|
"Sage
mir, wer sind die Chinesen? Lehre mich die Erinnerung zu pflegen.
Erzähle mir von der Größe dieses Volkes. Erzähl' es mir leise,
schrei es nicht heraus."
Die Verse des chinesischen Dichters Wen Yidou aus dem Jahr 1927 zeigen
dem wissbegierigen westlichen Investor wesentliche Eigenschaften der
Chinesen, die auch heute, gut 90 Jahre später, nicht an Bedeutung
verloren haben. Chinesen sind ruhige Menschen. Die westliche
hopla-hier-komm-ich-Mentalität ist im Land des Lächelns so gut wie
unbekannt. Der Dekan der University of Shanghai for
Science and Technology, kurz USST, Prof. Dr. Li Haohao kann sich
diesem Einfluss ebenfalls nicht entziehen. Die Zuhörer im
Hörsaal 01/12 der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW)
müssen sich schon sehr konzentrieren, um den Ausführungen des
Professors folgen zu können. Der 60jährige Mathematiker, der an der
Universität Trier promovierte, ist kein Mann der lauten Worte. Dabei
ist das Thema, über das er auf Einladung der Hochschule im Rahmen der
eintägigen Vortragsveranstaltung "Herausforderung
China" referiert, um so
bedeutender: Chinas Entwicklung aus der Sicht chinesischer
Wirtschaftsfachleute.
In seinem Vortrag beschreibt
Prof. Li, was westliche Investoren seit Jahren in
Massen nach China lockt: Ein für stagnierende europäische Märkte
fast unvorstellbares Wirtschaftswachstum mit noch größeren
Wachstumsreserven. "Als das bevölkerungsreichste Land übt China
eine starke Anziehung auf ausländische Investoren aus", weiß
der Fachmann nüchtern zu berichten. Jährliche Wachstumsraten des BIP
von rund 9,5% und eine eine private Spareinlage von mehr als 40%
untermauern eindrucksvoll die allgemein bekannte These. Auch wenn die
westliche Welt mit Bewunderung auf die Kraft des wirtschaftlichen
Wachstums schaut, gehört China weiterhin zu den ärmsten Ländern der
Erde. "Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer",
so Li. Der Aufschwung laufe an einem großen Teil des Milliardenvolkes
einfach vorbei. Vom ausländischen Kapital profitieren fast ausschließlich
die Industriestädte in den östlichen Küstengebieten. Kein Wunder
also, dass bisher mehr als 100 Millionen Bauern aus den armen
Westprovinzen als Wanderarbeiter in die Städte gezogen sind. Genau
sie sind es auch, die den wesentlichsten Beitrag zu Chinas Wachstum
beitragen. Eine unerschöpfliche Quelle von willigen und vor allem
billigen Arbeitskräften.
Die hiesigen Diskussionen über Kombi- und Mindestlöhne entlocken dem
gemeinen Chinesen höchstens ein müdes Lächeln. "Das Lohnniveau
ist in China sehr niedrig", weiß Li, trotzdem gebe es
mittlerweile Länder, deren Löhne noch geringer sind als die
chinesischen. Die Zentralregierung habe dieses Problem erkannt und
setzt, ebenso wie westliche Politiker, vermehrt auf eine Verbesserung
des Bildungsstandes der Bevölkerung. Das Land solle nicht mehr länger
nur billiger Lohnarbeiter des Westens sein. Der Staat habe in diesem
Bereich noch eine Menge nachzuholen. Schließlich leben 20% der
Analphabeten allein im Reich der Mitte, so Li. Kaum zu glauben, wenn
man bedenkt, dass das Land auf eine Jahrtausende alte Kultur zurückblickt und unvorstellbar, wenn man überlegt was passiert, wenn es dem
Land gelingt, ein Bildungssystem nach westlichen Standards aufzubauen.
Am Ende von Prof. Li's Vortrag ist sich jeder im Saal sicher: Die
Chinesen werden auch diese Herausforderung meistern.
>
zum Seitenanfang
Bitte
vergewissern Sie sich, dass Sie in Ihrem Browser JavaScript aktiviert
haben!
|