polinomics - No. 9: Prima Klima / Gesellschaft
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No. 9: Prima Klima  
   
 

 




Editorial
Interview mit Prof. Dr. von Weizsäcker
Fit für die Zukunft
Segel setzen für Umwelt und Profit
Wir fangen dann schon mal an
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Gesellschaft


Wir fangen dann schon mal an

Ganz einfach gesagt geht es um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder. Hier und überall auf der Welt. Es wäre schön, wenn unsere Urenkel auch noch auf einer saftig-grünen Wiese das Laufen lernen könnten, oder? Claudia Langer will mit ihrer Internetseite utopia.de die Konsumgesellschaft klimatauglich machen. Eine stetig wachsende Zahl an Utopisten will ihr dabei helfen.

Von Thomas Sommer


Foto: Andrea Sommer

            

 

In den achtziger Jahren war er der natürliche Feind der bürgerlichen Gesellschaft: der Öko. Meist hielt er sich in größeren Gruppen vor Atomendlagern auf oder kettete sich gerne auch mal an Bahngleisen fest. Der Öko, von der damaligen Main-Stream-Bevölkerung gerne auch mal als "langhaariger Spinner" bezeichnet, trug Sonnenblume, Parka und ein "Atomkraft: Nein danke"-Button und wählte, wie sollte es auch anders sein, natürlich Grün. Das große Ziel immer fest vor Augen: Die Welt zum Besseren verändern.

Genau dieses Ziel haben die heutigen "Ökos" auch. Nur mit dem Unterschied, dass man sie nicht mehr Ökos nennt - und lange Haare haben sie auch immer seltener. Längst ist das Thema Umweltschutz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Müll vermeiden und recyceln ist zum landesweiten Trendsport für die ganze Familie geworden.

Das Thema Umweltschutz ist in aller Munde. Selbst die Amerikaner, bisher nicht gerade als umweltbewusst bekannt, entdecken das Thema für sich. Hollywood gibt sich neuerdings klimaschonend und fährt mit Hybrid-Antrieb zur Oskar-Verleihung.

Utopisten - Die Ökos 2.0

Der moderne Umweltschützer, der trifft sich im Internet. Zum Beispiel auf der von Claudia Langer gegründeten Internetplattform utopia.de. "Wenn wir Verbraucher mit unserem Konsum deutliche Zeichen setzen, können wir nachhaltig die Welt verändern. Wir haben die Pflicht und die Chance, jetzt die Dinge in die Hand zu nehmen - Utopia ist erreichbar!", sagt die 43-Jährige, die sich gerne auch als Landesmutter und Außenministerin von Utopia bezeichnet.

Selbst nennen sie sich Utopisten und wollen dazu beitragen, dass Millionen von Verbrauchern ihr Konsumverhalten ändern. Der moderne Umweltaktivist soll bewusster entscheiden und so mit jedem Kauf umweltfreundliche Unternehmen und faire Arbeitsbedingungen in aller Welt unterstützen. Dem nicht genug. Gleichzeitig wollen sie die Unternehmen davon überzeugen, dass es sich für sie lohnt, für eine immer größer werdende Zielgruppe Produkte zu entwickeln, die sauber hergestellt, fair gehandelt und rundum nachhaltig sind. Obwohl erst im November 2007 gegründet, ist utopia.de die führende Web 2.0-Plattform für strategischen Konsum und zählt pro Monat mehr als 1 Millionen Besucher.

Die notwendige fachliche Unterstützung erhält die Plattform von einem Netzwerk anerkannter Experten, zu dem das Freiburger Öko-Institut, das Wuppertal Institut, Climate Partner, Rain Forest Action Network und diverse Stiftungen und Umweltorganisationen gehören.

Es kann aber auch mal Ärger geben

Doch nicht jedem gefällt das Engagement der Utopisten. So führte eine Ökostrom-Wechselaktion der Internetplattform zur Androhung von rechtlichen Schritten. Wie kam es dazu? Im Rahmen der Aktion "Ökostrom Jetzt!" wurde mit einer Karikatur des ehemaligen Bundesministers Wolfgang Clement die Position der Atomstrom-Befürworter illustriert. Gegen diese Darstellung wehrte sich Clement durch Anwälte einer überregional tätigen Rechtsanwaltssozietät aus Bonn. In einer Animation würde Clement "herabsetzend und entwürdigend" dargestellt. Darüber hinaus bemängelten die Anwälte, dass ihr Mandant sich werblich für den Wechsel zu Ökostrom stark mache. "Es wird der Eindruck erweckt, die Animation unseres Mandanten dränge darauf, dass der Nutzer nunmehr mit der Anmelde- und Wechselprozedur fortfahre." Nicole Zepter, Utopia-Redaktionsleiterin, erklärte dazu wenig beeindruckt: "Wir lassen Herrn Clement eigentlich nichts anderes tun, als das, was er sonst auch tut: die Interessen der deutschen Energiewirtschaft und damit also auch der Atomindustrie zu vertreten". 

Die Gewissensfrage: Stoff oder Papier?

Aber nicht nur Lobbygruppen und Industrie stehen im Blickpunkt der Utopisten. Umweltschutz beginnt im Kleinen, bei jedem Einzelnen. Im angeschlossenen Forum diskutieren sie daher auch mal zum Thema "Mein ökorrektes Baby - Stoff- oder Papierwindeln?" Ein Utopist, der sich selbst als "nicht so extremen Ökoaktivisten" bezeichnet, hat sich nach langem Hin und Her beispielsweise für den Einsatz von Stoffwindeln entschieden. Gewaschen werden die Windeln mit Waschpulver aus dem Naturversand. "Positiver Nebeneffekt," wie er den anderen Utopisten mitteilt: "die Stoffwindeln haben einen perfekten Sitz und klemmen nirgends am Bein." Wen das nicht überzeugt - fangen wir doch einfach schon mal an!

 


  Hintergrund

 
Utopia, so lautet der Titel eines in lateinischer Sprache 
 verfassten Romans, in dem der Humanist Thomas Morus 
 eine ideale Gesellschaft darstellt. Mit dem Roman, 
 veröffentlicht 1516, wollte Morus auf satirischer Weise 
 seiner Zeit einen Spiegel vorhalten. 
 Das Buch war für die spätere Literatur so prägend, dass  
 fortan jeder Roman, in dem eine frei erfundene, positive 
 Gesellschaft dargestellt wird, als Utopie oder als utopischer 
 Roman bezeichnet wird.
 

 

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© Thomas Sommer 2006 - 2008