polinomics - No. 11: Wir sind das Volk - 20 Jahre Mauerfall / Ausland
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No. 11: Wir sind das Volk - 20 Jahre Mauerfall  
   
 

 




Editorial
Interview mit Katrin Göring-Eckardt
Die Ereignisse im Zeitraffer
Zahlen, Daten, Fakten
Der israelische Sicherheitszaun
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Ausland


Israelischer Sicherheitszaun zerstört Lebensgrundlage vieler Palästinenser

Im Jahr 2003 hat Israel begonnen, sein Staatsgebiet durch Sperranlagen gegenüber dem palästinensischen Westjordanland abzusichern. Völkerrechtlich arg umstritten bedient diese Mauer das legitime israelische Sicherheitsbedürfnis, zerstückelt aber weiter das Territorium eines zu schaffenden palästinensischen Staates und zerstört die Lebensgrundlage vieler Palästinenser.

Von Florian Schiegl


Foto: Thomas Sommer

            

 

28 Jahre, zwei Monate und und 29 Tage waren der Ost- und der Westteil Berlins durch Beton, Stacheldraht und Selbstschussanlagen voneinander getrennt. Seit dem 9. November 1989 ist die Berliner Mauer Geschichte. Anderswo auf der Welt sind solche Sperranlagen hingegen weiter Realität.

Die Mauer, die das israelische Kernland von der palästinensischen Westbank trennt, ist ein Paradebeispiel dafür. Nun gut, könnte man sagen, die Mauer, die so lange zwischen Ost- und Westdeutschen stand, hielt ein gemeinsames Volk davon ab, das Leben miteinander zu teilen. Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland trennt hingegen zwei unterschiedliche Völker, die seit mehr als 60 Jahren in einem blutigen Konflikt stehen. Da sind Sperranlagen so abwegig nicht. Trennung ist besser als Gewalt, könnte man meinen. 

Das stimmt zwar, trifft aber nicht den Kern des Problems. An den israelischen Sperranlagen, die, wenn sie fertig gestellt sind, 759 Kilometer lang sein werden, prallen die legitimen Interessen Israels und der Palästinenser aufeinander. Israel möchte sein Staatsgebiet und seine Bürger schützen, die Palästinenser wollen einen lebensfähigen Staat errichten. Beides ist nachvollziehbar und müsste sich keineswegs widersprechen. An den Grenzanlagen kollidieren beide Interessen dennoch mit voller Wucht aufeinander.

Noch unter der Regierung Scharon wurde 2003 mit dem Bau der
israelischen Mauer begonnen. Die meisten Anschläge in Israel gingen vom Westjordanland aus. Tod und Zerstörung, so die Überlegung, könne man am besten stoppen, wenn man den Zugang der Westbank-Palästinenser nach Israel stoppe. Das würde auch der Vergleich der israelischen Attentatsopfer in Gebieten mit und ohne Zaun belegen.   

Verlaufen soll der Sicherheitszaun nach endgültiger
Fertigstellung etwa zu 20 Prozent auf der sogenannten Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie zwischen Israel und der Westbank aus dem Jahr 1948. Der Rest erstreckt sich innerhalb israelischen Territoriums. Oder zerschneidet palästinensisches Gebiet.

Der Zaun zerstört die Lebensgrundlage vieler Palästinenser

Und hier prallen neben der grundsätzlich problematischen Einschränkung des Grenzübertritts für palästinensische Arbeitskräfte beide beschriebenen, für sich legitimen Interessen aufeinander. Dort wo die Sperranlagen auf palästinensischem Territorium errichtet werden, trennen sie Dörfer von den dazugehörigen Feldern ab und zerschneiden Siedlungen. Zigtausende Olivenbäume wurden gefällt, palästinensische Brunnen von Israel annektiert. Teilweise wurden Enklaven geschaffen, die fast vollständig von israelischen Sperranlagen umgeben sind. Seit Oktober ist die Umgebung der jeweiligen Sperranlagen militärisches Sperrgebiet, dass Israelis frei betreten dürfen, Palästinenser hingegen nicht einmal, wenn sie Einwohner der betroffenen Ortschaften sind. Zusätzlich sichert Israel diese 2006 verschärfte Zugangsberechtigung den Zugriff auf einen Großteil der Wasserreserven im Jordantal.

Kurzum, der von der internationalen Gemeinschaft verurteilte Sperrzaun, dessen Verlauf von israelischen Gerichten teils sogar revidiert wurde, zerstückelt das Territorium eines künftigen palästinensischen Staates und zerstört die Lebensgrundlage von
Tausenden Palästinensern. Damit erzeugt er das, was er eigentlich von Israel abwenden sollte: Gewaltbereitschaft und Extremismus. Gruppierungen, die genau das propagieren, finden unter enteigneten Palästinensern mehr Anhänger und Unterstützer, als unter in bescheidenen, aber einigermaßen gesicherten Verhältnissen lebenden Bewohnern der Grenzgebiete. Plakativ gesprochen: Wer etwas zu verlieren hat, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass er sich in Tel Aviv oder in einer anderen jüdischen Stadt in die Luft sprengt.

Paradoxerweise züchtet Israel mit dem Zaun auf die Dauer selbst anti-israelischen Extremismus heran. Sperranlangen als Ursache und gleichzeitig als Schutz vor palästinensischer Gewalt. Ein Zaun, der sich seine Existenzberechtigung selbst schafft.

Selbstmordanschläge und Raketenbeschuss sind in keinster Weise zu rechtfertigende Mittel – unabhängig von den Zielen und egal in welcher Ausgangslage. Die Gewalt gegen Israel wird aber nur enden, wenn man den Palästinensern annehmbare Lebensumstände ermöglicht. Dieser Tatsache muss man schonungslos ins Auge sehen, sonst wird Israel den Sicherheitszaun noch lange brauchen. Vielleicht sogar länger als 28 Jahre, zwei Monate und 29 Tage.


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© Thomas Sommer 2006 - 2009