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Markterschließung ist der Schlüssel für neue
Absatzchancen. Die strategische Erschließung des Marktes erfordert
jedoch Wissen. Faktoren wie: Marktmechanismen, Wettbewerber und Kunden
sind besonders bei der Erschließung neuer und renditeträchtiger
Auslandsmärkte unabdingbar. Im Gegensatz zu Großkonzernen verfügen
kleine und mittelständische Unternehmen häufig nicht über
ausreichend große finanzielle Ressourcen für eine eigenständige
Markterschließung. Hinzu kommen Sprach- und Kulturbarrieren. Genau
hier setzt das German Centre for Industry and Trade Shanghai an.
Christian Sommer ist seit dem 01.
August 2005 General Manager des German Centre Shanghai. Seit 1999 leitete der
gebürtige Kieler das German Centre Peking und war davor bereits knapp
drei Jahre stellvertretender Geschäftsführer des German Centre
Shanghai. Bis zu seinem Wechsel nach Shanghai war Sommer 2001 Vizepräsident
der Deutschen Handelskammer in China.
polinomics:
Sehr geehrter Herr Sommer. China ist zur Zeit
wahrscheinlich der dynamischste Markt der Welt. Auch wenn man in
Deutschland fast täglich von neuen Erfolgsrekorden aus dem Reich der
Mitte erfährt, ist das Wissen deutscher Unternehmer über den
chinesischen Markt meist nicht sehr groß. Gerade die mittelständischen
Unternehmen scheuen daher oftmals den Weg nach Asien. Genau hier
setzen Sie als "German Centre Shanghai" an und helfen
deutschen Unternehmen im größten Wachstumsmarkt der Welt geschäftlich
Fuß zu fassen. Wie genau sieht Ihre Hilfestellung dabei aus?
Christian Sommer:
Das German Centre Shanghai fungiert einerseits wie eine Art Gründerzentrum.
Newcomer in China können kleine und sehr flexibel erweiterbare Büroflächen
anmieten sowie bei Bedarf auf die vorhandene Business Center
Infrastruktur zurückgreifen. Damit werden die Overheadkosten beim
Start in einen neuen Markt geringer als anderswo gehalten und die
Arbeitseffizienz erhöht.
Andererseits sind wir Netzwerker. Auf unseren über 30.000
Quadratmetern Bürofläche befinden sich derzeit 90 Unternehmen, überwiegend
aus dem deutschen Mittelstand, die Erfahrungsratgeber für die neuen
Mieter sind. Hinzu kommt das German Centre Team, das mit seinen vielen
Kontakten und Erfahrungsschatz praxisrelevante Unterstützung anbieten
kann. Der Erfolg dieses Konzeptes können Sie daran ersehen, dass wir
in etwas mehr wie einem Jahr eine Belegung von gut 80 % erreicht haben
sowie die ersten Geschäfte und Restaurants in unsere Commcial Area
eingezogen sind. Sowohl Bundeswirtschaftsminister Glos wie auch
Bundesminister Tiefensee haben das German Centre bereits besucht.
polinomics:
Seit mehr als 10 Jahren weist China nun schon enorme jährliche
Wachstumsraten auf. Gemessen am BIP ist das Land inzwischen
zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt herangewachsen. Wie lange
hält dieser Trend ihrer Meinung nach noch an?
Christian Sommer:
Alles deutet darauf hin, dass China seine Funktion als
Wachstumsmotor sowohl für die Region als auch für die Weltwirtschaft
für die nächsten Jahre beibehalten wird. Wir dürfen nicht
vergessen: Obwohl China bereits seit mehr als 20 Jahren eine
beispielhafte wirtschaftliche Entwicklung aufzuweisen hat, steht die
Gesamtentwicklung Chinas erst am Anfang. Das gilt insbesondere für
den innerchinesischen Konsum und die Kaufkraft, die aufgrund
steigender Gehälter der sich entwickelten Mittelschicht schnell wächst.
War vormals der wirtschaftliche Fortschritt überwiegend in wenigen Küstenstädten
sichtbar, erstreckt er sich nach und nach auf die anderen gut 150 Städte
mit mehr als eine Million Einwohner. Natürlich ist diese Entwicklung
von Risiken wie Umweltverschmutzung, sozialen Ungleichgewichten etc
verbunden. Aber in der Abwägung von Chancen und Risiken überwiegen
nach Meinung der meisten Analysten die Chancen.
polinomics:
Was raten Sie einem deutschen Unternehmer, der mit dem
Gedanken spielt in den chinesischen Markt einzusteigen?
