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Fakt
ist: Jeder hinterlässt einen digitalen Schatten. Bereits 2009 hat
Eric Schmidt, ehemaliger CEO von Google und heutiger
Google-Verwaltungsratschef, in einem bahnbrechenden Interview mit
dem US-Fernsehsender NBC gesagt: "Wenn Sie etwas tun, was niemand
wissen sollte, sollten Sie es lieber gleich bleiben lassen." Und zu
dieser Zeit hat noch niemand an eine flächendeckende Überwachung
durch die Geheimdienste gedacht. Wohin das führen kann, zeigt das
Spiel Watch Dogs auf eindrucksvolle Weise.
Wir verbinden uns mit unseren Freunden über soziale Netzwerke. Wir
kaufen im Internet ein und bezahlen virtuell - und dank ApplePay und
ähnlicher Systeme selbst in der "realen" Welt bald vielleicht ganz
ohne Bargeld. Was wir hier jeden Tag hinterlassen, nennt die
emeritierte Harvard-Professorin Soshana Zuboff Datenabgase
(data exhaust). Und diese Abgase werden immer mehr. Aber
nicht nur die Menschen sind untereinander vernetzt. Durch das
Internet der Dinge sind selbst unsere Wohnungen verbunden,
können Küchenmaschinen auch von außerhalb an- und ausgeschaltet
werden.
In dem Spiel Watch Dogs, das seit diesem Jahr für PC
und Spielekonsolen erhältlich ist, nennt sich das System der totalen
Überwachung Central Operating System (ctOS). Es kontrolliert den
größten Teil der Technologie der virtuell nachgebauten Stadt Chicago
und verfügt über zahlreiche Informationen eines jeden Einwohners.
Ich spiele Aden Pearce, einen begnadeten Hacker, dessen kriminelle
Vergangenheit zu einer blutigen Familientragödie führte.
Eigentliches Ziel des neuesten Open-World-Titels der
Software-Schmiede UbiSoft ist die Jagd nach den Leuten, die Leid
über mein virtuelles Ich gebracht haben. Ich selbst versuche mich
jedoch in der völlig gewaltfreien Variante und erkunde lieber die
Stadt und die Möglichkeiten, die mir die moderne Technologie bietet.
Ich stehe am Eingang des Ambrose Theatre, dem im
originalgetreuen französischen Barokstil erbauten Theater der
Welt, und beobachte die Menschen, die vorübergehen. Dank meines
modifizierten Smartphones erhalte ich ganz nebenbei so manch'
interessante persönliche Information über die Passanten. Zum
Beispiel über den mit modischer Schirmmütze und blauer Weste
gekleideten Damell Richmond: Verschwörungstheoretiker, 23 Jahre, von
Beruf Packer, jährliches Einkommen 20.500 Dollar. Oder über den
etwas verwahrlosten Chico Geralis, 58 Jahre alt, der vor vier Jahren
als vermisst gemeldet wurde - vermisst ist er jetzt hiermit nicht mehr.
Interessant ist aber auch, dass Antonio Gomez, 57 Jahre, mehr als
10.000 Dollar Schulden hat und sein Geld als medizinische
Testperson verdient. Mit solchen Informationen könnte man sicherlich
so einiges anstellen.
Die Sonne scheint und so entscheide ich
mich nach einiger Zeit, runter zum Fluss zu gehen. Ich schlendere
ein wenig an der Uferpromenade entlang, belausche ein paar
Telefongespräche und SMS. Doch das wahllose Abhören langweilt mich
recht schnell - denn so spannend ist das Leben der anderen nun auch
wieder nicht. Ich denke mir noch "arme NSA" und sehe ein Boot, dass
am Kai festgemacht hat. In einer Zeitung - ja, so etwas lese ich
noch und das am liebsten analog - habe ich kürzlich gelesen, das viele Berliner der Meinung sind, dass man ihre Stadt am besten vom
Wasser aus erkunden kann. Warum soll das nicht auch auf das
Bits-und-Bytes-Chicago der Zukunft zutreffen? Ich gehe also an Bord
und starte den Motor - das Internet der Dinge hilft hier weiter.
Im Internet lese ich, dass der Chicago-River von insgesamt 38
beweglichen Brücken überspannt wird. Im virtuellen Nachbau scheint
dies genau so zu sein. Ich schippere also zwischen den
Häuserschluchten hindurch und hebe und senke ganz nebenbei - und zur
Verwunderung der darauf befindlichen Autofahrer - die eine oder
andere Hebebrücke. Nicht auszudenken, wenn dies auch in der Realität
möglich wäre. Aber sind nicht schon heute viele Funktionen im
städtischen Betrieb automatisiert und werden durch Computer
gesteuert? Die Passanten kann ich von dieser Position nicht
erfassen. Sind wahrscheinlich zu weit entfernt - das kann man
bestimmt noch verbessern. Ich verlasse die Stadt und entdecke am
Ufer ein interessantes Gebäude. Das sich schnell als Seaside
Restaurant entpuppt. Also fahre ich zum Strand und schaue mir
das Ganze einmal aus der Nähe an. Geschlossen! Dafür hat weiter
hinten ein Schnellboot festgemacht. Das macht bestimmt mehr Spaß als
mein bisheriges Fortbewegungsmittel.
Es wird langsam dunkel. Trotzdem wage ich eine Spritztour auf eine
kleine, vorgelagerte Insel mit Leuchtturm - dem Harbor
Lighthouse. Ein paar Hacks und ich gelange auch hier auf das
gesicherte Gelände. Wie friedlich doch die Stadt von hier aus
aussieht.
To be continued...
Produktinfos: Open-World-Action-Spiel von UbiSoft, USK 18,
erhältlich für PC, XBOX One, XBOX 360, PS4 und PS3
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