No. 13: Das globale Klassenzimmer
 

Hannes Klöpper im Interview
Juni 2014

 

Die Nachfrage nach Studienangeboten im Netz ist sehr groß

Die Fragen stellte Thomas Sommer


Hannes Klöpper ist Geschäftsführer und Mitgründer von iversity.org. Einer Plattform für universitäre Online-Lehre, die mittels so genannter Massive Open Online Courses (MOOCs) Wissbegierigen auf der ganzen Welt Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten bietet. Am Ende des Kurses gibt es eine Teilnahmebescheinigung - kostenlos! Wer ein benotetes Zertifikat haben will, muss an einer Abschlussprüfung teilnehmen. Die kostet dann zwischen 49 und 149 Euro. Vergleichbare Zertifikate sind meistens bedeutend teurer.

polinomics: Nur vier Monate nach der Gründung von iversity im Oktober 2013 konnten Sie im Februar 2014 verkünden, bald die 500.000er Marke bei den Kursanmeldungen zu schneiden. Ist die halbe Million nun voll?

Hannes Klöpper:
Diese Marke haben wir mit derzeit 630.000 Kursanmeldungen schon deutlich überschritten! Einige unserer Nutzer schreiben sich aber in mehreren Kursen ein. In Bezug auf die eingeschriebenen Nutzer (Unique Users) stehen wir daher bei 430.000 – Tendenz weiter steigend. 
 
polinomics:
Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Hannes Klöpper
: Die Gunst der Stunde scheint auf unserer Seite zu sein. Mit unseren MOOCs rennen wir offene Türen ein, denn die Nachfrage nach Studienangeboten im Netz ist offensichtlich sehr groß – und das weltweit. Den Wert von Bildung muss man außerdem niemandem erklären. Dass Bildung relevant ist – und zwar sowohl zur Aneignung nützlicher Fähigkeiten als auch als Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung –, versteht sich kulturübergreifend von selbst. Hinzu kommt: Es ist eine Generation von Studierenden herangewachsen, die mit Online-Angeboten groß geworden ist. Diese Generation findet es unverständlich, dass die Universitäten ihnen bisher kaum Angebote im Netz machen. Die angesprochene “Gunst der Stunde” betrifft aber auch unser Verhältnis zu den Universitäten. Dort hat ein Umdenken eingesetzt und digitale Angebote werden dort zunehmend ernst genommen.

polinomics: Wer gehört zu Ihrer Zielgruppe? Gibt es die eigentlich bei einem offenen Internet-Bildungsangebot?

Hannes Klöpper:
Wir erreichen ganz unterschiedliche Zielgruppen: Die Fachgemeinde der Architekten, die in dem Kurs “Designing Resilient Schools” wirbelsturmsichere Schulgebäude für die vom Taifun betroffenen Regionen auf den Philippinen entworfen hat. Das ältere Ehepaar aus den Niederlanden, das seine Passion für zeitgenössisches Design entdeckt hat. Aber auch Studierende aus dem ländlich geprägten Hochland Nepals, die ohne Angebote wie das von iversity überhaupt keinen Zugang zu universitärer Bildung hätten. Aber natürlich finden Sie bei uns auch die deutsche Studentin von nebenan. Unsere Nutzerschaft ist also sehr heterogen – und genau das macht das gemeinsame Lernen in MOOCs so spannend. 

polinomics:
Haben die klassischen Präsenz-Universitäten und Fachhochschulen damit ausgedient?

Hannes Klöpper: Dies ist ein hartnäckiges Vorurteil, das durch häufige Nennung nicht wahrer wird. Man sehe sich unser Geschäftsmodell an: Wir kooperieren mit Universitäten, um deren Hochschulkurse auf unserer Plattform der ganzen Welt verfügbar zu machen. iversity hat also das größte Interesse, dass es Universitäten weiterhin gibt, denn ohne sie müssten wir die Kursinhalte komplett selbst erstellen. Da ist es doch ratsamer, auf die Expertise der Hochschulen zurückzugreifen. Im Gegenzug können die Universitäten über unsere Plattform ganz neue Nutzergruppen erreichen, so z.B. interessierte Menschen ohne Abitur, solche, die sich neben dem Beruf weiterbilden wollen, aber auch Senioren sowie Menschen, die in ländlichen Räumen leben und keinen Zugang zu einer Hochschule haben. Um die Unis müssen wir uns also keine Sorgen machen: Sie sind neben der katholischen Kirche diejenigen Institutionen, die überhaupt am längsten bestehen. Mit MOOCs können diese ihre Reichweite sogar noch erhöhen.

Ein weiterer Aspekt ist: Lernen ist grundsätzlich ein interaktiver Prozess. Wer eine Uni besucht hat, der weiß: Der persönliche, physische Kontakt mit den Kommilitonen – sei es im Seminarraum oder in langen Nächten bei Wein und philosophischen Tischgesprächen – ist nicht zu ersetzen, denn dabei entstehen über den gedanklichen Austausch unter Gleichen hinaus häufig Freundschaften fürs Leben. MOOCs können das nicht ersetzen.

Wir experimentieren jedoch mit Möglichkeiten, solche Interaktionen zwischen Teilnehmern, die über den ganzen Globus verstreut sind, in unseren Diskussionsforen abzubilden. Überdies ermutigen wir unsere Studierenden, lokale Lerngruppen zu bilden und sich dort zu treffen, wo sie leben. In dem bereits genannten Kurs “Design 101” zum zeitgenössischen Design haben Lehrende und Studierende gemeinsam eine Ausstellung in Berlin konzipiert, bei der sie ihre Kunstwerke ausgestellt haben, nachdem sie sich zuvor online über ihre Werke ausgetauscht und diese immer weiter verbessert haben.

Kurz gesagt: Nein, die Hochschulen werden so bald nicht überflüssig werden – zumindest nicht durch MOOCs.

polinomics:
Mal ehrlich, kann man mit einem Bildungsangebot wie iversity eigentlich Geld verdienen?

Hannes Klöpper:
Wir verdienen damit ja schon Geld! Bisher eher experimentell in einigen wenigen Kursen, aber unser Geschäftsmodell ist klar: wir setzen auf bezahlte Zertifikate, die die Teilnehmer im Anschluss an die kostenlosen Kurse und nach einer Abschlussprüfung erwerben können. Wir wollen noch keine Zahlen nennen, aber so viel sei gesagt: Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

polinomics: Herr Klöpper, vielen Dank für das Gespräch.