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Prof.
Dr. Tilman Mayer lehrt an der Universität Bonn Politikwissenschaft mit
den Schwerpunkten Parteienforschung, Politische Kulturforschung,
Politische Kommunikation und Vergleichende Regierungslehre. Von
1993 bis 1995 war Mayer Direktor des Bonner Büros des
Allensbach-Institutes für Demoskopie. Er lehrte bereits an den
Universitäten in Blagoevgrad/Bulgarien, Würzburg und München.
polinomics:
Sehr
geehrter Herr Prof. Mayer, schon immer hat sich die Gesellschaft und
Wissenschaft für die Frage interessiert, ob es zwischen den Medien,
den verschiedenen Lobbygruppen im Land und der Politik Wechsel-
beziehungen gibt. Was glauben Sie, wer beeinflusst wen am stärksten?
Prof. Mayer:
Es gibt natürlich starke und schwache Interessen, die
entsprechend unterschiedliche Verbände, wenn überhaupt, auf ihrer
Seite haben. Familien z.B. haben keine (starken) Lobbyverbände. Da
kommt dann den Medien eine aufklärende Rolle zu. DGB und BDI
können sich dagegen selbst gut ins Spiel bringen, sie schaffen es
fast immer, Nachrichtenwerte zu erzielen, auf die Agenda zu kommen.
Insofern beachten die Medien sie und die Politik versucht, je nach
politischer Couleur, ein freundliches Verhältnis zu pflegen. Eine
kluge Politik weiß die Verbände einzubauen, ohne in Abhängigkeit
zu geraten.
polinomics:
Wie groß schätzen Sie den
Einfluss der Medien auf die Politik ein?
Prof. Mayer:
Zweifellos ist der Einfluss sehr groß, insbesondere der des
Fernsehens. Die Bürger sind mehrheitlich eher unpolitisch,
informieren sich wenig (politisch) und nehmen deshalb eher das
ernst, was sie oft hören oder sehen. Die Macht der Journalisten -
eine Unkontrollierte - ist in der Langzeitbetrachtung erheblich.
Wettbewerb deshalb auch hier sehr dringlich. Die überregionale
Tagespresse erfasst nur einen kleinen Kreis von Bürgern, die
ohnehin informiert und politisch interessiert sind.
polinomics:
... und wie sieht es mit dem Einfluss der verschiedenen
Interessengruppen aus? Der scheint schließlich zuweilen recht groß zu sein.
Prof. Mayer:
Stichwort Lokführer? Ärzte? Ja, von Zeit zu Zeit schon. Auch
hier gilt es auf Populisten zu schauen, Stichwort Mindestlohn zum
Beispiel.
Gewerkschaften können hier leicht punkten. Trotzdem, die
Medienmacht ist bedeutend größer und nachhaltiger.
polinomics:
Immer wieder ist von der
Politikverdrossenheit der Bevölkerung die Rede. Sehen Sie in der
medienwirksamen Darstellung der Politik - z.B. in Polit-Talk-Shows
wie "Anne Will" oder "Hart aber Fair" - eine Chance, um dieser
entgegenzuwirken?
Prof. Mayer:
Nicht unbedingt. Talk-Shows haben ihren Sinn, weil eben Leute zur
Politik hingetragen werden müssen. Politik muss mit der Zeit gehen
und sich ein wenig vermarkten können. Insofern wird Verdrossenheit
abgebaut. Aber: es macht gar nichts, dass ein paar Leute verdrossen
sind. Ein Grundrauschen von Unzufriedenheit gehört dazu, halten
Demokratien locker aus! In der Poltikwissenschaft sprach man
schon vor über fünfzig Jahren dabei von /political
alienation/; Politik muss
sich um Aufmerksamkeit bemühen, ganz klar ja. Und die Medien haben
einen Bildungsauftrag, der hilfreich ist. Und wenn er über
Talkshows befriedigt wird, warum nicht?
polinomics:
Herr Prof. Mayer, herzlichen Dank für das Gespräch.
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