polinomics - No. 6: Politik und Medien - Wer beeinflusst wen? / Interview
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No. 6: Politik und Medien - Wer beeinflusst wen?  
   
 

Interview

 




Editorial
"Politik muss mit der Zeit gehen"
Von Skandalierern und Skandalierten
Politik 2.0: Frau Merkel, Sie haben Post
Wie alles begann
Der Inlandskorrespondent

"Politik muss mit der Zeit gehen"

Die Fragen stellte Thomas Sommer

 Foto: Tilman Mayer


Prof. Dr. Tilman Mayer lehrt an der Universität Bonn Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Parteienforschung, Politische Kulturforschung, Politische Kommunikation und Vergleichende Regierungslehre. Von 1993 bis 1995 war Mayer Direktor des Bonner Büros des Allensbach-Institutes für Demoskopie. Er lehrte bereits an den Universitäten in Blagoevgrad/Bulgarien, Würzburg und München.  

polinomics:

Sehr geehrter Herr Prof. Mayer, schon immer hat sich die Gesellschaft und Wissenschaft für die Frage interessiert, ob es zwischen den Medien, den verschiedenen Lobbygruppen im Land und der Politik Wechsel- beziehungen gibt. Was glauben Sie, wer beeinflusst wen am stärksten?

Prof. Mayer:
Es gibt natürlich starke und schwache Interessen, die entsprechend unterschiedliche Verbände, wenn überhaupt, auf ihrer Seite haben. Familien z.B. haben keine (starken) Lobbyverbände. Da kommt dann den Medien eine aufklärende Rolle zu.  DGB und BDI können sich dagegen selbst gut ins Spiel bringen, sie schaffen es fast immer, Nachrichtenwerte zu erzielen, auf die Agenda zu kommen. Insofern beachten die Medien sie und die Politik versucht, je nach politischer Couleur, ein freundliches Verhältnis zu pflegen. Eine kluge Politik weiß die Verbände einzubauen, ohne in Abhängigkeit zu geraten.

polinomics:
Wie groß schätzen Sie den Einfluss der Medien auf die Politik ein
?

Prof. Mayer:
Zweifellos ist der Einfluss sehr groß, insbesondere der des Fernsehens. Die Bürger sind mehrheitlich eher unpolitisch, informieren sich wenig (politisch) und nehmen deshalb eher das ernst, was sie oft hören oder sehen. Die Macht der Journalisten - eine Unkontrollierte - ist in der Langzeitbetrachtung erheblich. Wettbewerb deshalb auch hier sehr dringlich. Die überregionale Tagespresse erfasst nur einen kleinen Kreis von Bürgern, die ohnehin informiert und politisch interessiert sind.

polinomics:
... und wie sieht es mit dem Einfluss der verschiedenen Interessengruppen aus? Der scheint schließlich zuweilen recht groß zu sein.


Prof. Mayer:
Stichwort Lokführer? Ärzte? Ja, von Zeit zu Zeit schon. Auch hier gilt es auf Populisten zu schauen, Stichwort Mindestlohn zum Beispiel.
Gewerkschaften können hier leicht punkten. Trotzdem, die Medienmacht ist bedeutend größer und nachhaltiger.

polinomics:
Immer wieder ist von der Politikverdrossenheit der Bevölkerung die Rede. Sehen Sie in der medienwirksamen Darstellung der Politik - z.B. in Polit-Talk-Shows wie "Anne Will" oder "Hart aber Fair" - eine Chance, um dieser entgegenzuwirken?

Prof. Mayer:
Nicht unbedingt. Talk-Shows haben ihren Sinn, weil eben Leute zur Politik hingetragen werden müssen. Politik muss mit der Zeit gehen und sich ein wenig vermarkten können. Insofern wird Verdrossenheit abgebaut. Aber: es macht gar nichts, dass ein paar Leute verdrossen sind. Ein Grundrauschen von Unzufriedenheit gehört dazu, halten Demokratien locker aus!  In der Poltikwissenschaft sprach man schon vor über fünfzig Jahren dabei von /political alienation/;  Politik muss sich um Aufmerksamkeit bemühen, ganz klar ja. Und die Medien haben einen Bildungsauftrag, der hilfreich ist. Und wenn er über Talkshows befriedigt wird, warum nicht?

polinomics:
Herr Prof. Mayer, herzlichen Dank für das Gespräch.

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© Thomas Sommer 2006 - 2008