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No. 7: Bildung
 

Essay

 

Deutschland: Eine Bildungsbaustelle

Von David Schattke


B
ildung ist eines der wenigen Gebiete, mit denen jeder direkt in Berührung kommt. Und es ist eines der wichtigsten und dabei am meisten unterschätzten Themen. Denn was heute bildungspolitisch entschieden wird, wird morgen unsere Zukunft bestimmen. Was so pathetisch klingt, ist die bittere Wahrheit. Die Bundesrepublik Deutschland ist weder durch nennenswerte Rohstoffvorkommen gesegnet, noch ist sie ein so genanntes Billiglohnland. Deutschland muss sich durch andere Fähigkeiten international konkurrenzfähig zeigen. Und die Basis dafür ist der Bildungssektor. 

Beispielsweise sind deutsche Ingenieure international gern gesehene Arbeitskräfte und Fahrzeuge aus Deutschland sind deswegen so beliebt, weil sie oftmals einen aus einer guten Ausbildung resultierenden Technologievorsprung aufweisen. Somit wird aus Bildung in gewisser Weise ein Gut. Ein über- lebenswichtiges Gut. 

Lehramtsstudenten sind am unzufriedensten

Und trotzdem zeigen die PISA-Studien, dass unser Bildungssystem international nicht in der Spitzengruppe zu finden ist. Die Gründe hierfür sind nicht klar zu definieren. Es gibt einfach zu viele. Angefangen bei den Lehrern. Bezeichnenderweise sind Lehramtsstudenten prozentual die Studentengruppe, die am unzufriedensten mit ihrem Studium ist. Ob das an den über- füllten Seminaren, den praxisfernen Inhalten, den undurch- sichtigen Prüfungsordnungen oder den teilweise desillusionierten und deswegen demotivierten Lehrkräften, die dazu chronisch unterbesetzt sind, liegt, sei dahin gestellt. Nach Staatsexamen und Referendariat sollen dann diese Lehrer nach der vierten Klasse entscheiden, ob ein Kind von ca. zehn Jahren intellektuell in der Lage ist, das Gymnasium zu besuchen. Deutschland und Österreich sind die einzigen beiden Länder, die immer noch an diesem dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Und die Frage muss erlaubt sein, ob man ernsthaft mitten in der Entwicklung eines Kindes bestimmen kann, wie das weitere Leben des Kindes verlaufen wird. Denn die Chancen eines Hauptschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt sind, gelinde gesagt, überschaubar. Man mag jetzt mit der Durchlässigkeit der Schulsysteme argumentieren, doch die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen besteht eher auf Papier denn in der Realität. Dazu kommt, dass das Schulsystem in gewisser Weise unsozial ist. Das bedeutet, dass Kinder aus Akademikerhaushalten deutlich häufiger auf das Gymnasium geschickt werden als Kinder aus dem Arbeitermilieu. Und das liegt nicht an der intellektuellen Kapazität der Kinder, sondern häufig an einer oftmals unbegründeten Voreingenommenheit der Lehrer. 

Diese Tendenz zum Unsozialen wird momentan in den Universitäten durch die Einführung von Studiengebühren verstärkt. Nun sollte man sehr vorsichtig mit der Vorverurteilung der Einführung von Studiengebühren sein, doch etwas entscheidendes wurde seitens der Politik vollständig ver- gessen. Nämlich die Studiengebühren sozialverträglich zu gestalten. Entweder man hat liquide Eltern oder man wird wohl einen Kredit aufnehmen müssen, da die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge so enge Curricula haben, dass man häufig nur schwer nebenher arbeiten kann, um sich eben diese Gebühren und ein wenig Geld für das tägliche Leben dazu zu verdienen. Und diese Kredite sind nicht immer, auch wenn das die Werbung immer so schön verspricht, zinsgünstig. Das bedeutet, dass man im Zweifel nach seinem Abschluss an der Universität nicht nur ein Bachelor oder Master, sondern auch einen Haufen Schulden hat, den man dann in den ersten Jahren des Berufslebens abstottern muss. 

Alle sitzen in einem Boot 

Was jetzt alles so düster klingt, ist sicher auch in gewisser Weise als Bedrohung wahrzunehmen. Doch die deutsche Bildungslandschaft befindet sich in einem Umbruch. Und das es während eines Umbruches zu Problemen kommt, ist nicht besonders verwunderlich. Nur sollte man die Probleme ernst nehmen und versuchen, sie sinnvoll zu lösen. Sei es durch Akkreditierungsräte bei den Bachelor- und Master-Studiengängen, um eine gewisse Qualität zu garantieren, oder die Reaktion der Kultusminister auf die Proteste von Lehrern und Schülern und deren Eltern bezüglich der Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien bei gleichbleibender Stoffmenge. Man muss sich nur an einen Tisch setzen, denn im Endeffekt sitzen alle Beteiligten in einem Boot. Die Wirtschaft und die Politik wollen gut ausgebildete Arbeitskräfte und die zukünftigen Arbeitskräfte wollen eine gute Ausbildung genießen. Das ist die Basis, auf der man aufbauen sollte.