur bis 2030 positiv entwickeln und dann sinken. Die Ein-Kind-Ehe ist in China selbst zwar umstritten, aufgrund der fehlenden Demokratie wird eine mittelfristige Änderung dieses Gesetzes allerdings nicht erwartet. Die politische Führung möchte damit der Überbevölkerung vorbeugen. In Verbindung mit der verbesserten Gesundheitsversorgung wird dies zu einer verstärkten Alterung der Gesellschaft und den damit verbundenen Problemen führen. Bei gleichzeitigem anhaltendem Wirtschaftswachstum wird das Pro-Kopf-Einkommen steigen und den Konsum unterstützen. Die Entwicklung des Landes zeichnet sich auch in der Verteilung der Konsumausgaben ab. Während die bisherige Konzentration des Konsums auf Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs bestand, findet nun ein Wechsel zu höherwertigen Produkten, Services und Dienstleistungen statt. Hier sei noch mal erwähnt, dass dies hauptsächlich für die großen Städte im Osten des Landes gilt. Eine zunehmende Migration der Landbevölkerung in die Millionenstädte an der Küste wird diese Tendenzen weiter verstärken.

Der große Vorteil Chinas ist der riesige Binnenmarkt mit einem Handelsvolumen von €597 Milliarden. Das erhöht die Unabhängigkeit Chinas von internationalen Wirtschaftskrisen. Mit diesen Umsätzen ist China bereits heute der drittgrößte Handelsplatz der Welt und wird mittelfristig zur Nummer eins aufsteigen. Trotz der geringen Konsumausgaben pro Kopf führt die große Einwohnerzahl zu einem beachtlichen Handelsumsatz. Im Vergleich zu Deutschland (€3.829) oder den USA (€7.875) ist der Handelsumsatz pro Kopf mit €455 gering. Das wesentlich höhere jährliche Wirtschaftswachstum und die Bevölkerungszahl geben allerdings einen sehr positiven Ausblick in die Zukunft.

Dieses positive Szenario kann allerdings nicht uneingeschränkt gezeichnet werden. Das liegt an verschiedenen Punkten kultureller, wirtschaftlicher und politischer Natur. Die Einkaufsgewohnheiten der Chinesen sind nicht mit den Einkaufsgewohnheiten anderer Industrienationen vergleichbar. Frische hat in China eine völlig andere Bedeutung, als beispielsweise in Europa und den USA. Dies führt dazu, dass der Durchschnittskunde nicht nur einen Großeinkauf in regelmäßigen (bspw. wöchentlichen) Abständen durchführt, sondern wesentlich öfter einkauft und dafür nur einen geringen Umsatz pro Einkauf realisiert. Damit sind höhere Aufwendungen für Personal bei ähnlichen Umsätzen verbunden. Bei dem aktuellen Lohnniveau ist dies sicherlich kein Problem; das Lohnniveau wird sich aber innerhalb absehbarer Zeit erhöhen. Außerdem müssen die Märkte so gestaltet sein, dass die größere Kundenfrequenz bewältigt werden kann. Die Attraktivität des Marktes China wird weiterhin große internationale Konzerne ins Land locken und damit die Konkurrenzsituation verstärken. Bereits jetzt sind Grundstücke in Innenstadtlagen der wirtschaftskräftigen Metropolen so hoch bewertet, dass eine Refinanzierung der Anlage schwer möglich ist. Das Einkaufsverhalten und die geringe Autodichte verbieten zurzeit noch Investitionen in den äußeren Stadtgebieten.

Weitere Probleme bereitet die alternde Bevölkerung. Die chinesische Bevölkerung wird zukünftig selbst vorsorgen müssen und sich das verfügbare Einkommen dadurch verringern. Sollten diese zusätzlichen Ausgaben nicht durch Einkommenszusätze aufgefangen werden können, so verringert sich das Handelswachstum signifikant. Weiterhin muss die Stellung der Staatsunternehmen überprüft werden. Sie stehen für einen großen Teil des Bruttoinlandsproduktes, arbeiten allerdings vielfach uneffektiv. Eine stärkere Marktanpassung dieser Unternehmen wird zu Entlassungen und damit höheren Arbeitslosenzahlen führen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind sicher absehbar.

Zu der politischen Situation in China muss nicht viel gesagt werden. Es gibt aktuell keine funktionierende Demokratie. Außenpolitisch wäre das Land isoliert, wenn nicht die erwarteten Gewinne Länderchefs und Wirtschaftsunternehmen ihre Grundsätze vergessen lassen würde. Die Frage, ob ein Land durch koordinierten Wirtschaftsaufschwung in demokratische Bahnen gelenkt werden kann, mag ich nicht zu beantworten.

In einer kurzen Zusammenfassung bleibt zu sagen, dass die goldenen Erwartungen der Wirtschaft sicher nicht falsch sind. Die Probleme und Unstimmigkeiten sind allerdings nicht zu vernachlässigen.