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Die
SPD gliederte, anders als alle anderen an der Bundestagswahl von 1998
beteiligten Parteien, ihre Wahlkampfzentrale aus der festgefügten
Parteizentrale des Erich-Ollenhauer-Hauses aus. Auf
halbem Weg zwischen der als „Baracke" bezeichneten
SPD-Parteizentrale und dem Bundeskanzleramt entstand so, unter der Führung
des SPD-Bundesgeschäftsführers Franz Müntefering und seines Büroleiters
Matthias Machnig, die Wahlkampfzentrale KAMPA. Ähnlich wie der im
US-Wahlkampf vorgestellte War-Room und die britischen Millbank Tower wurde im
Bundestagswahlkampf von 1998 die KAMPA zum Zeichen für die
Inszenierung des modernen Wahlkampfes.
Schon
lange vor der Wahl, genauer nach dem Mannheimer Parteitag der SPD im
September 1995, begann die Planung für den Bundestagswahlkampf von
1998. Wesentliches Element für die Bewertung einer Partei ist schließlich
der Eindruck der Geschlossenheit. Das Institut Allensbach stellt schon
seit langem den engen Zusammenhang zwischen der Handlungsfähigkeit
und der Geschlossenheit einer Partei in den Vordergrund. Und so galt
es zunächst Defizite und Stärken der Partei zu analysieren. Die
Aufgaben, vor denen sich die Partei gestellt sah, waren daher, die
Parteiarbeit grundlegend zu modernisieren, die Parteizentrale neu zu
strukturieren sowie ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik
wegweisend neu auszurichten. Das Präsidium der SPD sollte so
wieder zum zentralen Koordinierungs- und
Entscheidungsgremium werden, um von der politischen Konkurrenz und
der Öffentlichkeit als ein entscheidender Machtfaktor akzeptiert
zu werden. Die SPD sollte zielgerichtet und in vorher klar definierten
Etappen zur politischen Verantwortung auf Bundesebene zurückgebracht
werden. Diese Aufgaben wurden von der SPD umgesetzt. Die
Sozialdemokraten traten in ihrer politischen Linie abgestimmter
und geschlossener auf. Wichtige Fragen der Partei wurden wieder im Präsidium
in Zusammenarbeit von Partei, Bundestagsfraktion und Länderregierungen
koordiniert und dirigiert. Der Weg zur eigentlichen Planung der Kampagne war damit geebnet.
Die Eckpfeiler einer erfolgreichen Kampagne
Malte
Ristau, Leiter der Abteilung Analyse/Konkurrenz/Recherche in der
SPD-Wahlkampfzentrale, hat die wesentlichen Eckpfeiler einer
erfolgreichen Kampagne folgendermaßen formuliert: „Eine Kampagne
muss ein Ziel haben, um eine Dramaturgie entwickeln zu können.
Sie muss ein Thema haben, um zu einer Entscheidung zu drängen. Und
sie muss bewegen, um Spannung zu erzeugen." Bildhaft ausgedrückt
bedeutet dies, dass der Wähler das Ziel der Partei fast greifbar
erkennen muss. Nicht zuletzt ist auch der nach außen sichtbare
Siegeswille einer Partei von nicht unerheblicher Bedeutung. Umfragen
haben zwei Jahre vor der Wahl ergeben, dass sich die SPD besonders
durch ihre Oppositionsmentalität, ihren mangelnden Sieges- und
Machtwillen und durch ein einseitiges Profil bei den Wählern
auszeichnete.
Die SPD gab dem Wähler ein eindeutiges Zeichen, dass die Partei nach
nunmehr 16 Jahren Opposition aus der Bundestagswahl von 1998 als
Sieger hervorgehen wollte. Dem Wähler wurde daher der Anspruch des
Wechsels sinnbildlich durch eine an der Außenwand befestigten Uhr,
die einem Countdown gleich die Zeit rückwärts bis zur Schließung
der Wahllokale am Abend der Bundestagswahl zählte, verdeutlicht. Die
Medien nahmen dieses Bild gerne auf. Das Motiv war so schlicht wie
effektiv. Dem Wähler wurde unterschwellig das Hauptthema der
SPD-Kampagne vor Augen geführt: Die Ära Kohl ist vorüber.
„Deutschland braucht neue Ideen“, „Deutschland braucht neue
Kraft“, „Deutschland braucht einen neuen Kanzler". Die SPD
hatte erkannt, dass sich die Ansprüche der Gesellschaft, der Medien,
der Partei, aber auch die Ansprüche der Wähler an die Politik in den
letzten Jahren verändert hatte. Ein erfolgreicher Wahlkampf musste
daher veränderte, modernere Strukturen aufweisen. Ein wichtiges Ziel
der SPD war daher, Aufmerksamkeit in den Medien und damit
Aufmerksamkeit bei den Wählern zu erzeugen. Die Metakommunikation,
die die Partei mittels der Medien betrieb, also die Kommunikation über
die KAMPA, war im Grunde wichtiger als die von ihr erzielten
Ergebnisse. Der Wähler sollte so einen Zusammenhang zwischen der
professionellen Wahlkampfführung der SPD und deren Befähigung, das
Land zu regieren, herstellen: Wer einen der professionellsten Wahlkämpfe
der bundesdeutschen Geschichte organisieren kann, der besitzt
ebenfalls die Fähigkeit, das Land zu regieren.
Der Osten entscheidet
Um alle für eine professionelle und letztendlich erfolgreiche
Wahlkampfführung erforderlichen Dinge umsetzen zu können, wurde die
KAMPA in zehn Abteilungen untergliedert. Besonders hervorgehoben
werden soll an dieser Stelle jedoch nur die Abteilung
„Wahlkampf-Ost“. Wenngleich alle anderen Abteilungen ihrem Angebot
nach nichts wesentlich Neues darstellten, gab es bei den
Sozialdemokraten bisher noch keine gesonderte Abteilung für einen
Wahlkampf- Ost. Die Wahlkampfstrategen der KAMPA klassifizierten den
Osten als einen der wichtigsten Wahlentscheidungsorte der
Bundesrepublik. Der ostdeutsche Wähler, das belegen einschlägige
Untersuchungen, ist der klassische Wechselwähler, der nicht
so sehr auf SPD oder CDU festgelegt ist, wie der Westdeutsche. Immer
mehr Wähler entscheiden erst kurz vor der Wahl, welcher Partei sie
schließlich ihre Stimme geben wollen. In diesem Sinne titelte der
Spiegel auch zwei Wochen vor der Bundestagswahl: „Der Osten
entscheidet die Wahl." Der Osten stellt zwar nur ein fünftel der
Gesamtwählerschaft, doch ist man hier mobiler als im Westen und können
daher auch größere Verschiebungen im Wahlergebnis bewirken. Weil
beide großen Parteien im Osten der Republik mehr Prozentpunkte
gewinnen oder auch verlieren können, als dies in den festgefügten
westlichen Milieus möglich wäre, ist eine gezielte Ansprache der Wähler
für den Erfolg einer Kampagne besonders wichtig.
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