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No. 7: Bildung
 

Interview mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan

 

"Mir ist nicht bange um das Land der Dichter und Denker"

Von Thomas Sommer


Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und 
Forschung, spricht im polinomics-Interview über das 
Jahr der Mathematik, die Bedeutung von gut ausgebildeten Fachkräften und über die Einführung von Studiengebühren
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polinomics: Sehr geehrte Frau Ministerin Schavan, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veranstaltet jedes Jahr ein so genanntes Wissenschaftsjahr. Während 2007 die Geisteswissenschaften im Fokus standen, haben Sie das Jahr 2008 zum Jahr der Mathematik erklärt. Was versprechen Sie sich eigentlich genau vom Jahr der Mathematik?

Schavan: Wir möchten mit dem Jahr der Mathematik vor allem Schülerinnen und Schüler für das Fach Mathematik begeistern. Die Mathematik gilt allzu oft als Horrorfach – dabei kann es sehr viel Spaß machen, sich mit dieser Materie zu beschäftigen. Natürlich hat das viel damit zu tun, wie Mathematik vermittelt wird. Und genau hier setzen wir an: Mit einer Vielzahl von Projekten und gemeinsam mit einer Reihe starker Partner vermitteln wir jungen Menschen die Faszination und Vielfalt der Mathematik. Das fängt an bei alternativen Vermittlungsmethoden und hört bei vielen mitreißenden Wettbewerben zur Mathematik noch lange nicht auf. Die Mathematik ist als gemeinsame Sprache der Naturwissen- schaften von herausragender Bedeutung – nicht zuletzt für die späteren Karrierechancen von Schülerinnen und Schüler. Die Fachkräfte von morgen müssen in der Mathematik sattelfest sein. Auch deshalb widmen wir 2008 dieser Disziplin.
 
polinomics: Erstmals tritt 2008 neben dem Forschungs- ministerium mit der Telekom-Stiftung ein Mitorganisator auf. Was verspricht sich das BMBF von dieser Zusammenarbeit?

Schavan: Das ist so nicht ganz richtig. Wir haben in allen Wissenschaftsjahren mit Partnerorganisationen zusammengearbeitet – während des Informatikjahres beispielsweise mit der Gesellschaft für 
Informatik. Die Telekom-Stiftung ist bereits seit einiger Zeit auf dem Gebiet der Vermittlung innovativer Lehrmethoden für die Mathematik aktiv und organisiert zahlreiche Projekte und Lehrerfortbildungen. Insofern ist die Stiftung ein wichtiger Partner für das Jahr der Mathematik und wir sind sehr froh über die gute und produktive Zusammenarbeit.

polinomics: Welche Projekte sind im Jahr der Mathematik konkret geplant?

Schavan:
Es gibt eine ganze Bandbreite an Aktivitäten: Angefangen bei dem Schiff MS Wissenschaft, das mit einer für Schülerinnen und Schüler konzipierten Ausstellung aufwartet und die deutschen Wasserstraßen abfährt, über eine Vielzahl von Schüler-Wettbewerben zur Mathematik, bis hin zu interessanten Ausstellungen und dem Wissenschaftssommer in Leipzig. Das genaue Programm finden Sie im Internet unter www.jahr-der-mathematik.de. Ein weiterer Schwerpunkt im Jahr der Mathematik ist die Zusammenarbeit mit den Mathemachern: Das sind Bürgerinnen und Bürger, die sich beruflich oder privat dafür engagieren, Mathematik für Schülerinnen und Schüler spannend zu gestalten: Bislang haben sich 444 Mathemacher bei uns gemeldet. Das ist ein Riesenerfolg.

polinomics: Reicht es aus, ein Jahr der Mathematik auszu- rufen, um das Interesse an diesem, für die Wirtschaft so wichtigem Fach, nachhaltig zu stärken?

Schavan:
Das Jahr der Mathematik kann wichtige Impulse setzen, um die Mathematik für junge Leute attraktiv zu machen. Aber natürlich müssen diese Impulse nachhaltig weitergeführt werden. Deshalb unterstützen wir ja auch die Weiterentwicklung von Lehrmethoden zur Mathematik an Schulen, rufen Wettbewerbe ins Leben und motivieren Mathemacher, sich für die Vermittlung dieser faszinierenden Wissenschaft stark zu machen. Das Jahr der Mathematik ist auf das Zusammenspiel verschiedener Akteure angewiesen, damit ein langfristiger Effekt erzielt wird.

polinomics: Die OECD-Studie „Education at a Glance” stellt Deutschland kein gutes Zeugnis aus. Nach der Studie liegt die deutsche Akademikerquote weit unter dem OECD-Mittel. Die Zahl der Studienanfänger liegt mit lediglich 37 Prozent der Schulabgänger weit hinter dem Mittel von 53 Prozent. Dem nicht genug. Dieser Trend werde sich in den nächsten zehn Jahren weiter fortsetzen. Was tun Sie, um diesen Trend mittelfristig aufzuhalten?

