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Man
kann Peter Schaar sicherlich getrost als den bekanntesten
Datenschützer Deutschlands bezeichnen. Zehn Jahre (bis 2013) war er
als Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die
Informationsfreiheit tätig. Das Thema Datenschutz lässt ihn aber
auch danach nicht los. So ist er seit September 2013 Vorsitzender
der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
(EAID) in Berlin. Im polinomics-Interview beantwortet Peter Schaar
einige aktuelle Fragen.
polinomics:
Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir, dass
praktisch jeder Nutzer des Internets einer permanenten Überwachung
unterliegt. Selbst das Smartphone der Bundeskanzlerin war vor den
Abhörspezialisten der National Security Agency (NSA) nicht sicher.
Aber nicht nur Geheimdienste schöpfen unsere Daten ab. Auch Google,
Facebook und Co. sind an möglichst vielen Informationen über ihre
Nutzer interessiert. Unlängst wurde Google jedoch vom Europäischen
Gerichtshof in die Schranken verwiesen und das so genannte "Recht
auf Vergessen" eingeführt. Sind wir jetzt wieder "Herr über unsere
Daten"?
Peter Schaar:
Es ist zumal ein wichtiger Schritt, dass sich die Gerichte dieser
Fragen annehmen. Aber mit einzelnen Urteilen ist es natürlich nicht
getan. Es geht letztlich darum, dass das gesamte gesellschaftliche
Verständnis darüber, wie wir mit Daten umgehen, in ein neues Stadium
tritt. Das bedeutet wiederum, dass man nicht einfach mit Verboten
grundlegende Entwicklungen aufhalten kann, sondern das hier
gestaltet werden muss. Erforderlich ist also die Abwägung
verschiedener Interessen und Ziele. Dabei geht es nicht nur um
Recht, auch die Technik muss weiterentwickelt werden. Nur wenn dies
alles gelingt, wird man in eine Situation kommen, wo man wieder
sagen kann: Wir sind in einem veränderten Umfeld wieder „Herr über
unsere Daten“.
polinomics:
Hat Edward Snowden ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft bewirkt? Oder ist alles wie vorher?
Peter Schaar: Nein, es ist nicht wirklich wie vorher! Viele
sind nachdenklich geworden. Vieles ist versprochen worden. Nur wurde
bisher relativ wenig davon tatsächlich umgesetzt. Aber ein solcher
Prozess kann natürlich nicht innerhalb von so kurzer Zeit zu einer
kompletten Veränderung führen, hierzu sind viele Schritte
notwendig. Dazu gehört natürlich in aller erster Linie auch, dass
der Wille, etwas zu verändern, nachhaltig vertreten wird. Ich sehe
hier durchaus eine Akzentverschiebung und zwar nicht nur in
Deutschland und in Europa, sondern auch in den USA. Da hat sich das
Bewusstsein bereits so weit verändert, dass sich selbst die
politisch Verantwortlichen zu Änderungen gezwungen sehen –
allerdings nicht in dem Maße, wie ich es für erforderlich halte.
polinomics:
Und was halten Sie für erforderlich?
Peter Schaar:
Na ja, es reicht nicht aus, wenn zum Beispiel die US-Geheimdienste ihre
eigenen Bürger weniger ausschnüffeln, wenn US-Behörden bezüglich der
eigenen Bürger stärker gebremst und dort rechtsstaatliche Verfahren
eingeführt werden, aber auf der anderen Seite die Nicht-Amerikaner
ungeschützt bleiben. Das wäre ein Aspekt, bei dem ich sagen würde,
dass sich hier zwar etwas verändert hat, aber nicht so, dass diesem
globalen Problem abgeholfen wird. In Europa wurde nach den
Veröffentlichungen von Edward Snowden der Wille stärker, zu einem
neuen und modernen Datenschutzrecht zu gelangen. Aber bisher ist es
auch hier noch nicht zu entsprechenden Beschlüssen und
Entscheidungen der EU-Gremien gekommen. Es wird noch sehr viel
diskutiert und teilweise auch noch gebremst - auch wenn ich heute
die Chancen für ein solches Reformprojekt in Europa besser
einschätze, als noch vor den Veröffentlichungen von Snowden.
polinomics:
Müssen wir zukünftig wieder
Briefe schreiben, wenn wir halbwegs sicher untereinander
kommunizieren wollen? Oder kann man weiterhin beruhigt das Interent
nutzen?
Peter Schaar:
Auch Briefe sind, das wissen wir seit langem, in der Vergangenheit im
großen Umfang überwacht und kopiert worden. Insofern würde das
Briefe schreiben auch keine hundertprozentige Sicherheit bringen.
Mir kommt es darauf an, das die elektronischen Kommunikationswege
selber sicherer gemacht werden. Zum Beispiel durch eine effektive
Datenverschlüsselung und zwar nicht nur, wenn der Nutzer über große
informationstechnische Kenntnisse verfügt, sondern für Jedermann.
polinomics:
Ein großes Thema der IFA 2014 war das
"Internet der Dinge". Kühlschrank, Fernseher und Waschmaschine sind
zukünftig vernetzt und kommunizieren untereinander. Apple
präsentierte Anfang September die Apple Watch, damit immer mehr
Menschen ihre Bewegungen tracken und mit anderen teilen können. Das
Internet verschmilzt weiter mit unserem Alltag. Ist das nicht ein
Albtraum für einen Datenschützer?
Peter Schaar:
Viel entscheidender als die Gemütslage der Datenschützer ist, ob es zu
einem Albtraum für unsere Gesellschaft wird. In der Tat hinterlassen
immer mehr alltägliche Verhaltensweisen Datenspuren. Da braucht man
ganz neue Konzepte, wie man damit umgeht. Es kann nicht sein, dass
diese Datenspuren quasi ungefiltert zu großen Servern, die von
riesigen Konzernen betrieben werden, fließen und dort
zusammengeführt werden. Die Daten müssen wieder stärker unter
Kontrolle der Nutzer, der Betroffenen, kommen. Und auch die Geräte
müssen so gestaltet werden, dass Daten den geschützten ptivaten
Bereich nur anonymisiert verlassen. Das ist die große
Herausforderung für die Informationstechnik.
polinomics: Zu guter
Letzt eine bewusst provokante Frage: Hat Datenschutz eigentlich noch
eine Zukunft oder ist es dafür nicht schon längst zu spät?
Peter Schaar:
Datenschutz ist ja eine Reaktion auf Gefährdung der Informationstechnik.
Insofern muss sich die Gesellschaft mit genau diesen Gefährdungen
auseinandersetzen. Da sehe ich nicht nur die Notwendigkeit den
Datenschutz auch in Zukunft weiterzuentwickeln, sondern ihn in
diesem sich verändernden Umfeld auch zu modernisieren.
polinomics:
Herr Schaar, vielen Dank für das Gespräch.
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