polinomics - No. 6: Politik und Medien - Wer beeinflusst wen? / Essay
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No. 6: Politik und Medien - Wer beeinflusst wen?  
   
 

Essay

 




Editorial
"Politik muss mit der Zeit gehen"
Von Skandalierern und Skandalierten
Politik 2.0: Frau Merkel, Sie haben Post
Wie alles begann
Der Inlandskorrespondent

Von Skandalierern und Skandalierten

Text: Florian Schiegl

 Foto: Andrea Sommer


Auch Kollegen von Woodward und Bernstein machten sich einen Namen als „muckraker“ und griffen diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Seymour Hersh brachte das 1968 während des Vietnamkrieges verübte Massaker von My Lai an vietnamesischen Zivilisten an die Öffentlichkeit, klagte Schlampereien rund um 9/11 an und enthüllte 2004 zusammen mit dem Fernsehsender CBS die Missstände im irakischen Folter-Gefängnis Abu Ghuraib. Gary Webb schrieb 1996 in seiner Artikelserie „Dark Alliance“ über die Verwicklung des US-Geheimdienstes CIA in den Drogenhandel der nicaraguanischen Contra-Rebellen.

Bedingt abwehrbereit - Das Beispiel Deutschland

In Europa konnte sich diese Form des Journalismus’ vor dem Krieg freilich kaum etablieren. In Deutschland gab es auch nach 1945 und trotz bundesrepublikanischer Pressefreiheit gewisse Anlaufprobleme. 1962 wurde nicht der enthüllte Missstand an sich zum Skandal, sondern dessen Aufdeckung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ darüber berichtet, dass die Bundeswehr einem Angriff des Warschauer Paktes kaum Stand halten könnte. Die Staatsmacht reagierte heftig. Unter dem Vorwurf des Landesverrates wurden die Räume des Spiegel polizeilich durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und einige Kollegen kamen sogar in Haft. Letztlich wurden aber alle Anschuldigungen gerichtlich entkräftet und Franz-Josef Strauß musste als Verteidigungsminister zurücktreten. Der Enthüllungsjournalismus bekam in den folgenden Jahrzehnten einen regelrechten Schub.

Einer, der in Deutschland auf diesem Gebiet vieles geleistet hat und immer noch leistet, ist Hans Leyendecker. Erst beim Spiegel, danach bei der Süddeutschen Zeitung enthüllte er mehrfach politische Skandale. Er deckte 1982 die Flick-Affäre um verdeckte Parteispenden auf, ermittelte 15 Jahre später in Helmut Kohls CDU-Spendenskandal und entlarvte zuletzt die Korruption bei Siemens. 

Günter Wallraff ist in der Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände ebenso erfolgreich. In seiner Methode, unter falscher Identität zu recherchieren, aber sehr umstritten. Er berichtete aus der Perspektive eines deutschen Industriearbeiters, wies der BILD-Zeitung als Redaktionsmitglied journalistische Versäumnisse nach und schlüpfte in die Rollen eines türkischen Gastarbeiters oder eines Call-Center- Mitarbeiters. Die mit den Klagen gegen ihn betrauten Gerichte gaben Wallraff meist Recht, seine Erfolge sowieso.

So wichtig die Bedeutung solcher Enthüllungen für die Gesellschaft auch sein mag, so groß ist die Gefahr, dass Journalisten dieses Genres weit über das Ziel hinausschießen. Das eigene berufliche Fortkommen, Sensationsgier, Auflagensteigerung oder einfach nur Unachtsamkeit können die Ursachen dafür sein.

Als das Magazin „Stern“ 1983 gefälschte Hitler-Tagebücher im Glauben, es handle sich um die Originale, veröffentlichte und damit erst den Skandal verursachte, war wohl eine Kombination all dieser Motive ausschlaggebend. Doch auch andere mussten schon mit Kritik zu Recht kommen. Leyendecker etwa ging 1993 im Spiegel mit einer Titel-Geschichte an die Öffentlichkeit, die Polizei hätte den RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen regelrecht hingerichtet. Seine Quellen ließen sich aber nicht verifizieren, er selbst bezeichnete die Geschichte später als einen verheerenden Fehler. Auch in den USA warfen Enthüllungsartikel trotz der Tradition des „muckraking“ schon mehrmals heftige Kontroversen auf. Webb geriet mit seinen Ausführungen über die „Dark Alliance“ ins Kreuzfeuer, die Veröffentlichung der geheimen „Pentagon Papers“ brachte Daniel Ellsberg 1971 zwar Lob für die Offenlegung vieler Hintergründe des Vietnamkrieges, aber auch den Vorwurf des Geheimnisverrats ein.

In den Vereinigten Staaten können Reporter meist viel tiefer in brisante Themen einsteigen, da die finanziellen Ressourcen der Medien größer sind. Etwa die Freistellung vom journalistischen Tagesgeschäft ermöglicht es, genauer zu recherchieren und sich nur auf ein Thema zu konzentrieren. Dies macht es einfacher, echte Skandale zu identifizieren und, solange nicht Sensationsgier und Karriereplanung die Wahrnehmung des Journalisten beeinträchtigen, Fehler zu vermeiden. Doch auch in den USA werden die Ressourcen für die Pressearbeit durch Medienkonzentration und Kostendruck zusehends knapper.

So Aufsehen erregend es letztlich auch sein mag, wenn ein Journalist einen Skandal aufdeckt und direkte Konsequenzen in der Politik auslöst, so kurzfristig ist die daraus resultierende Aussagekraft über die Macht der Medien. Etwa über die Möglichkeiten durch die Berichterstattung den Ausgang von Wahlen zu lenken, sagen solche geplatzten publizistischen Bomben rein gar nichts aus. Wäre Schröder durch einen von der Zeitung XY aufgedeckten Skandal gestolpert, wären Ross und Reiter klar zu benennen gewesen
. Seine Abwahl allein der Presse anzuhängen, ist übertrieben.

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© Thomas Sommer 2006 - 2008