polinomics: Sehr geehrte Frau Ministerin Schavan, das
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veranstaltet
jedes Jahr ein so genanntes Wissenschaftsjahr. Während 2007 die
Geisteswissenschaften im Fokus standen, haben Sie das Jahr 2008
zum Jahr der Mathematik erklärt. Was versprechen Sie sich
eigentlich genau vom Jahr der Mathematik?
Schavan:
Wir möchten mit dem Jahr der
Mathematik vor allem Schülerinnen und Schüler für das Fach
Mathematik begeistern. Die Mathematik gilt allzu oft als
Horrorfach – dabei kann es sehr viel Spaß machen, sich mit
dieser Materie zu beschäftigen. Natürlich hat das viel damit zu
tun, wie Mathematik vermittelt wird. Und genau hier setzen wir an:
Mit einer Vielzahl von Projekten und gemeinsam mit einer Reihe
starker Partner vermitteln wir jungen Menschen die Faszination und
Vielfalt der Mathematik. Das fängt an bei alternativen
Vermittlungsmethoden und hört bei vielen mitreißenden
Wettbewerben zur Mathematik noch lange nicht auf. Die Mathematik
ist als gemeinsame Sprache der Naturwissen- schaften von
herausragender Bedeutung – nicht zuletzt für die späteren
Karrierechancen von Schülerinnen und Schüler. Die Fachkräfte
von morgen müssen in der Mathematik sattelfest sein. Auch deshalb
widmen wir 2008 dieser Disziplin.
polinomics:
Erstmals tritt 2008 neben dem Forschungs-
ministerium mit der Telekom-Stiftung ein Mitorganisator auf. Was verspricht
sich das BMBF von dieser Zusammenarbeit?
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Foto:
BMBF Schavan: "Das
Jahr der Mathematik kann wichtige Impulse setzen, um
die Mathematik für junge Leute attraktiv zu machen." |
Schavan: Das
ist so nicht ganz richtig.
Wir haben in allen Wissenschaftsjahren
mit Partnerorganisationen zusammenge-
arbeitet – während des Informatikjahres
beispielsweise mit der Gesellschaft für
Informatik. Die Telekom-Stiftung ist
bereits seit einiger Zeit auf dem Gebiet
der Vermittlung innovativer Lehrmethoden
für die Mathematik aktiv und organisiert
zahlreiche Projekte und Lehrer-
fortbildungen. Insofern ist die Stiftung
ein wichtiger Partner für das Jahr der
Mathematik und wir sind sehr froh über
die gute und produktive Zusammenarbeit. polinomics:
Welche Projekte sind im Jahr
der Mathematik konkret geplant?
Schavan: Es
gibt eine ganze Bandbreite an Aktivitäten: Angefangen bei dem
Schiff MS Wissenschaft, das mit einer für Schülerinnen und Schüler
konzipierten Ausstellung aufwartet und die deutschen Wasserstraßen
abfährt, über eine Vielzahl von Schüler-Wettbewerben zur
Mathematik, bis hin zu interessanten Ausstellungen und dem
Wissenschaftssommer in Leipzig. Das genaue Programm finden Sie im
Internet unter www.jahr-der-mathematik.de.
Ein weiterer Schwerpunkt im Jahr der Mathematik ist die
Zusammenarbeit mit den Mathemachern: Das sind Bürgerinnen und Bürger,
die sich beruflich oder privat dafür engagieren, Mathematik für
Schülerinnen und Schüler spannend zu gestalten: Bislang haben
sich 444 Mathemacher bei uns gemeldet. Das ist ein Riesenerfolg.
polinomics: Reicht es aus, ein Jahr der Mathematik auszu- rufen,
um das Interesse an diesem, für die Wirtschaft so wichtigem Fach,
nachhaltig zu stärken?
Schavan:
Das
Jahr der Mathematik kann wichtige Impulse setzen, um die
Mathematik für junge Leute attraktiv zu machen. Aber natürlich müssen
diese Impulse nachhaltig weitergeführt werden. Deshalb unterstützen
wir ja auch die Weiterentwicklung von Lehrmethoden zur Mathematik
an Schulen, rufen Wettbewerbe ins Leben und motivieren
Mathemacher, sich für die Vermittlung dieser faszinierenden
Wissenschaft stark zu machen. Das Jahr der Mathematik ist auf das
Zusammenspiel verschiedener Akteure angewiesen, damit ein
langfristiger Effekt erzielt wird.
polinomics: Die OECD-Studie „Education at a Glance” stellt
Deutschland kein gutes Zeugnis aus. Nach der Studie liegt die
deutsche Akademikerquote weit unter dem OECD-Mittel. Die Zahl der
Studienanfänger liegt mit lediglich 37 Prozent der Schulabgänger
weit hinter dem Mittel von 53 Prozent. Dem nicht genug. Dieser
Trend werde sich in den nächsten zehn Jahren weiter fortsetzen.
