Mae Hollande hat das große Los
gezogen. Sie hat einen Job bei der hippsten Firma der Welt, beim
Internetkonzern "Circle", ergattern können. Hier ist alles
vollkommen. Nicht so wie bei ihrem alten Arbeitsplatz in der
Verwaltung der Stadtwerke. Schnell ist Mae überzeugt: Die besten Leute
haben die besten Systeme gemacht, und die besten Systeme haben
Geldmittel eingebracht, unbegrenzte Geldmittel, die schließlich
den allerbesten Arbeitsplatz möglich gemacht haben. Ihren
Arbeitsplatz! Doch wie hoch ist der Preis den sie zahlen muss?
Der Circle weiß alles über seine Nutzer und weiß natürlich erst
recht alles über Mae. Ist sie gerade bei der Arbeit oder im
firmeneigenen Fitnessstudio? Wie sehen ihre aktuellen Vitalwerte
aus? Was sind ihre Vorlieben? Wer sind ihre Freunde? Verstecken
ist zwecklos in dieser allumfassend vernetzten Welt. Aber warum
sollte man sich auch verstecken? Mit dem Wegfall der Anonymität
im Netz und durch eine flächendeckende Überwachung mit Kameras
und Mikrofonen in der realen Welt, gehört Kriminalität langsam
aber sicher der Vergangenheit an. Jeder weiß alles über jeden.
Jeder ist transparent.
Dave Eggers hat mit seinem Roman
Orwells 1984 in das Internetzeitalter gebracht, sagen die
Kritiker - und sie haben recht! Eggers hält uns einen Spiegel
vor - uns Bloggern, Twitterern, Apple-Jüngern und
Facebook-Nutzern. Einen Spiegel in eine Zukunft, die nicht weit
entfernt sein kann, nicht weit entfernt ist. Denn längst gibt es
sie, die heilbringenden Systeme, die der Circle entwirft.
Tracking-Armbänder, die ständig unseren Aufenthaltsort bekannt
geben, Gesundheitsprogramme auf dem Smartphone, die Daten zu
Bewegung, Ernährung und Schlaf aufzeichnen. Social
Network-Programme, auf denen wir bereitwillig Einblick in unser
Privatleben geben. Alles ganz freiwillig!
Ein Gedanke
liegt damit nahe: Sind wir nicht alle ein wenig wie Mae? Ein
klein wenig naiv und ganz schön Fortschrittsverliebt?
Der Politiker und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) hat
in seiner berühmtesten Schrift "Was ist Eigentum?" einmal
geschrieben, das Eigentum Diebstahl sei. Er sagt: "Niedergang
und Tod von Gesellschaften rühren von der Akkumulationsmacht des
Eigentums her." Eigentum, so Proudhon, untergrabe das Recht auf
Freiheit, Gleichheit und Sicherheit. Denn das Eigentum der
Vermögenden gehe stets mit der Armut der Vielen einher und sei
daher von vornherein unsozial und eine Gefahr für die
Gesellschaft.
"Alles Private ist Diebstahl", sagt Mae
und übersetzt Proudhons Eigentumsbegriff damit in das
Internetzeitalter. Aber was ist das Gegenteil von Privat?
Transparenz! Und so wird die totale Transparenz für die Circler
und ihre Anhänger zur höchsten Errungenschaft. Denn Geheimnisse
sind Lügen.
Mein Rat: Lesen Sie Eggers "Der Circle".
Lesen Sie es wie eine Fiktion, die niemals Wirklichkeit wird.
Oder besser: Lesen Sie es wie eine Warnung an uns alle. Wir
befinden uns beim Internet an einer Weggabelung. Für welchen
Weg entscheiden Sie sich? Aber bedenken Sie: Ein Zurück gibt es
nicht!
Der Autor
Dave Eggers, geboren 1970, ist einer
der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren.
Sein Werk wurde mit zahlreichen literarischen
Preisen ausgezeichnet. Sein Roman Ein Hologramm
für den König war nominiert für den National Book
Award, für Zeitoun wurde ihm u.a. der American Book Award
und der Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung verliehen.
Weit Gegangen wurde in Frankreich mit dem Prix Médicis
ausgezeichnet. Eggers ist Gründer und Herausgeber von
McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San
Francisco. 2002 rief er ein gemeinnütziges Schreib- und
Förderzentrum für Jugendliche ins Leben, 826 Valencia,
das heute Ableger in mehreren amerikanischen
Städten hat. Eggers stammt aus Chicago und
lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern
in Nordkalifornien.
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