polinomics - No. 2: China ante portas / Herausforderung China
Kopfzeilenfoto  
No. 2: China ante portas  
   
 

Vortrag

 




Editorial
Interview mit Christian Sommer
Herausforderung China
Chinesisch in drei Wochen
Handel in China 
Hamburgs chinesische Seite
Helmut Schmidt im Gespräch
Nachbar China

Herausforderung China

Text: Thomas Sommer

 Foto: Freundeskreis Wirtschaft an der HAW


"
Sage mir, wer sind die Chinesen? Lehre mich die Erinnerung zu pflegen. Erzähle mir von der Größe dieses Volkes. Erzähl' es mir leise, schrei es nicht heraus."  

Die Verse des chinesischen Dichters Wen Yidou aus dem Jahr 1927 zeigen dem wissbegierigen westlichen Investor wesentliche Eigenschaften der Chinesen, die auch heute, gut 90 Jahre später, nicht an Bedeutung verloren haben. Chinesen sind ruhige Menschen. Die westliche hopla-hier-komm-ich-Mentalität ist im Land des Lächelns so gut wie unbekannt.  Der Dekan der University of Shanghai for Science and Technology, kurz USST, Prof. Dr. Li Haohao kann sich diesem Einfluss ebenfalls nicht entziehen. Die Zuhörer im Hörsaal 01/12 der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) müssen sich schon sehr konzentrieren, um den Ausführungen des Professors folgen zu können. Der 60jährige Mathematiker, der an der Universität Trier promovierte, ist kein Mann der lauten Worte. Dabei ist das Thema, über das er auf Einladung der Hochschule im Rahmen der eintägigen Vortragsveranstaltung "Herausforderung China"  referiert, um so bedeutender: Chinas Entwicklung aus der Sicht chinesischer Wirtschaftsfachleute.

In seinem Vortrag beschreibt Prof. Li, was westliche Investoren seit Jahren in Massen nach China lockt: Ein für stagnierende europäische Märkte fast unvorstellbares Wirtschaftswachstum mit noch größeren Wachstumsreserven. "Als das bevölkerungsreichste Land übt China eine starke Anziehung auf ausländische Investoren aus", weiß der Fachmann nüchtern zu berichten. Jährliche Wachstumsraten des BIP von rund 9,5% und eine eine private Spareinlage von mehr als 40% untermauern eindrucksvoll die allgemein bekannte These. Auch wenn die westliche Welt mit Bewunderung auf die Kraft des wirtschaftlichen Wachstums schaut, gehört China weiterhin zu den ärmsten Ländern der Erde. "Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer", so Li. Der Aufschwung laufe an einem großen Teil des Milliardenvolkes einfach vorbei. Vom ausländischen Kapital profitieren fast ausschließlich die Industriestädte in den östlichen Küstengebieten. Kein Wunder also, dass bisher mehr als 100 Millionen Bauern aus den armen Westprovinzen als Wanderarbeiter in die Städte gezogen sind. Genau sie sind es auch, die den wesentlichsten Beitrag zu Chinas Wachstum beitragen. Eine unerschöpfliche Quelle von willigen und vor allem billigen Arbeitskräften. 

Die hiesigen Diskussionen über Kombi- und Mindestlöhne entlocken dem gemeinen Chinesen höchstens ein müdes Lächeln. "Das Lohnniveau ist in China sehr niedrig", weiß Li, trotzdem gebe es mittlerweile Länder, deren Löhne noch geringer sind als die chinesischen. Die Zentralregierung habe dieses Problem erkannt und setzt, ebenso wie westliche Politiker, vermehrt auf eine Verbesserung des Bildungsstandes der Bevölkerung. Das Land solle nicht mehr länger nur billiger Lohnarbeiter des Westens sein. Der Staat habe in diesem Bereich noch eine Menge nachzuholen. Schließlich leben 20% der Analphabeten allein im Reich der Mitte, so Li. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass das Land auf eine Jahrtausende alte Kultur zurückblickt und unvorstellbar, wenn man überlegt was passiert, wenn es dem Land gelingt, ein Bildungssystem nach westlichen Standards aufzubauen.

Am Ende von Prof. Li's Vortrag ist sich jeder im Saal sicher: Die Chinesen werden auch diese Herausforderung meistern.

 > zum Seitenanfang


Bitte vergewissern Sie sich, dass Sie in Ihrem Browser JavaScript aktiviert haben!



 

© Thomas Sommer 2006