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No. 11: Wir sind das Volk - 20 Jahre Mauerfall
 

Katrin Göring-Eckardt im Interview

 

"Freiheit war doch mehr als Reisefreiheit"

Die Fragen stellte Thomas Sommer


Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, spricht im polinomics-Interview über ihre persönlichen Erlebnisse am 9. November 1989 und über das Ende der "Trennung in den Köpfen".

polinomics: Sehr geehrte Frau Göring-Eckardt, dieser Tage jährt sich der Fall der Mauer zum 20. Mal. Im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung spielt der 9. November 1989 eine bedeutende Rolle. Viele können sich noch ganz genau daran erinnern, was sie an diesem Tag gemacht haben und wie sie die Nachricht erreicht hat. Wie haben Sie vom Fall der Mauer erfahren und können Sie sich auch noch daran erinnern, wo Sie zu diesem Zeitpunkt waren?

Göring-Eckardt:
Am 9. November 1989 war ich mit meinem zwei Monate alten Sohn Zuhause. Natürlich war das eine einschneidende Nachricht, doch welche Nachricht war das nicht in diesen Tagen? Die zum Bersten vollen Kirchen, die Demos, die unzähligen kleinen Initiativen, die endlich den Weg in die Öffentlichkeit fanden, die Erstürmung der Stasi-Zentralen einige Wochen später.

Ich wollte dann auch am darauffolgenden Wochenende meinem Mann nach Hessen fahren. In letzter Sekunde sind wir dann aber umgekehrt und ins benachbarte Arnstadt gefahren, wo unsere Demos nicht am Montag, sondern immer am Sonnabend stattfanden. Und das war eine richtige Entscheidung, denn die Revolution sollte mit dem Mauerfall nicht zu Ende sein. Für viele war jedoch der Lockruf des Westens in diesen Tagen größer. Bei der Demonstration jedenfalls waren wir statt 1.000 vielleicht noch hundert Leute

 
polinomics:
Was bedeutet der 9. November 1989 für Sie persönlich?

Göring-Eckardt: Natürlich ist dieser Tag ein historischer Glückstag. Trotzdem war der 9. November für mich damals auch ambivalent. Für manche war das ja nicht nur der lang ersehnte Tag der Freiheit, sondern auch schon der erste Tag auf dem Weg zu Einheit. Insofern hat der 9. November das Gesicht der Revolution verändert. Er hat die Richtung verändert und sie beschleunigt. Die Aufbruchstimmung dieser Tage wurde stärker zu Aufbruchstimmung Richtung Westen. Das war absolut nachvollziehbar, doch so ganz konnte ich die Euphorie damals nicht  teilen. Denn bei uns stand die Frage im Vordergrund, wie wir dieses Land so verändern können, so dass die Menschen hier gern leben möchten, sogar lieber als in Westdeutschland. Freiheit war doch mehr als Reisefreiheit, es war die Freiheit vom Zwang zur Uniformität, die Freiheit des Worts, die Freiheit, die gegen die Angst vor staatlicher Willkür steht.

polinomics: Auch wenn die Freude auf beiden Seiten der Mauer sehr groß war, dauert die Trennung in den Köpfen oftmals immer noch an. Die wenig schmeichelnden Anreden wie "Ossi" und "Wessi" machen dies deutlich. Wie kann auch diese Mauer überwunden werden? Oder ist sie es nicht schon längst?

Göring-Eckardt:
Ich bin mir nicht sicher, ob die immer wieder beschworene "Trennung in den Köpfen" wirklich so allgegenwärtig ist. Meine Wahrnehmung ist eigentlich, dass gerade junge Leute damit wenig anfangen können, dass "Ossi" oder "Wessi" wenn überhaupt, dann nur noch ironisch gebraucht wird. Diese jungen Leute leben in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert – in Halle/Saale genauso wie in Halle/Westfalen. Natürlich gibt es noch Menschen – manche Umfragen bestätigen das ja – die sich vor allem ostdeutsch bzw. westdeutsch definieren. Das ist per se auch nicht schlimm, es regt sich ja auch niemand über ein bayerisches Selbstverständnis auf. Nicht akzeptieren kann ich allerdings, wenn Ost und West gegeneinander ausgespielt werden, so wie das zuletzt Herr Ramsauer getan hat. Denn die Probleme unserer Gesellschaft lassen sich mit diesen Begriffen nicht mehr richtig abbilden, und lösen können wir sie mit vordergründigen Neiddiskussionen ganz bestimmt nicht. 

polinomics: Frau Göring-Eckardt, vielen Dank für das Gespräch.