Schavan:
Es ist klar, dass Deutschland mittelfristig mehr Studienanfänger braucht. Ansonsten werden wir in der modernen Wissensgesellschaft, die eine hohe Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte benötigt, nicht mithalten können. Um mehr junge Menschen für ein Studium zu motivieren, sind wir auf mehreren Ebenen aktiv. Beispielsweise haben wir die Fördersätze und Freibeträge beim BAföG signifikant erhöht, und wir haben die Rahmenbedingungen für Studierende mit Kindern verbessert. Mit der Exzellenzinitiative stärken wir die Attraktivität des Studienstandortes Deutschland, im Rahmen des Hochschulpaktes finanzieren wir mit 565 Millionen Euro über 90.000 zusätzliche Studienanfängerplätze bis zum Jahr 2010. Mit dem Ausbau der Begabtenförderung ermutigen wir vor allem junge Talente, entsprechend ihrer Begabung zu studieren. Es gibt zudem ein riesiges Potenzial an Studienanfängern bei jungen Menschen aus Migrantenfamilien, das bislang zu wenig genutzt wird. Auch hier sind wir aktiv, um mehr junge Leute mit Migrationshintergrund für ein Studium zu gewinnen. Wir bündeln also unsere Kräfte, um die Zahl der Studierenden in Deutschland zu erhöhen.

polinomics: Gehen dem Land der Dichter und Denker die klugen Köpfe aus?

Schavan:
In jedem Jahr treffe ich mich mit den Preisträgern der großen Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder der „Mathematik-Olympiade“ beim so genannten Tag der Talente. Wenn ich diese hoch motivierten jungen Menschen sehe, die sich für das Wissen und seine Anwendungen begeistern, ist mir nicht bange um das Land der Dichter und Denker. Allerdings gibt es hierzulande sehr viele Kinder, die leider nicht die Möglichkeit bekommen, ihre Potenziale zu nutzen. Deshalb setzen wir verstärkt auf die frühkindliche Bildung, um Kinder bereits in jungen Jahren zu fördern und ihre Talente zu entdecken. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft herausragende Dichterinnen und Dichter, Denkerinnen und Denker hervorbringen werden.

polinomics: Angesichts der in vielen Bundesländern eingeführten Studiengebühren: Wie würden Sie einen Schulabgänger für ein Studium überzeugen?

Schavan: Ich war immer für Studiengebühren. Bildung ist eine Investition in die Zukunft, das gilt nicht nur für den Staat, sondern für jeden einzelnen. Jedoch darf niemand aus finanziellen Gründen vom Studium abgehalten werden. Deshalb gibt es Studienkredite, deshalb haben wir das Bafög angehoben. Den Durchbruch zu einer umfassenden Studienfinanzierung haben wir jedoch noch nicht erreicht. Denn es fehlt die dritte Säule: Stipendien. Mit gezielten Stipendien könnten wohlhabende Bürger wie Unternehmen einen hervorragenden Anreiz setzen, gerade die Attraktivität von technischen Fächern zu erhöhen. Ich sehe die Unternehmen da in der Pflicht. Würden sie ihren Worten Taten folgen lassen und einige zehntausend Stipendien zur Verfügung stellen, wäre dies ein tolles Signal an die junge Generation. 

polinomics: Ministerin Schavan, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Thomas Sommer

Zur Person:

Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, studierte nach dem Abitur Erziehungswissen- schaften, Philosophie und Katholische Theologie. Schavan war bereits ab 1975 als Kommunalpolitikerin (Neuss) aktiv. Bis 1984 hatte sie den Bundesvorsitz der Jungen Union (JU) inne. Ab 1980 war Schavan Referentin der Bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk. Von 1991 bis 1995 wurde sie dessen Leiterin. 1995 wurde Schavan in Baden-Württemberg Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. Im Oktober 2005 wurde sie im Kabinett von Angela Merkel zur Ministerin für Bildung und Forschung berufen und im November 2005 im Amt vereidigt.