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No.6: Politik und Medien - Wer beeinflusst wen?
 

Essay

 

Von Skandalierern und Skandalierten

Text: Florian Schiegl


Über die Macht der Medien wird wild spekuliert. Mutmaßungen, deutsche Leitmedien hätten vor der Bundestagswahl 2005 eine Koalition zwischen Union und FDP herbei zu schreiben versucht und gar eine publizistische Verschwörung gegen Bundeskanzler Schröder lanciert, befeuern derartige Spekulationen. 

Ob solch ein Vorhaben damals tatsächlich die Berichterstattung antrieb und wenn ja, ob derartige Lenkungsversuche des Wählers legitim sind, sei dahingestellt. An der wichtigen Funktion der Presse für die öffentliche Meinungsbildung ändern derartige Auswüchse nichts. Dass unabhängige Medien nach eigenem Gusto versuchen, auf publizistischem Wege auf die Politik einzuwirken, ist in einer Demokratie alltäglich. Wie effektiv dies aber ist und welche Macht die Medien dabei wirklich besitzen, bleibt nur schwer auszumachen. Schröders politisches Ende kann sich die journalistische Elite zumindest kaum alleine ans Revers heften.

Eine andere wichtige Funktion der Presse ist die Kontrolle der Politik und die Aufdeckung von politischen Missständen. Lässt ein Journalist einen politischen Skandal auffliegen, dann wirkt er nicht nur über den Umweg der öffentlichen Meinung, sondern direkt und sehr offensichtlich auf die Politik ein. Die Medien lösen als Skandalierer durch die Aufdeckung des Skandals inhaltliche und personelle Konsequenzen bei den Skandalisierten, also in der Politi
k aus. Die sonst so undurchschaubaren publizistisch-politischen Wirkungsmechanismen werden plötzlich greifbar.

Watergate - Die Mutter aller politischen Skandale

Wenn auch nicht die erste, sicher aber die bekannteste von der Presse aufgedeckte Affäre und damit so etwas wie die „Mutter aller politischen Skandale“ war der Watergate-Skandal.

Im Jahr 1973 enthüllten die späteren Pulitzer-Preisträger Bob Woodward und Carl Bernstein eine ganze Reihe von Verfehlungen und Vertuschungsversuchen des republikanischen US-Präsidenten Richard M. Nixon und dessen Entourage. Der Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Komplex war dabei nur die Spitze eines großen Eisbergs, der letztlich sogar Nixons Präsidentschaft zum kentern brachte. Auch wenn die Bedeutung von Woodward und Bernstein bei der Aufklärung der Watergate-Affäre mittlerweile relativiert wird, bleibt ihre Arbeit dennoch als exponiertes Beispiel für investigativen Journalismus in den Köpfen verankert.

Dieser Enthüllungsjournalismus hat in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert
s nutzten amerikanische Schriftsteller und Journalisten die Vorzüge der Pressefreiheit, um schmutzige Geschäfte, Korruption und andere Missstände aufzudecken. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt bezeichnete die kritischen Berichterstatter als „muckraker“ und befürwortete die Arbeit dieser „Schmutzaufwühler“.

Auch Kollegen von Woodward und Bernstein machten sich einen Namen als „muckraker“ und griffen diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Seymour Hersh brachte das 1968 während des Vietnamkrieges verübte Massaker von My Lai an vietnamesischen Zivilisten an die Öffentlichkeit, klagte Schlampereien rund um 9/11 an und enthüllte 2004 zusammen mit dem Fernsehsender CBS die Missstände im irakischen Folter-Gefängnis Abu Ghuraib. Gary Webb schrieb 1996 in seiner Artikelserie „Dark Alliance“ über die Verwicklung des US-Geheimdienstes CIA in den Drogenhandel der nicaraguanischen Contra-Rebellen.

Bedingt abwehrbereit - Das Beispiel Deutschland

In Europa konnte sich diese Form des Journalismus’ vor dem Krieg freilich kaum etablieren. In Deutschland gab es auch nach 1945 und trotz bundesrepublikanischer Pressefreiheit gewisse Anlaufprobleme. 1962 wurde nicht der enthüllte Missstand an sich zum Skandal, sondern dessen Aufdeckung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ darüber berichtet, dass die Bundeswehr einem Angriff des Warschauer Paktes kaum Stand halten könnte. Die Staatsmacht reagierte heftig. Unter dem Vorwurf des Landesverrates wurden die Räume des Spiegel polizeilich durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und einige Kollegen kamen sogar in Haft. Letztlich wurden aber alle Anschuldigungen gerichtlich entkräftet und Franz-Josef Strauß musste als Verteidigungsminister zurücktreten. Der Enthüllungsjournalismus bekam in den folgenden Jahrzehnten einen regelrechten Schub.