Christian Sommer:
5 wesentliche Punkte:
1. So schnell wie sich China entwickelt, so schnell ändert sich auch
das Umfeld, in dem ein ausländischer Unternehmer agieren kann. Manche
Handlungsspielräume erweitern sich z. B. durch WTO, manche werden
eingeschränkt, z. B. durch neue Zertifizierungsvorschriften. Daher
ist aktuelle Information besonders wichtig, ansonsten ist die Gefahr
von Fehlentscheidungen gegeben.
2. Hinzukommt die Diskrepanz von Theorie, d. h. geschriebenen
Vorschriften, und Praxis, d. h. der Umsetzung dieser. Daher ist vor
Ort Information besonders wichtig.
3. Markteintritt mit kleinen Schritten (step by step approach), damit
Fehltritte oder notwendige Korrekturen bei der Markterschließung
nicht so teuer werden.
4. Beschäftigung mit dem Thema Patentrechtsverletzung und illegale
Kopien. Denn dies ist in China ein weit verbreitetes Problem.
5. Sorgfältige Auswahl des Personals; evtl. kann auch ein junger
deutscher Ingenieur anstelle eines Chinesen eine gute Wahl sein, das Büro
zu leiten. Erfolgs- bzw. Misserfolgsgeschichten gibt es in beiden Fällen,
und häufig werden die Personalkosten für junge deutsche Kollegen,
die bereit sind, in China zu arbeiten, überschätzt.
polinomics:
Warum ist gerade Shanghai für einen Eintritt in den chinesischen
Markt so attraktiv?
Christian Sommer:
Shanghai hat neben der Stadt selbst ein wirtschaftlich
pulsierendes Umfeld mit seinen Nachbarprovinzen Jiangsu im Norden und
Zhejiang im Süden. Im Großraum Shanghai befinden sich die meisten
deutschen Investitionen. Damit ist auch das Umfeld der
Zulieferindustrie gut entwickelt. Dies wiederum stärkt den Standort.
An billigeren Standorten in ländlichen Provinzen haben ausländische
Investoren zwar geringere Kosten, finden aber kaum qualifizierte
Arbeitnehmer. Häufig ist auch die Infrastruktur und Logistik ein
Problem.
polinomics:
Der chinesischen Sprache wird nachgesagt, dass sie eine der
schwierigsten Sprachen der Welt sei. Besonders für Europäer werden
die ungewöhnlichen Laute schnell zu einem Zungenbrecher. Wie wichtig
ist Chinesisch im Geschäftsleben oder reicht auch das einfache
Business-Englisch aus?
Christian Sommer:
Die Auffassungen zur Wichtigkeit von
Chinesischkenntnissen sind vielfältig. Ich selbst habe kein
Chinesisch studiert, spreche und verstehe aber aufgrund meiner mehr
als 10 Jahre vor Ort und meinem familiären Umfeld schon etwas. Ich
glaube, dass grundlegende Chinesischkenntnisse zunächst wichtig sind,
um sich privat selbständig bewegen zu können und nicht permanent auf
eine/n Dolmetscher/in angewiesen zu sein. Geschäftlich ist es dann
wichtig, wenn jemand im überwiegend chinesischem Umfeld agiert. Außerdem
ist es für die Personalführung wichtig, denn es kann nicht schaden,
wenn man machen Gesprächen seiner chinesischen Kollegen 'mit einem
Ohr' folgen kann.
polinomics:
Das Landesspracheninstitut in Nordrhein-Westfalen
(LSI) bietet Intensivkurse Chinesisch an. Ein Angebot verspricht, in
nur drei Wochen die wichtigsten Grundbegriffe zu erlernen. Was halten
Sie davon?
Christian Sommer:
Ich halte diesen Kurs für den besten, den es in
Deutschland gibt. Jedenfalls kenne ich keinen besseren: Intensiv, die
Dozenten vermitteln Spaß am Lernen und motivieren, die Lerninhalte
sind praxisrelevant, der Preis steht im Verhältnis zur Leistung, das
Feedback der Teilnehmer ist sehr positiv. Wir als German Centre haben
sowohl in Beijing als in Shanghai in Kooperation Chinesischkurse vom
LSI in China mit Erfolg durchgeführt.
polinomics:
Herr Sommer, herzlichen Dank für das Gespräch.
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