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Über
die Macht der Medien wird wild spekuliert. Mutmaßungen, deutsche
Leitmedien hätten vor der Bundestagswahl 2005 eine Koalition
zwischen Union und FDP herbei zu schreiben versucht und gar eine
publizistische Verschwörung gegen Bundeskanzler Schröder lanciert,
befeuern derartige Spekulationen.
Ob
solch ein Vorhaben damals tatsächlich die Berichterstattung antrieb
und wenn ja, ob derartige Lenkungsversuche des Wählers legitim
sind, sei dahingestellt. An der wichtigen Funktion der Presse für
die öffentliche Meinungsbildung ändern derartige Auswüchse
nichts. Dass unabhängige Medien nach eigenem Gusto versuchen, auf
publizistischem Wege auf die Politik einzuwirken, ist in einer
Demokratie alltäglich. Wie effektiv dies aber ist und welche Macht
die Medien dabei wirklich besitzen, bleibt nur schwer auszumachen.
Schröders politisches Ende kann sich die journalistische Elite
zumindest kaum alleine ans Revers heften.
Eine
andere wichtige Funktion der Presse ist die Kontrolle der Politik
und die Aufdeckung von politischen Missständen. Lässt ein
Journalist einen politischen Skandal auffliegen, dann wirkt er nicht
nur über den Umweg der öffentlichen Meinung, sondern direkt und
sehr offensichtlich auf die Politik ein. Die Medien lösen als
Skandalierer durch die Aufdeckung des Skandals inhaltliche und
personelle Konsequenzen bei den Skandalisierten, also in der Politik
aus. Die sonst so undurchschaubaren publizistisch-politischen
Wirkungsmechanismen werden plötzlich greifbar.
Watergate - Die Mutter aller politischen Skandale
Wenn
auch nicht die erste, sicher aber die bekannteste von der Presse
aufgedeckte Affäre und damit so etwas wie die „Mutter aller
politischen Skandale“ war der Watergate-Skandal.
Im Jahr 1973 enthüllten die späteren Pulitzer-Preisträger Bob
Woodward und Carl Bernstein eine ganze Reihe von Verfehlungen und
Vertuschungsversuchen des republikanischen US-Präsidenten Richard
M. Nixon und dessen Entourage. Der Einbruch in das Hauptquartier der
Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Komplex war dabei
nur die Spitze eines großen Eisbergs, der letztlich sogar Nixons Präsidentschaft
zum kentern brachte. Auch wenn die Bedeutung von Woodward und
Bernstein bei der Aufklärung der Watergate-Affäre mittlerweile
relativiert wird, bleibt ihre Arbeit dennoch als exponiertes
Beispiel für investigativen Journalismus in den Köpfen verankert.
Dieser Enthüllungsjournalismus hat in den Vereinigten Staaten eine
lange Tradition. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts
nutzten amerikanische Schriftsteller und Journalisten die Vorzüge
der Pressefreiheit, um schmutzige Geschäfte, Korruption und andere
Missstände aufzudecken. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt
bezeichnete die kritischen Berichterstatter als „muckraker“ und
befürwortete die Arbeit dieser „Schmutzaufwühler“.
Auch Kollegen von Woodward und
Bernstein machten sich einen Namen als „muckraker“ und griffen
diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Seymour Hersh
brachte das 1968 während des Vietnamkrieges verübte Massaker von
My Lai an vietnamesischen Zivilisten an die Öffentlichkeit, klagte
Schlampereien rund um 9/11 an und enthüllte 2004 zusammen mit dem
Fernsehsender CBS die Missstände im irakischen Folter-Gefängnis
Abu Ghuraib. Gary Webb schrieb 1996 in seiner Artikelserie „Dark
Alliance“ über die Verwicklung des US-Geheimdienstes CIA
in den Drogenhandel der nicaraguanischen Contra-Rebellen.
Bedingt abwehrbereit - Das Beispiel Deutschland
In Europa konnte sich diese Form des Journalismus’ vor dem Krieg
freilich kaum etablieren. In Deutschland gab es auch nach 1945 und
trotz bundesrepublikanischer Pressefreiheit gewisse Anlaufprobleme.
