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Dr.
Silvana
Koch-Mehrin ist seit Juni 2004 Mitglied des Europaparmlaments und
seitdem auch Vorsitzende der deutschen FDP-Delegation und
stellvertretende Vorsitzende der drittgrößten Fraktion im
Europaparlament, der Allianz der Liberalen und Demokraten für
Europa. Die promovierte Volkswirtin war schon während Ihres
Studiums in Baden-Württemberg stellvertretende Bundesvorsitzende
und Pressesprecherin der Jungen Liberalen. Nach der Promotion gründete
Koch-Mehrin die Unternehmensberatung Policy Action Ltd. und nahm ein
Lehrauftrag im MBA Studiengang Business Communication an den United
Business Institutes in Brüssel war.
polinomics:
Sehr
geehrte Frau Dr. Koch-Mehrin. Deutschland hat am 01. Januar 2007 die
Ratspräsidentschaft der EU übernommen. Welche Punkte müssen Ihrer
Meinung nach unbedingt auf die EU-Agenda von Angela Merkel?
Dr. Koch-Mehrin:
Weil
Deutschland das größte und mächtigste Mitglied der EU ist, erwarten
die anderen Mitgliedstaaten ganz besondere Impulse und Fortschritte
von uns. Mit anderen Worten: Europa möchte endlich Taten sehen. Die Bürger
haben es satt, mit altbekannten Floskeln abgespeist zu werden. In Brüssel
wissen alle: Der Erfolg von Angela Merkel und von Deutschland wird
Ende Juni daran gemessen, ob sie den Europäischen Verfassungsvertrag
gerettet hat. Der liegt seit den negativen Referenden in Frankreich
und den Niederlanden auf Eis und kann - obwohl ihn andere Staaten
bereits ratifiziert haben - in der vorliegenden Form niemals rechtskräftig
werden, weil alle EU-Staaten ihm zustimmen müssen. Die Aufgabe für
Angela Merkel ist also, nach Änderungsmöglichkeiten und Kompromissen
zu suchen, die auch für die Franzosen und Niederländer akzeptabel
sind.
polinomics:
Ein
Leitsatz der Medienbranche lautet „Kommunikation ist nicht alles,
aber ohne Kommunikation ist alles nichts.“ Mit der Kommunikation tut
sich die EU zuweilen jedoch schwer. Besonders wenn es um die
Kommunikation mit ihren Bürgern geht. Die Quittung der Europäer kam
spätestens mit dem Nein zur gemeinsamen Verfassung. Was tut die EU,
um dieses offensichtliche Informationsdefizit abzubauen?
Dr. Koch-Mehrin:
Auch
in Brüssel hat man gemerkt, dass man die Bürger bisweilen nicht
erreicht. Es gibt gute und richtige Initiativen. Aber eine selbst eine
hervorragende professionelle Kommunikation der EU wird kaum Wirkung
zeigen, wenn nicht die nationale Politik offen benennt, was sie mit
Europa zu tun hat. Politikvermittlung läuft über Personen und
Konfliktlinien. Die sind national bekannt, nicht europäisch.
polinomics:
Frau Dr.
Koch-Mehrin, hat
die gemeinsame Verfassung in absehbarer Zeit noch eine Chance?
Dr. Koch-Mehrin:
Natürlich.
Nur eben nicht in der vorliegenden Form. Franzosen und Niederländer
haben gegen diese Verfassung votiert. Das darf man nicht ignorieren.
Ebenso wenig kann man beiden Völkern den Vertrag erneut oder in
leicht abgewandelter Form präsentieren - das käme einem Affront
gleich. Gute Ideen gibt es bereits, zum Beispiel vom österreichischen
Bundespräsidenten Fischer, der die Bürger über die Verfassung
abstimmen lassen will – in ganz Europa. Das finde ich richtig! Oder
der französische Präsidentschaftskandidat Sarkozy, dem ein
Mini-Vertrag vorschwebt. Allen ist klar: Die Verfassung wird dringend
benötigt, damit die EU mit ihren 27 Mitgliedstaaten überhaupt
funktionieren und effektiv Beschlüsse fassen kann.
polinomics:
Am 25.
März 2007 jährt sich zum 50. Mal die Unterzeichnung der Römischen
Verträge. In diesem halben Jahrhundert ist viel geschehen: Grenzen
fielen und Währungen verschmolzen. Wie sieht Ihr Europa der Zukunft
aus?
Dr. Koch-Mehrin:
Größer,
so viel steht fest. Mitglied kann sein, wer sich mit unseren Werten
identifiziert und die Kriterien der Gemeinschaft erfüllt. Heute kann
Europa entscheiden, ob es in Zukunft das Museum der Welt sein will.
Oder aber die Denkfabrik der Welt.
polinomics:
Frau
Dr. Koch-Mehrin, herzlichen Dank für das Gespräch.
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