Einer, der in Deutschland auf diesem Gebiet vieles geleistet hat und immer noch leistet, ist Hans Leyendecker. Erst beim Spiegel, danach bei der Süddeutschen Zeitung enthüllte er mehrfach politische Skandale. Er deckte 1982 die Flick-Affäre um verdeckte Parteispenden auf, ermittelte 15 Jahre später in Helmut Kohls CDU-Spendenskandal und entlarvte zuletzt die Korruption bei Siemens. 

Günter Wallraff ist in der Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände ebenso erfolgreich. In seiner Methode, unter falscher Identität zu recherchieren, aber sehr umstritten. Er berichtete aus der Perspektive eines deutschen Industriearbeiters, wies der BILD-Zeitung als Redaktionsmitglied journalistische Versäumnisse nach und schlüpfte in die Rollen eines türkischen Gastarbeiters oder eines Call-Center- Mitarbeiters. Die mit den Klagen gegen ihn betrauten Gerichte gaben Wallraff meist Recht, seine Erfolge sowieso.

So wichtig die Bedeutung solcher Enthüllungen für die Gesellschaft auch sein mag, so groß ist die Gefahr, dass Journalisten dieses Genres weit über das Ziel hinausschießen. Das eigene berufliche Fortkommen, Sensationsgier, Auflagensteigerung oder einfach nur Unachtsamkeit können die Ursachen dafür sein.

Als das Magazin „Stern“ 1983 gefälschte Hitler-Tagebücher im Glauben, es handle sich um die Originale, veröffentlichte und damit erst den Skandal verursachte, war wohl eine Kombination all dieser Motive ausschlaggebend. Doch auch andere mussten schon mit Kritik zu Recht kommen. Leyendecker etwa ging 1993 im Spiegel mit einer Titel-Geschichte an die Öffentlichkeit, die Polizei hätte den RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen regelrecht hingerichtet. Seine Quellen ließen sich aber nicht verifizieren, er selbst bezeichnete die Geschichte später als einen verheerenden Fehler. Auch in den USA warfen Enthüllungsartikel trotz der Tradition des „muckraking“ schon mehrmals heftige Kontroversen auf. Webb geriet mit seinen Ausführungen über die „Dark Alliance“ ins Kreuzfeuer, die Veröffentlichung der geheimen „Pentagon Papers“ brachte Daniel Ellsberg 1971 zwar Lob für die Offenlegung vieler Hintergründe des Vietnamkrieges, aber auch den Vorwurf des Geheimnisverrats ein.

In den Vereinigten Staaten können Reporter meist viel tiefer in brisante Themen einsteigen, da die finanziellen Ressourcen der Medien größer sind. Etwa die Freistellung vom journalistischen Tagesgeschäft ermöglicht es, genauer zu recherchieren und sich nur auf ein Thema zu konzentrieren. Dies macht es einfacher, echte Skandale zu identifizieren und, solange nicht Sensationsgier und Karriereplanung die Wahrnehmung des Journalisten beeinträchtigen, Fehler zu vermeiden. Doch auch in den USA werden die Ressourcen für die Pressearbeit durch Medienkonzentration und Kostendruck zusehends knapper.

So Aufsehen erregend es letztlich auch sein mag, wenn ein Journalist einen Skandal aufdeckt und direkte Konsequenzen in der Politik auslöst, so kurzfristig ist die daraus resultierende Aussagekraft über die Macht der Medien. Etwa über die Möglichkeiten durch die Berichterstattung den Ausgang von Wahlen zu lenken, sagen solche geplatzten publizistischen Bomben rein gar nichts aus. Wäre Schröder durch einen von der Zeitung XY aufgedeckten Skandal gestolpert, wären Ross und Reiter klar zu benennen gewesen
. Seine Abwahl allein der Presse anzuhängen, ist übertrieben.