polinomics: Sehr
geehrter Frau Göring-Eckardt, dieser Tage jährt sich der Fall
der Mauer zum 20. Mal. Im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung
spielt der 9. November 1989 eine bedeutende Rolle. Viele können
sich noch ganz genau daran erinnern, was sie an diesem Tag gemacht
haben und wie sie die Nachricht erreicht hat. Wie haben Sie vom
Fall der Mauer erfahren und können Sie sich auch noch daran
erinnern, wo Sie zu diesem Zeitpunkt waren?
Göring-Eckardt:
Am 9. November 1989 war ich mit
meinem zwei Monate alten Sohn zu Hause. Natürlich war das eine
einschneidende Nachricht, doch welche Nachricht war das nicht in
diesen Tagen? Die zum Bersten vollen Kirchen, die Demos, die unzähligen
kleinen Initiativen, die endlich den Weg in die Öffentlichkeit
fanden, die Erstürmung der Stasi-Zentralen einige Wochen später.
Ich wollte dann auch am darauffolgenden Wochenende
mit meinem Mann nach Hessen fahren. In letzter Sekunde sind wir dann
aber umgekehrt und ins benachbarte Arnstadt gefahren, wo unsere
Demos nicht am Montag, sondern immer am Sonnabend stattfanden. Und
das war eine richtige Entscheidung, denn die Revolution sollte mit
dem Mauerfall nicht zu Ende sein. Für viele war jedoch der
Lockruf des Westens in diesen Tagen größer. Bei der
Demonstration jedenfalls waren wir statt 1.000 vielleicht noch
hundert Leute.
polinomics:
Was
bedeutet der 9. November 1989 für Sie persönlich?
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Foto:
Göring-Eckardt Göring-Eckardt
"Denn bei uns stand die Frage im
Vordergrund,
wie wir dieses Land so verändern können, so dass
die Menschen hier gern leben möchten,
sogar lieber als in West- deutschland." |
Göring-Eckardt: Natürlich ist dieser Tag
ein historischer Glückstag.
Trotzdem war
der 9. November für mich damals
auch
ambivalent. Für manche war das
ja nicht
nur der lang ersehnte Tag der
Freiheit,
sondern auch schon der erste Tag
auf
dem Weg zur
Einheit. Insofern hat
der 9.
November das Gesicht der
Revolution
verändert. Er hat die Richtung
verändert
und sie beschleunigt. Die Aufbruch-
stimmung dieser Tage wurde stärker
zur
Aufbruchstimmung Richtung
Westen. Das
war absolut nachvollziehbar,
doch so
ganz konnte ich
die Euphorie damals nicht
teilen.
Denn bei uns stand die Frage im
Vordergrund,
wie wir dieses Land so
verändern
können, so dass die Menschen
hier
gern leben möchten, sogar lieber als
in
Westdeutschland. Freiheit war doch
mehr
als Reisefreiheit, es war die
Freiheit
vom Zwang zur Uniformität, die
Freiheit des Worts, die Freiheit, die gegen die Angst vor
staatlicher Willkür steht.
polinomics: Auch wenn die Freude auf beiden Seiten der Mauer
sehr groß war, dauert die Trennung in den Köpfen oftmals immer
noch an. Die wenig schmeichelnden Anreden wie "Ossi" und
"Wessi" machen dies deutlich. Wie kann auch diese
Mauer überwunden werden? Oder ist sie es nicht schon längst?
Göring-Eckardt: Ich bin mir nicht sicher, ob die immer wieder beschworene "Trennung in den Köpfen"
wirklich so allgegenwärtig ist. Meine Wahrnehmung ist eigentlich,
dass gerade junge Leute damit wenig anfangen können, dass
"Ossi" oder "Wessi" wenn überhaupt, dann nur
noch ironisch gebraucht wird. Diese jungen Leute leben in einer
Gesellschaft, die sich rasant verändert – in Halle/Saale
genauso wie in Halle/Westfalen. Natürlich gibt es noch Menschen
– manche Umfragen bestätigen das ja – die sich vor allem
ostdeutsch bzw. westdeutsch definieren. Das ist per se auch nicht
schlimm, es regt sich ja auch niemand über ein bayerisches
Selbstverständnis auf. Nicht akzeptieren kann ich allerdings,
wenn Ost und West gegeneinander ausgespielt werden, so wie das
zuletzt Herr Ramsauer getan hat. Denn die Probleme unserer
Gesellschaft lassen sich mit diesen Begriffen nicht mehr richtig
abbilden, und lösen können wir sie mit vordergründigen
Neiddiskussionen ganz bestimmt nicht.
polinomics:
Frau
Göring-Eckardt,
vielen Dank für das
Gespräch.
Die Fragen stellte Thomas Sommer
Zur Person:
Katrin
Göring-Eckardt (geb. 3. Mai 1966 in Fridrichsroda/
Thüringen) ist evangelisch,
verheiratet und hat zwei Söhne.
Die studierte Theologin ist Gründungsmitglied von
"Demokratie jetzt" und "Bündnis
90" (1989). Göring-Eckardt
ist seit 1998 Mitglied des
Bundestages und war bis 2002
Parlamentarische Geschäftsführerin
der Fraktion "Bündnis
90/Die Grünen" und 2002 bis
2005 Fraktionsvorsitzende der
Bundestagsfraktion.
Seit 2005 ist sie Vizepräsidentin des
Deutschen Bundestages
und kulturpolitische Sprecherin von
Bündnis 90/Die
Grünen. Seit 2009 ist sie außerdem Präses
der Synode der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
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