polinomics - No. 5: Zurück zu alten Werten!? / Chronik
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No. 5: Zurück zu alten Werten!?  
   
 

Chronik

 




Editorial
Wer andere führt muss sich selbst gut führen
Das moralische Unternehmen
CSR = Unternehmenskultur
Der Fall Bent Spar
Spirituell führen

Der Fall Brent Spar

Text: Thomas Sommer

 Foto: Thomas Sommer


Brent Spar. Wir alle kennen noch den Namen des schwimmenden Öltanks. 190 Kilometer nordöstlich der britischen Shetlandinseln diente sie dem Shell Konzern in den Jahren 1976 bis 1991 als Zwischenlager für Rohöl. Tankschiffe legten dort an, um das Öl zu den Raffenerieen und an Land zu bringen. Schon bald übernahmen Pipelines den Transport zum Ölterminal Sullom Voe. Mitte der 90er Jahre sollte Brent Spar - weil mittlerweile durch die Pipelines überflüssig geworden - im Meer versenkt werden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtete, dass die Versenkung Schule machen könnte und der einfachen Entsorgung von einigen hundert weiteren Plattformen Tür und Tor geöffnet würde. Die Aktivisten versuchten daraufhin dieses Vorhaben zu verhindern und besetzten dazu die Plattform am 30. April 1995. Ab nun trat Brent Spar in den Mittelpunkt eines bis dahin kaum gekannten Medienspektakels. An dessen Ende der Ölriese klein beigeben musste, um den bisher entstandenen Imageschaden wenigstens zu begrenzen. 

16. Februar 1995
Die englische Regierung genehmigt die Versenkung der ausrangierten Ölplattform Brent Spar.

01. März 1995
Shell stellt unter dem Motto "Das wollen wir ändern" eine neue Social-Marketing-Kampagne vor. Die Bereiche Soziales und Umwelt sollen in Anzeigen und Fernsehspots in den Vordergrund gestellt werden. 

30. April 1995
Greenpeace-Aktivisten besetzen in einer waghalsigen Aktion die Ölplattform Brent Spar. 

01. Mai 1995
Shell erkennt nicht die Brisanz des Themas. Die deutsche Shell-Zenrale in Hamburg erfährt von der Besetzung erst durch die Medien.

08. Mai 1995
Greenpeace installiert eine Solaranlage zur Eigenversorgung.

12. Mai 1995
Per Hubschrauber wird den Besetzern eine einstweilige Verfügung überbracht, die zum sofortigen Verlassen der Plattform auffordert. Unterdessen verteilt Greenpeace an deutschen Shell-Tankstellen Flugblätter, um auf den Umweltskandal aufmerksam zu machen. EU-Umweltkommissarin, Ritt Bjerrgard, begrüßt die Greenpeace-Aktion.

17. Mai 1995
Shell bereitet die Räumung der Plattform vor. In der Zwischenzeit haben sich die Regierungen von Dänemark, Island, Belgien und den Niederlanden gegen die Versenkung von Brent Spar ausgesprochen.

23. Mai 1995
Shell-Mitarbeiter und Polizeibeamte räumen die Plattform. Umweltministerin Angela Merkel bekommt von Greenpeace ein Flugticket zu den Shetland-Inseln überreicht (inklusive Transfer zur Plattform Brent Spar). Gegenüber der Presse spricht sich Merkel gegen eine Versenkung aus. Die Räumung der Plattform führt in den Medien zu Unverständnis.

24. Mai 1995
Die Junge Union Nordrhein-Westfalens ruft zum Boykott von Shell-Tankstellen auf. Andere Landesverbände schließen sich an.

30. Mai 1995
Bundestagsabgeordnete protestieren gegen die geplante Versenkung von Brent Spar. Klaus Lennartz (SPD): "Es gibt auch noch andere Tankstellen." 

01. Juni 1995
Drei Viertel der Deutschen wären zu einem Shell-Boykott bereit.

07. Juni 1995
Erneut versuchen Greenpeace-Aktivisten Brent Spar zu besetzen. Medienwirksam hissen sie ein Banner mit der Aufschrift "Save our Seas". Die Plattform wird wieder geräumt. Gleichzeitig wird das Auslaufen des Hochseeschleppers verzögert, der die Brent Spar zum Versenkungsort ziehen soll. 

08. Juni 1995
Rudolf Scharping (SPD) dankt Greenpeace für das Engagement gegen die Versenkung der Ölplattform.

09. Juni 1995
Die Ministerrunde auf der Nordseeschutzkonferenz beschließt, dass stillgelegte Offshore-Anlagen entweder wiederverwertet oder an Land entsorgt werden müssen.

10. Juni 1995
Die Nachrichtenagentur dpa meldet Kritik an der geplanten Versenkung seitens einiger Shell-Mitarbeiter. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin, Heide Simonis (SPD), fordert Bundeskanzler Helmut Kohl auf, die Rettung der Nordsee zur Chefsache zu erklären.

11. Juni 1995
Brent Spar wird in Richtung Nordsee geschleppt.

12. Juni 1995
FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle spricht sich gegen eine Versenkung aus.

14. Juni 1995
Der Protest gegen Shell schlägt immer höhere Wellen. Einzelne Behörden und Verbände geben Dienstanweisungen heraus, nicht mehr bei Shell zu tanken. Peter Duncan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Shell AG, gesteht spürbare Absatzverluste ein.

15. Juni 1995
Zur Schadensbegrenzung zieht Shell die Imagekampagne "Das wollen wir ändern" zurück.

16. Juni 1995
Die Plattform wird zum dritten Mal besetzt. 

20. Juni 1995
Paul Haseldonckx, Erdölproduktionsgesellschaft Deminex, beschwert sich bei Shell. Shells Handlungsweise sei einem positiven Image der gesamten Ölindustrie nicht dienlich. 

17:49 Uhr
Shell verkündet, dass die Brent Spar nicht versenkt wird. Ein Sprecher der deutschen Shell begründet die Entscheidung mit dem riesigen Proteststurm, nach dem man nicht zur Tagesordnung übergehen könne.

27. Juni 1995
Shell versucht sein angekratztes Image mit einer neuen Anzeigenkampagne zu verbessern. Titel: Wir werden uns ändern.

11. Juli 1995
Brent Spar geht im norwegischen Erfjord vor Anker. Shell schreibt die Entsorgung der Plattform international aus.

August 1995
Peter Duncan, Vorstandschef der deutschen Shell, sagt, es habe sich in erster Linie um ein Kommunikationsproblem gehandelt. 

Januar 1998
Shell gibt bekannt, Brent Spar an Land zu entsorgen. Kosten 25 Millionen Pfund. Die Versenkung hätte 20 Millionen Pfund gekostet.

10. Juli 1999
Die Zerlegung der Brent Spar ist abgeschlossen.

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© Thomas Sommer 2006 - 2007