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Katrin
Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages,
spricht im polinomics-Interview über ihre persönlichen Erlebnisse
am 9. November 1989 und über das Ende der "Trennung in den Köpfen".
polinomics:
Sehr
geehrte Frau Göring-Eckardt, dieser Tage jährt sich der Fall der
Mauer zum 20. Mal. Im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung
spielt der 9. November 1989 eine bedeutende Rolle. Viele können
sich noch ganz genau daran erinnern, was sie an diesem Tag gemacht
haben und wie sie die Nachricht erreicht hat. Wie haben Sie vom Fall
der Mauer erfahren und können Sie sich auch noch daran erinnern, wo
Sie zu diesem Zeitpunkt waren?
Göring-Eckardt:
Am
9. November 1989 war ich mit meinem zwei Monate alten Sohn Zuhause.
Natürlich war das eine einschneidende Nachricht, doch welche
Nachricht war das nicht in diesen Tagen? Die zum Bersten vollen
Kirchen, die Demos, die unzähligen kleinen Initiativen, die endlich
den Weg in die Öffentlichkeit fanden, die Erstürmung der
Stasi-Zentralen einige Wochen später.
Ich
wollte dann auch am darauffolgenden Wochenende meinem Mann nach
Hessen fahren. In letzter Sekunde sind wir dann aber umgekehrt und
ins benachbarte Arnstadt gefahren, wo unsere Demos nicht am Montag,
sondern immer am Sonnabend stattfanden. Und das war eine richtige
Entscheidung, denn die Revolution sollte mit dem Mauerfall nicht zu
Ende sein. Für viele war jedoch der Lockruf des Westens in diesen
Tagen größer. Bei der Demonstration jedenfalls waren wir statt 1.000 vielleicht noch hundert Leute.
polinomics:
Was
bedeutet der 9. November 1989 für Sie persönlich?
Göring-Eckardt:
Natürlich
ist dieser Tag ein
historischer Glückstag. Trotzdem war der 9. November für mich
damals auch ambivalent. Für manche war das ja nicht nur
der lang ersehnte Tag der Freiheit, sondern auch schon der
erste Tag auf dem Weg zu Einheit. Insofern hat der 9. November
das Gesicht der Revolution verändert. Er hat die Richtung verändert und
sie beschleunigt. Die Aufbruchstimmung dieser Tage wurde stärker zu Aufbruchstimmung
Richtung Westen. Das war absolut nachvollziehbar, doch so ganz
konnte ich die Euphorie damals nicht teilen. Denn bei uns
stand die Frage im Vordergrund, wie wir dieses Land so verändern
können, so dass die Menschen hier gern leben möchten, sogar
lieber als in Westdeutschland. Freiheit war doch mehr als
Reisefreiheit, es war die Freiheit vom Zwang zur Uniformität,
die Freiheit des Worts, die Freiheit, die gegen die Angst vor
staatlicher Willkür steht.
polinomics:
Auch wenn die Freude auf beiden Seiten der
Mauer sehr groß war, dauert die Trennung in den Köpfen oftmals
immer noch an. Die wenig schmeichelnden Anreden wie "Ossi"
und "Wessi" machen dies deutlich. Wie kann auch diese
Mauer überwunden werden? Oder ist sie es nicht schon längst?
Göring-Eckardt:
Ich
bin mir nicht sicher, ob die immer wieder beschworene "Trennung
in den Köpfen" wirklich so allgegenwärtig ist. Meine
Wahrnehmung ist eigentlich, dass gerade junge Leute damit wenig
anfangen können, dass "Ossi" oder "Wessi" wenn
überhaupt, dann nur noch ironisch gebraucht wird. Diese jungen
Leute leben in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert – in
Halle/Saale genauso wie in Halle/Westfalen. Natürlich gibt es noch
Menschen – manche Umfragen bestätigen das ja – die sich vor
allem ostdeutsch bzw. westdeutsch definieren. Das ist per se auch
nicht schlimm, es regt sich ja auch niemand über ein bayerisches
Selbstverständnis auf. Nicht akzeptieren kann ich allerdings, wenn
Ost und West gegeneinander ausgespielt werden, so wie das zuletzt
Herr Ramsauer getan hat. Denn die Probleme unserer Gesellschaft
lassen sich mit diesen Begriffen nicht mehr richtig abbilden, und lösen
können wir sie mit vordergründigen Neiddiskussionen ganz bestimmt
nicht.
polinomics: Frau
Göring-Eckardt, vielen Dank für das Gespräch.
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