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Walter
Hirrlinger, Präsident des Sozialverbandes
VdK, spricht im polinomics-Interview über die Aussage Roman
Herzogs, Deutschland sei eine „Rentner-Demokratie“, die außerplanmäßige
Rentenerhöhung, die Armutsgefährdung im Alter und über die
wichtigsten Baustellen in der Rentenpolitik der kommenden
Legislaturperiode.
polinomics:
Sehr
geehrter Herr Hirrlinger, Alt-Bundespräsident Roman Herzog warnte
angesichts einer außerplanmäßigen
Rentenerhöhung Anfang des Jahres vor der „Rentner- Demokratie“.
Rentner, so seine Meinung, hätten einen
zu großen Einfluss in Deutschland. Meinhard-Miegel, Chef des
Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft sprach sogar
von der Altenrepublik. Fakt ist, Deutschland wird immer
älter. Wie steht der VdK zu solchen Aussagen?
VdK-Präsident
Hirrlinger: Mich
haben die Äußerungen des Alt-Bundespräsidenten verwundert und überrascht.
Hier wird ein Generationenkonflikt geschürt, den es in der
Wirklichkeit nicht gibt. Ältere unterstützen bekanntlich in großem
Maße ihre Kinder und Enkelkinder. Das ist die eine Seite. Die
andere Seite ist, dass die außerplanmäßige Rentenerhöhung mehr
als überfällig war. Rentnerinnen und Rentner sind in den
vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von kumulativen Belastungen
durch Renten-, Gesundheits- und Pflegereform einseitig zur Kasse
gebeten worden. Die Gefahr der wachsenden Armutsgefährdung dürfte
also auch der Bundesregierung nicht verborgen geblieben sein. Hinzu
kommt, dass die Rentner immer noch darauf warten, angemessen am
wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt zu werden. Die Rentenanpassung
2008 und die damit verbundene Aussetzung des Riesterfaktors kann
also nur ein erster Schritt sein, dem hoffentlich weitere folgen
werden.
polinomics: Die
aktuelle Rentenanpassung beträgt 1,1 Prozent. Die Teuerungsrate
liegt in Deutschland jedoch bei über 3 Prozent. Machen solch
geringe Rentenanpassungen denn überhaupt Sinn?
VdK-Präsident
Hirrlinger:
Diese
Rentenanpassung ist wie gesagt nur ein erster
Schritt, wenn man an die drei Nullrunden 2004 bis 2006 und die
Minirentenanpassung 2007 von 0,54 Prozent denkt. Die
Bundesregierung hat jetzt zwar für zwei Jahre den Riesterfaktor außer
Kraft gesetzt. Sie will aber diese Kürzungen 2012 und 2013
nachholen. Das darf nicht geschehen. Der Riesterkürzungsfaktor von
0,6 Prozentpunkten muss dauerhaft ausgesetzt werden, denn er kürzt
die Renten jedes Jahr neu. Die Rentner wollen und müssen am
wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt werden. Insofern ist es jetzt
an der Bundesregierung, die Weichen entsprechend zu stellen.
polinomics:
Immer
wieder hört man, dass es den jetzigen Rentnern so gut gehe, wie nie
zuvor. Trotzdem warnt der VdK vor der Altersarmut. Wie passt das
zusammen?
VdK-Präsident
Hirrlinger:
Es
gibt Rentner, denen es gut geht und Rentner, die nur eine
Durchschnittsrente von unter 1.000 Euro haben, Frauen sogar nur um
500 Euro. Das ist die Mehrheit und nicht die sogenannten reichen
Rentner auf Mallorca. Arbeitslosigkeit und sinkende Beschäftigungsmöglichkeiten befördern Armut. Aufgrund unterbrochener
Erwerbsbiographien, Niedriglöhnen und Arbeitslosigkeit zahlen immer
mehr Menschen immer weniger an Beiträgen in die Rentenversicherung
und bekommen dann am Ende auch weniger Rente. Die Armutsgefährdung
für künftige Rentner wird also steigen. Zudem sind die
Renteneintrittsgrenzen angehoben und der Zugang zur
Erwerbsminderungsrente verschärft worden. Betroffene müssen also
hohe Abschläge in Kauf nehmen, wenn sie mehr oder minder
zwangsweise so früh wie möglich in Rente gehen wollen und müssen.
Die Abschläge schmälern die Rente ebenso wie die Inflation. Der
Kaufkraftverlust steigt und kann nicht ausgeglichen werden. Laut
einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind 18 Prozent der Bevölkerung armuts- gefährdet.
Der aktuelle Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung
verweist darauf, das jeder achte Bürger in Armut lebt. Besonders
gefährdet sind Arbeitslose, Alleiner- ziehende und Geringverdiener.
