polinomics: Sehr geehrter Herr von
Weizsäcker, zuallererst herzlichen Glückwunsch zur Verleihung
des Deutschen Umweltpreises!
Geehrt werden Sie für Ihre Überzeugungsarbeit für nachhaltiges
Wirtschaften in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Was bedeutet
für Sie nachhaltig?
Prof. Dr. von Weizsäcker:
So
dass es die Generation von
Enkeln und Urenkeln so gut haben wie wir.
polinomics:
In
Anspielung auf Al Gores "Eine unbequeme Wahrheit"
sprechen Sie bei dem dänischen Politologen Björn Lomborg von
einem Verfechter der "bequemen Unwahrheiten". Überspitzt
formuliert sagt Lomborg in seinem Buch "Cool It", dass
die globale Erderwärmung im Grunde nicht so schlimm sei, da so
die Zahl der Kältetoten auf der Erde verringert werden könne.
Zugegeben eine sehr gewagte Sichtweise. Aber hat Lomborg denn
nicht Recht, wenn er behauptet, dass wir uns mit einer
Klima-Hysterie im Grunde nur selbst schaden? Dass es besser sei,
ein wenig Ruhe in die Debatte zu bringen, um so übereilte
Schnellschüsse in Sachen Klimaschutz zu vermeiden?
 |
Foto:
von Weizsäcker von
Weizsäcker:
"Wenn ich nach Deutschland zurück komme, will ich
mit meiner Frau Christine zusammen ein kleines
Institut oder Beratungs- büro in Emmendingen
aufbauen." |
Prof. Dr. von Weizsäcker: Hysterie
ist
schädlich, weil sie zu unvernünftigem,
ganz kurzfristigem
Handeln verleitet.
Klimaschutz ist eine Langfristaufgabe.
Wenn wir wissen, dass der Verbrauch von
Kohle, Öl und Gas sowie die
Emission von
Methan, Lachgas und einigen anderen
Gasen das Klima
schädigt, dann sollten
wir die Preise für diese Handlungsweisen
in vorhersehbaren, eher kleinen Schritten
anheben. Dann rentiert
sich
klimafreundliches Produzieren und
Konsumieren von Jahr zu
Jahr mehr. Dann
werden die Weichen für
Technologieentwicklung,
Infrastrukturen,
Handel und Konsum endlich rational
gestellt. Das
nenne ich dann das
Gegenteil von Hysterie, und es bleibt
auch dann vernünftig, wenn sich die
Klimaforscher an irgendwelchen Stellen
verrechnet haben sollten.
polinomics:
An der "Donald Bren School" für
Umweltwissenschaft und -Management im kalifornischen Santa Barbara
leiten Sie derzeit das Institut für Umweltforschung. Die drei
Jahre, die sie dort einplanten sind bald vorbei und sie ziehen
wieder zurück nach Deutschland. Welchen Projekten wollen Sie sich
dann widmen?
Prof. Dr. von Weizsäcker: Nein,
ich leite die ganze School. Ich bin hauptsächlich Repräsentant
und Geldbeschaffer, beides übrigens erfolgreich. Wenn ich nach
Deutschland zurück komme, will ich mit meiner Frau Christine
zusammen ein kleines Institut oder Beratungsbüro in Emmendingen
aufbauen. Daneben will ich das Manuskript für das Buch
"Faktor 5" fertig stellen und mich um die Leitung von
zwei internationalen Kommissionen kümmern.
polinomics: Was
wünschen Sie sich speziell für die deutsche Umweltpolitik der nächsten
Jahre?
Prof. Dr. von Weizsäcker:
Stetigkeit
und europäische Koordinierung bei Klimaschutz, Artenschutz und
technologischer Umsteuerung in Richtung Nachhaltigkeit.
polinomics:
Herr
Professor, herzlichen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Thomas Sommer
Zur Person:
Ernst Ulrich von Weizsäcker
(geb. 25. Juni 1939 in Zürich)
ist der Sohn des
Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker und
Neffe des
ehemaligen Bundespräsidenten Richard von
Weizsäcker.
Mit seiner Frau, Christine von Weizsäcker, ist er
seit 1969 verheiratet und hat fünf Kinder. Nach dem
Abitur
studierte von Weizsäcker Chemie und Physik in
Hamburg und
schloss das Studium als Diplom-Physiker
ab. Anschließend
promovierte er an der Universität
Freiburg im Breisgau zum
Dr. rer. nat. (Biologie). Er
war Professor für Biologie an der
Universität-Gesamthochschule
Essen und von 1975 bis 1980
Präsident der Universität
Kassel. 1981 wechselte er an das
UNO-Zentrum für
Wissenschaft und Technologie in
New-York. Von 1984 bis
1991 war von Weizsäcker Direktor
des Instituts für
Europäische Umweltpolitik Bonn, Paris,
London.
Anschließend war er bis 2000 Präsident des
Wuppertal
Instituts für Klima, Umwelt, Energie.
Von 1998 bis 2005 war er für die
SPD Abgeordneter im
Deutschen Bundestag. Hier hatte er
zuerst den Vorsitz der
Enquete-Kommission
„Globalisierung der Weltwirtschaft –
Herausforderungen und Antworten“ und später den
Vorsitz
des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit inne. Seit 2006 ist er Dekan der
Bren
School of Environmental Science and Management
der
Universität Kalifornien (Santa Barbara).
Für seine jahrzehntelange hervorragende
weltweite
Überzeugungsarbeit für nachhaltiges
Wirtschaften in Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft erhielt von Weizsäcker
im
Oktober 2008 den Deutschen Umweltpreis der
Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU).
|
|