polinomics - No. 4: Happy Birthday EU / Politik
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No. 4: Happy Birthday EU  
   
 

Politik

 




Editorial
Europa möchte endlich Taten sehen
Gemeinsam seit 1957
Der  EU-Agrarprotektionismus
Die Gemeinschaft wächst
Europäische Union für Dummies

Der EU-Agrarprotektionismus

Text: Florian Schiegl

 Foto: Andrea Sommer


Die Europäische Union startete, bevor sie sich zur politischen Union in ihrer heutigen Form weiter entwickelte, als reine Wirtschaftsgemeinschaft. Konrad Adenauer, Walter Hallstein auf deutscher Seite, die Franzosen Robert Schuman und Jean Monnet oder der belgische Politiker Paul-Henri Spaak erkannten bald nach Ende des Zweiten Weltkrieges, dass man mittels Freihandel und Gemeinsamen Märkten den zerstörten Kontinent zu ungeahnter ökonomischer Prosperität und sogar zu einem dauerhaften Frieden führen könnte.

So entwickelten sich Zollsenkungen und Liberalisierung der Märkte früh zu tragenden Säulen der Europäischen Integration. Europa nahm sogar in den weltweiten Zollsenkungsrunden eine Vorreiterrolle ein. Doch ein Feld der europäischen Politiken mutet seit jeher wie ein eigentlich längst überholter Anachronismus an: der gänzlich vergemeinschaftete Agrarsektor. Hier bestimmen Zölle, Quoten und eine ausgeprägte „Subventionitis“ das Bild. Bisherige Reformen blieben meist kosmetischer Natur, eine wirklich substanzielle Neugestaltung wusste die mächtige europäische Landwirtschaftslobby bislang gekonnt zu verhindern. Die supranationale EU-Landwirtschaftspolitik weicht zwar kaum vom Agrar-Protektionismus in außereuropäischen Industriestaaten ab. Dies schützt sie aber trotzdem nicht vor einer kritischen Hinterfragung.

Insgesamt fließen über 40 Milliarden Euro aus dem EU-Topf in die europäische Landwirtschaft. Dies entsprach 2006 etwa 38 Prozent des Gesamthaushaltes der Union und stellte mit Abstand den größten Ausgabenposten dar. Diese Größenordnung allein wäre kein entscheidender Kritikpunkt, würde man mit dem Geld Sinnvolleres anfangen.

Für viele landwirtschaftliche Produkte wurden in der EU Gemeinsame Marktordnungen (GMO) etabliert. Diese sichern den europäischen Produzenten häufig so genannte Interventionspreise zu, die weit über dem Weltmarktpreis liegen. Da zu diesem garantierten Preis das europäische Angebot und die Nachfrage weit auseinander klaffen, verpflichtet sich die EU, den Angebotsüberschuss aufzukaufen und selbst abzusetzen oder den Produzenten über eine Exportsubvention den Verkauf am Weltmarkt zu erleichtern. Beide Varianten machen den EU-Agrarsektor zum Exporteur, obwohl die Union ohne Subventionen eigentlich Importeur wäre und drücken durch das künstlich erzeugte zusätzliche Angebot den Weltmarktpreis noch weiter. Um potenziellen Import zu den niedrigeren Weltmarktpreisen zu verhindern, schottet sich die EU mit hohen Zöllen ab, die die vom EU-Konsumenten zu bezahlenden Preise für den Import von landwirtschaftlichen Gütern über die Interventionspreise hinaus erhöhen und damit die Einfuhr aus Nicht-EU-Staaten uninteressant machen. Große Wirkung erzielt dieses System vor allem bei der Zucker- und der Bananenproduktion der Gemeinschaft.

Die wohl größten Nachteile aus diesem Instrumentarium müssen die Entwicklungsländer tragen, die eigentlich auf den Agrarexport angewiesen wären. Nur in der Landwirtschaft erreichen sie mit ihren Produkten komparative Vorteile gegenüber den Industriestaaten, werden aber durch deren Protektionismus von riesigen Absatzmärkten ausgeschlossen. Zusätzlich senkt der subventionierte europäische Export den Weltmarktpreis und schadet diesen Ländern. Blickt man etwa – allein schon aus europäischem Eigennutz – auf die Flüchtlingsboote in spanischen, italienischen oder maltesischen Gewässern, muss man diese Länder endlich aktiv am Welthandel in solchen Märkten teilhaben lassen. Nur Stacheldraht an allen Küsten oder die Chance auf eine prosperierende Zukunft für die Entwicklungsländer aus eigenem Antrieb kann Europa in Zukunft vor einem nicht zu bewältigenden Migrationsstrom aus dem Süden schützen. Welche Alternative die wünschenswertere ist, muss sich jeder mündige Bürger selbst überlegen.

Gleichzeitig leiden die europäischen Verbraucher unter den in manchen Sektoren künstlich hohen EU-Interventionspreisen, die die Konsumentenpreise für die EU-Bürger darstellen und den jeweiligen Weltmarktpreis deutlich übertreffen. So bürdet allein die GMO Zucker laut Europäischem Rechnungshof den Konsumenten in der EU jährlich zusätzlich 6,3 Milliarden Euro auf.

Auch wenn die EU, um die grob verzerrende Wirkung auf die Produktion zumindest einzugrenzen, in anderen landwirtschaftlichen Sektoren vermehrt zu produktionsunabhängigen Direktbeihilfen und Flächenstilllegungsprämien übergegangen ist und die zur Vernichtung bestimmten Milchseen und Butterberge der 1980er Jahre der Vergangenheit angehören, nützt die EU-Agrarpolitik nur Wenigen und generiert auch innerhalb der Union gravierende Verzerrungen.

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© Thomas Sommer 2006 - 2007