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Auch
Kollegen von Woodward und Bernstein machten sich einen Namen als „muckraker“
und griffen diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.
Seymour Hersh brachte das 1968 während des Vietnamkrieges verübte
Massaker von My Lai an vietnamesischen Zivilisten an die Öffentlichkeit,
klagte Schlampereien rund um 9/11 an und enthüllte 2004 zusammen
mit dem Fernsehsender CBS die Missstände im irakischen Folter-Gefängnis
Abu Ghuraib. Gary Webb schrieb 1996 in seiner Artikelserie „Dark
Alliance“ über die
Verwicklung des US-Geheimdienstes CIA in den Drogenhandel der
nicaraguanischen Contra-Rebellen.
Bedingt abwehrbereit - Das Beispiel Deutschland
In Europa konnte sich diese Form des Journalismus’ vor dem Krieg
freilich kaum etablieren. In Deutschland gab es auch nach 1945 und
trotz bundesrepublikanischer Pressefreiheit gewisse Anlaufprobleme.
1962 wurde nicht der enthüllte Missstand an sich zum Skandal,
sondern dessen Aufdeckung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“
hatte unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ darüber berichtet,
dass die Bundeswehr einem Angriff des Warschauer Paktes kaum Stand
halten könnte. Die Staatsmacht reagierte heftig. Unter dem Vorwurf
des Landesverrates wurden die Räume des Spiegel polizeilich
durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und einige Kollegen kamen
sogar in Haft. Letztlich wurden aber alle Anschuldigungen
gerichtlich entkräftet und Franz-Josef Strauß musste als
Verteidigungsminister zurücktreten. Der Enthüllungsjournalismus
bekam in den folgenden Jahrzehnten einen regelrechten Schub.
Einer, der in Deutschland auf diesem Gebiet vieles geleistet hat und
immer noch leistet, ist Hans Leyendecker. Erst beim Spiegel, danach
bei der Süddeutschen Zeitung enthüllte er mehrfach politische
Skandale. Er deckte 1982 die Flick-Affäre um verdeckte
Parteispenden auf, ermittelte 15 Jahre später in Helmut Kohls
CDU-Spendenskandal und entlarvte zuletzt die Korruption bei Siemens.
Günter Wallraff ist in der Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände
ebenso erfolgreich. In seiner Methode, unter falscher Identität zu
recherchieren, aber sehr umstritten. Er berichtete aus der
Perspektive eines deutschen Industriearbeiters, wies der
BILD-Zeitung als Redaktionsmitglied journalistische Versäumnisse
nach und schlüpfte in die Rollen eines türkischen Gastarbeiters
oder eines Call-Center- Mitarbeiters. Die mit den Klagen gegen ihn
betrauten Gerichte gaben Wallraff meist Recht, seine Erfolge
sowieso.
So wichtig die Bedeutung solcher Enthüllungen für
die Gesellschaft auch sein mag, so groß ist die Gefahr, dass
Journalisten dieses Genres weit über das Ziel hinausschießen. Das
eigene berufliche Fortkommen, Sensationsgier, Auflagensteigerung
oder einfach nur Unachtsamkeit können die Ursachen dafür sein.
Als das Magazin „Stern“ 1983 gefälschte Hitler-Tagebücher im
Glauben, es handle sich um die Originale, veröffentlichte und damit
erst den Skandal verursachte, war wohl eine Kombination all dieser
Motive ausschlaggebend. Doch auch andere mussten schon mit Kritik zu
Recht kommen. Leyendecker etwa ging 1993 im Spiegel mit einer
Titel-Geschichte an die Öffentlichkeit, die Polizei hätte den
RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen regelrecht
hingerichtet. Seine Quellen ließen sich aber nicht verifizieren, er
selbst bezeichnete die Geschichte später als einen verheerenden
Fehler. Auch in den USA warfen Enthüllungsartikel trotz der
Tradition des „muckraking“ schon mehrmals heftige Kontroversen
auf. Webb geriet mit seinen Ausführungen über die „Dark Alliance“
ins Kreuzfeuer, die Veröffentlichung der geheimen „Pentagon
Papers“ brachte Daniel Ellsberg 1971 zwar Lob für die Offenlegung
vieler Hintergründe des Vietnamkrieges, aber auch den Vorwurf des
Geheimnisverrats ein.
In den Vereinigten Staaten können Reporter meist viel tiefer in
brisante Themen einsteigen, da die finanziellen Ressourcen der
Medien größer sind. Etwa die Freistellung vom journalistischen
Tagesgeschäft ermöglicht es, genauer zu recherchieren und sich nur
auf ein Thema zu konzentrieren. Dies macht es einfacher, echte
Skandale zu identifizieren und, solange nicht Sensationsgier und
Karriereplanung die Wahrnehmung des Journalisten beeinträchtigen,
Fehler zu vermeiden. Doch auch in den USA werden die Ressourcen für
die Pressearbeit durch Medienkonzentration und Kostendruck zusehends
knapper.
So Aufsehen erregend es letztlich auch sein mag, wenn ein Journalist
einen Skandal aufdeckt und direkte Konsequenzen in der Politik auslöst,
so kurzfristig ist die daraus resultierende Aussagekraft über die
Macht der Medien. Etwa über die Möglichkeiten durch die
Berichterstattung den Ausgang von Wahlen zu lenken, sagen solche
geplatzten publizistischen Bomben rein gar nichts aus. Wäre Schröder
durch einen von der Zeitung XY aufgedeckten Skandal gestolpert, wären
Ross und Reiter klar zu benennen gewesen.
Seine Abwahl allein
der Presse anzuhängen, ist übertrieben.
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