Wer kein oder nur ein kleines Einkommen hat, der wird auch später
kaum Rente haben. Mit der bundesweiten VdK-Kampagne „Aktion gegen
Armut“ (www.aktion-gegen-armut.de)
wollen wir die Politik für die wachsende Armut in der Bevölkerung
sensibilisieren und zum Handeln veranlassen. 2,5 Millionen Kinder
leben in Armut, über drei Millionen Rentner sind armutsgefährdet.
Das sind alarmierende Zahlen und Entwicklungen, die ein schnelles
Handeln erfordern.
polinomics:
In
knapp einem Jahr sind Bundestagswahlen. Die Parteien formieren sich
langsam für den Wahlkampf. Welche Punkte müssen nach Ihrer Ansicht
unbedingt auf der Agenda der Parteien stehen?
VdK-Präsident
Hirrlinger:
In der
Rentenpolitik sind dies der Riester-Faktor, der
Nachhaltigkeitsfaktor und der Nachhol- faktor. Sie dämpfen die
Rentenanpassungen und müssen gestrichen werden. Ansonsten besteht
die Gefahr, dass die Renten immer weiter Richtung
Grundsicherungsniveau driften. Alles, was man heute kürzt, fehlt
auch den künftigen Rentnergenerationen. Die aktuellen Rentenerhöhungen
reichen nicht aus, um die Inflation von über drei Prozent auszugleichen. Die Preise für Lebensmittel und Energie sind stark
gestiegen und belasten vor allem kleine Haushaltseinkommen stark.
In der Gesundheitspolitik bleibt zu hoffen, dass der Gesundheitsfonds gekippt wird. Mit ihm droht den Versicherten ein
einseitiger Zusatzbeitrag, den Kassen erheben können, wenn sie mit
dem aus dem Fonds zugewiesenen Einheitsbeitrag nicht auskommen. Von
diesem müssen alle Einkommen bis 800 Euro befreit werden. Sie
werden überdurchschnittlich belastet, denn der Beitrag beträgt bis
zu einem Prozent des Einkommens, aber mindestens acht Euro.
Zudem muss die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel endlich gesenkt
werden. In 23 von 27 europäischen Staaten ist hier keine Steuer fällig.
Nur in Deutschland müssen Menschen, die auf Arzneien angewiesen
sind wie auf das täglich Brot, 19 Prozent zahlen, während für
Lebensmittel nur sieben Prozent fällig sind. Der VdK hat im
vergangenen Jahr 2,3 Millionen Unterschriften zur Senkung der
Mehrwertsteuer dem Bundeskanzleramt übergeben. Doch Bundeskanzlerin
Merkel und Bundesfinanzminister Steinbrück zögern immer noch,
dieser quasi Volksabstimmung Taten folgen zu lassen.
In der Pflegeversicherung ist die nachhaltige Finanzierung nach wie
vor nicht gelöst. Hier wurden ausgerechnet die Rentner, die eh
schon besonders unter geringen Rentenanpassungen und sinkender
Kaufkraft zu leiden haben, einseitig mit der Erhöhung des
Pflegeversicherungsbeitrags auf 1,95 Prozent belastet. Arbeitnehmer
und Arbeitgeber hingegen wurden entlastet. Auch die Reform des
Pflegebedürftigkeitsbegriffs steht weiterhin an. Hier müssen
Demenzkranke ohne Behandlungspflegebedarf aber mit entsprechendem
Bedarf an Betreuung einbezogen werden.
Es gibt also noch eine Vielzahl an Hausaufgaben, die die
Bundesregierung in der Sozialpolitik machen muss. Die Wählerinnen
und Wähler haben nicht vergessen, was ihnen bereits zugemutet
wurde. Sie wollen ihren Sozialstaat erhalten sehen. Es ist an der
Politik, glaubwürdig zu vermitteln, wie dieses sozial gerecht
geschehen soll. Zu befürchten ist, dass der Politik die Wählerinnen
und Wähler weglaufen, weil sie ihr Vertrauen verlieren. Damit würde
unsere Demokratie gefährdet. Das aber darf nicht geschehen. Der
Sozialstaat darf nicht kaputt gespart werden.
polinomics: Herr
Hirrlinger, herzlichen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Walter
Hirrlinger (geb. 1926 in Tübingen) absolvierte nach
der
Schule eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Journalist
und Schriftsteller bevor er in den 50er-Jahren hauptamtlich für
den VdK arbeitete. In der Großen Koalition (CDU und SPD)
unter Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) war der
Sozialdemokrat Hirrlinger von 1968 bis 1972 Arbeits- und
Sozialminister des Landes Baden-Württemberg. Seit 1990 ist er
Präsident des Sozialverbandes VdK Deutschland. Das
Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnet Hirrlinger als
"mächtigsten Renten Lobbyisten" des Landes.
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