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Hannes Klöpper ist Geschäftsführer und Mitgründer von iversity.org.
Einer Plattform für universitäre Online-Lehre, die mittels so
genannter Massive Open Online Courses (MOOCs) Wissbegierigen auf der
ganzen Welt Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten bietet. Am Ende
des Kurses gibt es eine Teilnahmebescheinigung - kostenlos! Wer ein
benotetes Zertifikat haben will, muss an einer Abschlussprüfung
teilnehmen. Die kostet dann zwischen 49 und 149 Euro. Vergleichbare
Zertifikate sind meistens bedeutend teurer.
polinomics:
Nur vier Monate nach der Gründung von iversity im Oktober 2013
konnten Sie im Februar 2014 verkünden, bald die 500.000er Marke bei
den Kursanmeldungen zu schneiden. Ist die halbe Million nun voll?
Hannes Klöpper:
Diese Marke haben wir mit derzeit 630.000 Kursanmeldungen schon
deutlich überschritten! Einige unserer Nutzer schreiben sich aber in
mehreren Kursen ein. In Bezug auf die eingeschriebenen Nutzer
(Unique Users) stehen wir daher bei 430.000 – Tendenz weiter
steigend.
polinomics:
Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Hannes Klöpper:
Die
Gunst der Stunde scheint auf unserer Seite zu sein. Mit unseren
MOOCs rennen wir offene Türen ein, denn die Nachfrage nach
Studienangeboten im Netz ist offensichtlich sehr groß – und das
weltweit. Den Wert von Bildung muss man außerdem niemandem erklären.
Dass Bildung relevant ist – und zwar sowohl zur Aneignung nützlicher
Fähigkeiten als auch als Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung –,
versteht sich kulturübergreifend von selbst. Hinzu kommt: Es ist
eine Generation von Studierenden herangewachsen, die mit
Online-Angeboten groß geworden ist. Diese Generation findet es
unverständlich, dass die Universitäten ihnen bisher kaum Angebote im
Netz machen. Die angesprochene “Gunst der Stunde” betrifft aber auch
unser Verhältnis zu den Universitäten. Dort hat ein Umdenken
eingesetzt und digitale Angebote werden dort zunehmend ernst
genommen.
polinomics:
Wer gehört zu Ihrer Zielgruppe? Gibt es die eigentlich bei einem
offenen Internet-Bildungsangebot?
Hannes Klöpper:
Wir erreichen ganz
unterschiedliche Zielgruppen: Die Fachgemeinde der Architekten, die
in dem Kurs “Designing Resilient Schools” wirbelsturmsichere
Schulgebäude für die vom Taifun betroffenen Regionen auf den
Philippinen entworfen hat. Das ältere Ehepaar aus den Niederlanden,
das seine Passion für zeitgenössisches Design entdeckt hat. Aber
auch Studierende aus dem ländlich geprägten Hochland Nepals, die
ohne Angebote wie das von iversity überhaupt keinen Zugang zu
universitärer Bildung hätten. Aber natürlich finden Sie bei uns auch
die deutsche Studentin von nebenan. Unsere Nutzerschaft ist also
sehr heterogen – und genau das macht das gemeinsame Lernen in MOOCs
so spannend.
polinomics:
Haben die klassischen
Präsenz-Universitäten und Fachhochschulen damit ausgedient?
Hannes Klöpper:
Dies ist ein hartnäckiges
Vorurteil, das durch häufige Nennung nicht wahrer wird. Man sehe
sich unser Geschäftsmodell an: Wir kooperieren mit Universitäten, um
deren Hochschulkurse auf unserer Plattform der ganzen Welt verfügbar
zu machen. iversity hat also das größte Interesse, dass es
Universitäten weiterhin gibt, denn ohne sie müssten wir die
Kursinhalte komplett selbst erstellen. Da ist es doch ratsamer, auf
die Expertise der Hochschulen zurückzugreifen. Im Gegenzug können
die Universitäten über unsere Plattform ganz neue Nutzergruppen
erreichen, so z.B. interessierte Menschen ohne Abitur, solche, die
sich neben dem Beruf weiterbilden wollen, aber auch Senioren sowie
Menschen, die in ländlichen Räumen leben und keinen Zugang zu einer
Hochschule haben. Um die Unis müssen wir uns also keine Sorgen
machen: Sie sind neben der katholischen Kirche diejenigen
Institutionen, die überhaupt am längsten bestehen. Mit MOOCs können
diese ihre Reichweite sogar noch erhöhen.
Ein weiterer Aspekt
ist: Lernen ist grundsätzlich ein interaktiver Prozess. Wer eine Uni
besucht hat, der weiß: Der persönliche, physische Kontakt mit den
Kommilitonen – sei es im Seminarraum oder in langen Nächten bei Wein
und philosophischen Tischgesprächen – ist nicht zu ersetzen, denn
dabei entstehen über den gedanklichen Austausch unter Gleichen
hinaus häufig Freundschaften fürs Leben. MOOCs können das nicht
ersetzen.
Wir experimentieren jedoch mit Möglichkeiten,
solche Interaktionen zwischen Teilnehmern, die über den ganzen
Globus verstreut sind, in unseren Diskussionsforen abzubilden.
Überdies ermutigen wir unsere Studierenden, lokale Lerngruppen zu
bilden und sich dort zu treffen, wo sie leben. In dem bereits
genannten Kurs “Design 101” zum zeitgenössischen Design haben
Lehrende und Studierende gemeinsam eine Ausstellung in Berlin
konzipiert, bei der sie ihre Kunstwerke ausgestellt haben, nachdem
sie sich zuvor online über ihre Werke ausgetauscht und diese immer
weiter verbessert haben.
Kurz gesagt: Nein, die Hochschulen
werden so bald nicht überflüssig werden – zumindest nicht durch
MOOCs.
polinomics:
Mal ehrlich, kann man mit einem
Bildungsangebot wie iversity eigentlich Geld verdienen?
Hannes Klöpper:
Wir verdienen damit ja schon Geld! Bisher
eher experimentell in einigen wenigen Kursen, aber unser
Geschäftsmodell ist klar: wir setzen auf bezahlte Zertifikate, die
die Teilnehmer im Anschluss an die kostenlosen Kurse und nach einer
Abschlussprüfung erwerben können. Wir wollen noch keine Zahlen
nennen, aber so viel sei gesagt: Die ersten Ergebnisse sind
vielversprechend.
polinomics:
Herr Klöpper, vielen Dank für das Gespräch.
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