Was tun Sie, um diesen Trend mittelfristig aufzuhalten?
Schavan:
Es
ist klar, dass Deutschland mittelfristig mehr Studienanfänger
braucht. Ansonsten werden wir in der modernen Wissensgesellschaft,
die eine hohe Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte benötigt, nicht
mithalten können. Um mehr junge Menschen für ein Studium zu
motivieren, sind wir auf mehreren Ebenen aktiv. Beispielsweise
haben wir die Fördersätze und Freibeträge beim BAföG
signifikant erhöht, und wir haben die Rahmenbedingungen für
Studierende mit Kindern verbessert. Mit der Exzellenzinitiative stärken
wir die Attraktivität des Studienstandortes Deutschland, im
Rahmen des Hochschulpaktes finanzieren wir mit 565 Millionen Euro
über 90.000 zusätzliche Studienanfängerplätze bis zum Jahr
2010. Mit dem Ausbau der Begabtenförderung ermutigen wir vor
allem junge Talente, entsprechend ihrer Begabung zu studieren. Es
gibt zudem ein riesiges Potenzial an Studienanfängern bei jungen
Menschen aus Migrantenfamilien, das bislang zu wenig genutzt wird.
Auch hier sind wir aktiv, um mehr junge Leute mit
Migrationshintergrund für ein Studium zu gewinnen. Wir bündeln
also unsere Kräfte, um die Zahl der Studierenden in Deutschland
zu erhöhen.
polinomics: Gehen dem Land der Dichter und Denker die klugen Köpfe
aus?
Schavan:
In
jedem Jahr treffe ich mich mit den Preisträgern der großen
Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder der
„Mathematik-Olympiade“ beim so genannten Tag der Talente. Wenn
ich diese hoch motivierten jungen Menschen sehe, die sich für das
Wissen und seine Anwendungen begeistern, ist mir nicht bange um
das Land der Dichter und Denker. Allerdings gibt es hierzulande
sehr viele Kinder, die leider nicht die Möglichkeit bekommen,
ihre Potenziale zu nutzen. Deshalb setzen wir verstärkt auf die
frühkindliche Bildung, um Kinder bereits in jungen Jahren zu fördern
und ihre Talente zu entdecken. Ich bin zuversichtlich, dass wir
auch in Zukunft herausragende Dichterinnen und Dichter,
Denkerinnen und Denker hervorbringen werden.
polinomics: Angesichts der in vielen Bundesländern eingeführten
Studiengebühren: Wie würden Sie einen Schulabgänger für ein
Studium überzeugen?
Schavan:
Ich
war immer für Studiengebühren. Bildung ist eine Investition in
die Zukunft, das gilt nicht nur für den Staat, sondern für jeden
einzelnen. Jedoch darf niemand aus finanziellen Gründen vom
Studium abgehalten werden. Deshalb gibt es Studienkredite, deshalb
haben wir das Bafög angehoben. Den Durchbruch zu einer
umfassenden Studienfinanzierung haben wir jedoch noch nicht
erreicht. Denn es fehlt die dritte Säule: Stipendien. Mit
gezielten Stipendien könnten wohlhabende Bürger wie Unternehmen
einen hervorragenden Anreiz setzen, gerade die Attraktivität von
technischen Fächern zu erhöhen. Ich sehe die Unternehmen da in
der Pflicht. Würden sie ihren Worten Taten folgen lassen und
einige zehntausend Stipendien zur Verfügung stellen, wäre dies
ein tolles Signal an die junge Generation.
polinomics: Ministerin
Schavan, herzlichen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Thomas Sommer
Zur Person:
Bundesministerin
für Bildung und Forschung, Dr. Annette
Schavan, studierte nach dem Abitur
Erziehungswissen-
schaften, Philosophie und Katholische Theologie.
Schavan
war bereits ab 1975 als Kommunalpolitikerin
(Neuss) aktiv.
Bis 1984 hatte sie den Bundesvorsitz der Jungen
Union (JU)
inne.
Ab 1980 war Schavan Referentin der
Bischöflichen
Studienstiftung Cusanuswerk. Von 1991 bis 1995
wurde sie
dessen Leiterin. 1995 wurde Schavan in
Baden-Württemberg
Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. Im
Oktober 2005
wurde sie im Kabinett von Angela Merkel zur
Ministerin für
Bildung und Forschung berufen und im November
2005 im
Amt vereidigt.
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