polinomics - No. 5: Zurück zu alten Werten!? / Interview
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No. 5: Zurück zu alten Werten!?  
   
 

Interview

 




Editorial
Wer andere führt muss sich selbst gut führen
Das moralische Unternehmen
CSR = Unternehmenskultur
Der Fall Brent Spar
Spirituell führen

Wer andere führt, muss sich selbst gut führen

Die Fragen stellte Thomas Sommer

 Foto: Abtei Münsterschwarzach


Pater Anselm Grün OSB wurde mit 19 Jahren Benediktinermönch in der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg. Dort lernte Pater Anselm die Kunst der Menschenführung aus den Regeln Benedikts von Nursia kennen. Nach seinem Studium der Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft ist Pater Anselm seit 1977 der wirtschaftliche Leiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach und damit für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. In zahlreichen Kursen und Vorträgen geht er auf die Nöte und Fragen der Menschheit ein. So ist er zum spirituellen Berater und geistlichen Begleiter von vielen Managern geworden und gehört zu den meistgelesenen christlichen Autoren der Gegenwart. Seine Vorträge werden jedes Jahr von mehreren tausend Menschen besucht. 

polinomics:

Pater Anselm, der wirtschaftliche Schaden für Unternehmen, die sich gesellschaftlich - scheinbar - nicht korrekt verhalten, kann sehr groß sein.
Die Schlagzeilen sind uns alle bekannt: Siemens ist in einem Korruptionsverfahren verstrickt, VW unternahm Lustreisen, Allianz streicht tausende Stellen trotz Rekordgewinne. Der Versuch von René Obermann (Telekom) die Wogen der Empörung dadurch zu glätten, dass er auf zwei Monatsgehälter verzichtet, endete in einem Desaster. Die Bevölkerung empfindet seine Top-Manager vielfach nur noch als Selbstbedienungsverein ohne Sinn für die Realität.
Beobachten Sie ebenfalls einen allgemeinen Werteverfall in der Wirtschaft?

Pater Anselm:
Es gibt heute zwei Tendenzen in der Wirtschaft: Auf der einen Seite gibt es leider immer wieder Firmen und Manager, die kein Gespür für Werte haben und denen es nur um den Gewinn oder das eigene Image geht. Aber auf der andern Seite beobachte ich immer mehr Menschen, die damit nicht zufrieden sind und sich auf den Weg machen, die Werte neu in der Wirtschaft zu befolgen.

polinomics:
Sie bieten in Ihrem Kloster Manager-Seminare an. Passen Kirche und Wirtschaft denn überhaupt zusammen?

Pater Anselm:
Vor 20 Jahren hätte die Wirtschaft kaum an der Kirche angeklopft. Umso mehr freut es mich, dass heute immer mehr Wirtschaftler das Bedürfnis haben, von den Erfahrungen christlicher Tradition zu lernen. Der Glaube bringt die Führungskräfte in Berührung mit ihrer inneren Quelle, die größer ist als ihre eigene Kraft. Sie spüren, dass sie Wege brauchen, um zur Ruhe zu kommen. Und da hat die Kirche genügend Erfahrung, solche Wege zu zeigen. Außerdem spüren die Manager, dass sie die Würde des Menschen neu sehen müssen. Auch da können sie von der christlichen Botschaft lernen.

polinomics:
Was können die Acker- und Obermanns unserer Republik von den Lehren des heiligen Benedikt lernen?


Pater Anselm:
Benedikt geht es einmal um die persönliche Reife der Führungskraft. Wer andere führt, muss sich selbst gut führen. Er muss im Einklang sein mit sich selbst. Führen heißt für Benedikt: Leben wecken in den Menschen, also nicht: die Menschen auspressen oder sie klein machen, sondern sie aufrichten und sie mit dem Potential ihrer eigenen Fähigkeiten in Berührung bringen. Und für Benedikt ist es wichtig, die Dinge dieser Welt achtsam und behutsam zu behandeln. Das täte unserer Zeit auch gut.

polinomics:
Was heißt Mitarbeiterführung und soziale Verantwortung für Sie?

Pater Anselm:
Wenn ich Mitarbeiter führe, übernehme ich auch für sie Verantwortung, für ihre Gesundheit, für ihr Wohlergehen. Das Arbeitsklima ist entscheidend für die Gesundheit des Mitarbeiters. Wenn ich ihm bei der Arbeit Freude vermittle, dann tut ihm das auch in der Familie gut. Wenn er aufrecht nach Hause geht, braucht er andere nicht zu unterdrücken.

polinomics:
Was nehmen Ihre Seminarteilnehmer - hoffentlich - in ihr berufliches und privates Leben mit?

Pater Anselm:
Sie nehmen mit, dass sie für ihre eigene Seele sorgen sollen, wie Benedikt das sagt, dass sie mehr auf die eigenen Gefühle achten sollen und dass sie ihre Mitarbeiter mit neuen Augen sehen, mit Augen des Glaubens, die an das Gute im andern glauben und es durch einen liebevollen Umgang in ihnen wecken.

polinomics:
Pater Anselm, herzlichen Dank für das Gespräch.

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© Thomas Sommer 2006 - 2007