1962 wurde nicht der enthüllte Missstand an sich zum Skandal,
sondern dessen Aufdeckung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“
hatte unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ darüber berichtet,
dass die Bundeswehr einem Angriff des Warschauer Paktes kaum Stand
halten könnte. Die Staatsmacht reagierte heftig. Unter dem Vorwurf
des Landesverrates wurden die Räume des Spiegel polizeilich
durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und einige Kollegen kamen
sogar in Haft. Letztlich wurden aber alle Anschuldigungen
gerichtlich entkräftet und Franz-Josef Strauß musste als
Verteidigungsminister zurücktreten. Der Enthüllungsjournalismus
bekam in den folgenden Jahrzehnten einen regelrechten Schub.
Einer, der in Deutschland auf diesem Gebiet vieles geleistet hat und
immer noch leistet, ist Hans Leyendecker. Erst beim Spiegel, danach
bei der Süddeutschen Zeitung enthüllte er mehrfach politische
Skandale. Er deckte 1982 die Flick-Affäre um verdeckte
Parteispenden auf, ermittelte 15 Jahre später in Helmut Kohls
CDU-Spendenskandal und entlarvte zuletzt die Korruption bei
Siemens.
Günter Wallraff ist in der Aufdeckung gesellschaftlicher
Missstände ebenso erfolgreich. In seiner Methode, unter falscher
Identität zu recherchieren, aber sehr umstritten. Er berichtete aus
der Perspektive eines deutschen Industriearbeiters, wies der
BILD-Zeitung als Redaktionsmitglied journalistische Versäumnisse
nach und schlüpfte in die Rollen eines türkischen Gastarbeiters
oder eines Call-Center- Mitarbeiters. Die mit den Klagen gegen ihn
betrauten Gerichte gaben Wallraff meist Recht, seine Erfolge
sowieso.
So
wichtig die Bedeutung solcher Enthüllungen für die Gesellschaft
auch sein mag, so groß ist die Gefahr, dass Journalisten dieses
Genres weit über das Ziel hinausschießen. Das eigene berufliche
Fortkommen, Sensationsgier, Auflagensteigerung oder einfach nur
Unachtsamkeit können die Ursachen dafür sein.
Als das Magazin „Stern“ 1983 gefälschte Hitler-Tagebücher im
Glauben, es handle sich um die Originale, veröffentlichte und damit
erst den Skandal verursachte, war wohl eine Kombination all dieser
Motive ausschlaggebend. Doch auch andere mussten schon mit Kritik zu
Recht kommen. Leyendecker etwa ging 1993 im Spiegel mit einer
Titel-Geschichte an die Öffentlichkeit, die Polizei hätte den
RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen regelrecht
hingerichtet. Seine Quellen ließen sich aber nicht verifizieren, er
selbst bezeichnete die Geschichte später als einen verheerenden
Fehler. Auch in den USA warfen Enthüllungsartikel trotz der
Tradition des „muckraking“ schon mehrmals heftige Kontroversen
auf. Webb geriet mit seinen Ausführungen über die „Dark Alliance“
ins Kreuzfeuer, die Veröffentlichung der geheimen „Pentagon
Papers“ brachte Daniel Ellsberg 1971 zwar Lob für die Offenlegung
vieler Hintergründe des Vietnamkrieges, aber auch den Vorwurf des
Geheimnisverrats ein.
In den Vereinigten Staaten können Reporter meist viel tiefer in
brisante Themen einsteigen, da die finanziellen Ressourcen der
Medien größer sind. Etwa die Freistellung vom journalistischen
Tagesgeschäft ermöglicht es, genauer zu recherchieren und sich nur
auf ein Thema zu konzentrieren. Dies macht es einfacher, echte
Skandale zu identifizieren und, solange nicht Sensationsgier und
Karriereplanung die Wahrnehmung des Journalisten beeinträchtigen,
Fehler zu vermeiden. Doch auch in den USA werden die Ressourcen für
die Pressearbeit durch Medienkonzentration und Kostendruck zusehends
knapper.
So Aufsehen erregend es letztlich auch sein mag, wenn ein Journalist
einen Skandal aufdeckt und direkte Konsequenzen in der Politik
auslöst, so kurzfristig ist die daraus resultierende Aussagekraft
über die Macht der Medien. Etwa über die Möglichkeiten durch die
Berichterstattung den Ausgang von Wahlen zu lenken, sagen solche
geplatzten publizistischen Bomben rein gar nichts aus. Wäre
Schröder durch einen von der Zeitung XY aufgedeckten Skandal
gestolpert, wären Ross und Reiter klar zu benennen gewesen.
Seine Abwahl allein der Presse anzuhängen, ist übertrieben.
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