28
Jahre, zwei Monate und und 29 Tage waren der Ost- und der Westteil Berlins durch
Beton, Stacheldraht und Selbstschussanlagen voneinander getrennt.
Seit dem 9. November 1989 ist die Berliner Mauer
Geschichte. Anderswo auf der Welt sind solche Sperranlagen
hingegen weiter Realität.
Die
Mauer, die das israelische Kernland von der palästinensischen
Westbank trennt, ist ein Paradebeispiel dafür. Nun gut, könnte
man sagen, die Mauer, die so lange zwischen Ost- und Westdeutschen
stand, hielt ein gemeinsames Volk davon ab, das Leben miteinander
zu teilen. Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland trennt
hingegen zwei unterschiedliche Völker, die seit mehr als 60
Jahren in einem blutigen Konflikt stehen. Da sind Sperranlagen so
abwegig nicht. Trennung ist besser als Gewalt, könnte man meinen.
Das stimmt zwar, trifft aber nicht den Kern des Problems.
An den israelischen Sperranlagen, die,
wenn sie fertig gestellt
sind, 759 Kilometer lang
sein werden, prallen die legitimen
Interessen Israels und der Palästinenser aufeinander. Israel möchte
sein Staatsgebiet und seine Bürger schützen, die Palästinenser
wollen einen lebensfähigen Staat errichten. Beides ist
nachvollziehbar und müsste sich keineswegs widersprechen. An den
Grenzanlagen kollidieren beide Interessen dennoch mit voller Wucht
aufeinander.
Noch unter der Regierung Scharon wurde 2003 mit dem Bau der
israelischen Mauer
begonnen. Die meisten Anschläge in Israel gingen vom
Westjordanland aus. Tod und Zerstörung, so die Überlegung, könne
man am besten stoppen, wenn man den Zugang der Westbank-Palästinenser
nach Israel stoppe. Das würde auch der Vergleich der israelischen
Attentatsopfer in Gebieten mit und ohne Zaun belegen.
Verlaufen soll der Sicherheitszaun nach endgültiger
Fertigstellung
etwa zu 20 Prozent auf der sogenannten Grünen Linie, der
Waffenstillstandslinie zwischen Israel und der Westbank aus dem Jahr 1948. Der Rest
erstreckt sich innerhalb israelischen Territoriums. Oder
zerschneidet palästinensisches Gebiet.
Der
Zaun zerstört die Lebensgrundlage vieler Palästinenser
Und hier prallen neben der grundsätzlich problematischen
Einschränkung des Grenzübertritts für palästinensische
Arbeitskräfte beide beschriebenen, für sich legitimen Interessen
aufeinander. Dort wo die Sperranlagen auf palästinensischem
Territorium errichtet werden, trennen sie Dörfer von den dazugehörigen
Feldern ab und zerschneiden Siedlungen. Zigtausende Olivenbäume
wurden gefällt, palästinensische Brunnen von Israel annektiert.
Teilweise wurden Enklaven geschaffen, die fast vollständig von
israelischen Sperranlagen umgeben sind. Seit Oktober ist die
Umgebung der jeweiligen Sperranlagen militärisches Sperrgebiet,
dass Israelis frei betreten dürfen, Palästinenser hingegen nicht
einmal,
wenn sie Einwohner der betroffenen Ortschaften sind. Zusätzlich
sichert Israel diese 2006 verschärfte Zugangsberechtigung den
Zugriff auf einen Großteil der Wasserreserven im Jordantal.
Kurzum, der von der internationalen Gemeinschaft verurteilte
Sperrzaun, dessen Verlauf von israelischen Gerichten teils sogar
revidiert wurde, zerstückelt das Territorium eines künftigen palästinensischen
Staates und zerstört die Lebensgrundlage von
Tausenden Palästinensern.
Damit erzeugt er das, was er eigentlich von Israel abwenden
sollte: Gewaltbereitschaft und Extremismus. Gruppierungen, die
genau das propagieren, finden unter enteigneten Palästinensern
mehr Anhänger und Unterstützer, als unter in bescheidenen, aber
einigermaßen gesicherten Verhältnissen lebenden Bewohnern der
Grenzgebiete. Plakativ gesprochen: Wer etwas zu verlieren hat, bei
dem ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass er sich in Tel Aviv
oder in einer anderen jüdischen Stadt in die Luft sprengt.
Paradoxerweise züchtet Israel mit dem Zaun auf die Dauer selbst
anti-israelischen Extremismus heran. Sperranlangen als Ursache und
gleichzeitig als Schutz vor palästinensischer Gewalt. Ein Zaun, der sich seine Existenzberechtigung selbst schafft.
Selbstmordanschläge und Raketenbeschuss sind in keinster Weise zu
rechtfertigende Mittel – unabhängig von den Zielen und egal in
welcher Ausgangslage. Die Gewalt gegen Israel wird aber nur enden,
wenn man den Palästinensern annehmbare Lebensumstände ermöglicht. Dieser Tatsache muss man schonungslos ins Auge sehen, sonst
wird Israel den Sicherheitszaun noch lange brauchen. Vielleicht
sogar länger als 28 Jahre, zwei Monate und 29 Tage.