In
den achtziger Jahren war er der natürliche Feind der bürgerlichen
Gesellschaft: der Öko. Meist hielt er sich in größeren Gruppen
vor Atomendlagern auf oder kettete sich gerne auch mal an
Bahngleisen fest. Der Öko, von der damaligen Main-Stream-Bevölkerung
gerne auch mal als "langhaariger Spinner" bezeichnet, trug
Sonnenblume, Parka und ein "Atomkraft: Nein
danke"-Button und wählte, wie sollte es auch anders sein,
natürlich Grün. Das große Ziel immer fest vor Augen: Die Welt
zum Besseren verändern.
Genau dieses Ziel haben die heutigen "Ökos" auch. Nur
mit dem Unterschied, dass man sie nicht mehr Ökos nennt - und
lange Haare haben sie auch immer seltener. Längst ist das Thema
Umweltschutz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Müll
vermeiden und recyceln ist zum landesweiten Trendsport für die ganze
Familie geworden.
Das Thema Umweltschutz ist in aller Munde. Selbst die Amerikaner,
bisher nicht gerade als umweltbewusst bekannt, entdecken das Thema
für sich. Hollywood gibt sich neuerdings klimaschonend und fährt
mit Hybrid-Antrieb zur Oskar-Verleihung.
Utopisten - Die Ökos 2.0
Der moderne Umweltschützer, der trifft sich im Internet. Zum Beispiel
auf der von Claudia Langer gegründeten Internetplattform
utopia.de. "Wenn wir Verbraucher mit unserem Konsum deutliche
Zeichen setzen, können wir nachhaltig die Welt verändern. Wir
haben die Pflicht und die Chance, jetzt die Dinge in die Hand zu
nehmen - Utopia ist erreichbar!", sagt die 43-Jährige, die
sich gerne auch als Landesmutter und Außenministerin von Utopia
bezeichnet.
Selbst nennen sie sich Utopisten und wollen dazu beitragen, dass
Millionen von Verbrauchern ihr Konsumverhalten ändern. Der
moderne Umweltaktivist soll bewusster entscheiden und so mit jedem
Kauf umweltfreundliche Unternehmen und faire Arbeitsbedingungen in
aller Welt unterstützen. Dem nicht genug. Gleichzeitig wollen sie
die Unternehmen davon überzeugen, dass es sich für sie lohnt, für
eine immer größer werdende Zielgruppe Produkte zu entwickeln,
die sauber hergestellt, fair gehandelt und rundum nachhaltig sind.
Obwohl erst im November 2007 gegründet, ist utopia.de die führende
Web 2.0-Plattform für strategischen Konsum und zählt
pro Monat mehr als 1 Millionen Besucher.
Die notwendige fachliche Unterstützung erhält die Plattform von
einem Netzwerk anerkannter Experten, zu dem das Freiburger Öko-Institut,
das Wuppertal Institut, Climate Partner, Rain Forest Action
Network und diverse Stiftungen und Umweltorganisationen gehören.
Es kann aber auch mal Ärger geben
Doch nicht jedem gefällt das Engagement der Utopisten. So führte
eine Ökostrom-Wechselaktion der Internetplattform zur Androhung
von rechtlichen Schritten. Wie kam es dazu? Im Rahmen der Aktion
"Ökostrom Jetzt!" wurde mit einer Karikatur des
ehemaligen Bundesministers Wolfgang Clement die Position der
Atomstrom-Befürworter illustriert. Gegen diese Darstellung wehrte
sich Clement durch Anwälte einer überregional tätigen
Rechtsanwaltssozietät aus Bonn. In einer Animation würde Clement
"herabsetzend und entwürdigend" dargestellt. Darüber
hinaus bemängelten die Anwälte, dass ihr Mandant sich werblich für
den Wechsel zu Ökostrom stark mache. "Es wird der Eindruck
erweckt, die Animation unseres Mandanten dränge darauf, dass der
Nutzer nunmehr mit der Anmelde- und Wechselprozedur
fortfahre." Nicole Zepter, Utopia-Redaktionsleiterin, erklärte
dazu wenig beeindruckt: "Wir lassen Herrn Clement eigentlich
nichts anderes tun, als das, was er sonst auch tut: die Interessen
der deutschen Energiewirtschaft und damit also auch der
Atomindustrie zu vertreten".
Die Gewissensfrage: Stoff oder Papier?
Aber nicht nur Lobbygruppen und Industrie stehen im Blickpunkt der
Utopisten. Umweltschutz beginnt im Kleinen, bei jedem Einzelnen.
Im angeschlossenen Forum diskutieren sie daher auch mal zum Thema
"Mein ökorrektes Baby - Stoff- oder Papierwindeln?" Ein
Utopist, der sich selbst als "nicht so extremen Ökoaktivisten"
bezeichnet, hat sich nach langem Hin und Her beispielsweise für
den Einsatz von Stoffwindeln entschieden. Gewaschen werden die
Windeln mit Waschpulver aus dem Naturversand. "Positiver
Nebeneffekt," wie er den anderen Utopisten mitteilt:
"die Stoffwindeln haben einen perfekten Sitz und klemmen
nirgends am Bein." Wen das nicht überzeugt - fangen wir doch
einfach schon mal an!
Hintergrund
Utopia,
so lautet der Titel eines in lateinischer Sprache
verfassten Romans, in dem der Humanist Thomas Morus
eine ideale Gesellschaft darstellt. Mit dem Roman,
veröffentlicht
1516, wollte Morus auf satirischer Weise
seiner Zeit
einen Spiegel vorhalten.
Das Buch war für die spätere
Literatur so prägend, dass
fortan jeder Roman, in dem
eine frei erfundene, positive
Gesellschaft dargestellt
wird, als Utopie oder als utopischer
Roman bezeichnet
wird.
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