| |
|
|
|
 |
|
PETER SCHAAR IM INTERVIEW September 2014
Es reicht nicht aus, wenn die US-Geheimdienste ihre eigenen Bürger weniger ausschnüffeln
Man kann Peter Schaar sicherlich getrost als den bekanntesten
Datenschützer Deutschlands bezeichnen. Zehn Jahre (bis 2013) war er
als Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die
Informationsfreiheit tätig. Das Thema Datenschutz lässt ihn
aber auch danach nicht los. So ist er seit September 2013 Vorsitzender
der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
(EAID) in Berlin. Im polinomics-Interview beantwortet Peter Schaar
einige aktuelle Fragen.
|
 |
|
Foto:
Andrea Sommer
|
polinomics:
Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir,
dass praktisch jeder Nutzer des Internets einer permanenten
Überwachung unterliegt. Selbst das Smartphone der
Bundeskanzlerin war vor den Abhörspezialisten der National
Security Agency (NSA) nicht sicher. Aber nicht nur Geheimdienste
schöpfen unsere Daten ab. Auch Google, Facebook und Co. sind an
möglichst vielen Informationen über ihre Nutzer interessiert.
Unlängst wurde Google jedoch vom Europäischen Gerichtshof in die
Schranken verwiesen und das so genannte "Recht auf Vergessen"
eingeführt. Sind wir jetzt wieder "Herr über unsere Daten"?
Peter Schaar:
Es ist zumal ein wichtiger Schritt, dass sich die Gerichte
dieser Fragen annehmen. Aber mit einzelnen Urteilen ist
es natürlich nicht getan. Es geht letztlich darum, dass das
gesamte gesellschaftliche Verständnis darüber, wie wir mit Daten
umgehen, in ein neues Stadium tritt. Das bedeutet wiederum, dass
man nicht einfach mit Verboten grundlegende Entwicklungen aufhalten
kann, sondern das hier gestaltet werden muss. Erforderlich ist
also die Abwägung verschiedener Interessen und Ziele. Dabei geht
es nicht nur um Recht, auch die Technik muss weiterentwickelt
werden. Nur wenn dies alles gelingt, wird man in eine
Situation kommen, wo man wieder sagen kann: Wir sind in einem
veränderten Umfeld wieder „Herr über unsere Daten“.
polinomics:
Hat Edward Snowden ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft bewirkt? Oder ist alles wie vorher?
 |
Foto:
Alexander Klink, wikimedia.org
Peter Schaar
"Mir kommt es darauf an, das die
elektronischen
Kommunikationswege selber sicherer gemacht
werden." |
Peter
Schaar:
Nein, es ist nicht
wirklich wie vorher! Viele sind nachdenklich geworden.
Vieles ist versprochen worden. Nur wurde bisher
relativ wenig davon tatsächlich umgesetzt. Aber ein
solcher Prozess kann natürlich nicht innerhalb von
so
kurzer Zeit zu einer kompletten Veränderung führen, hierzu sind viele
Schritte notwendig. Dazu gehört natürlich in aller erster Linie auch, dass der
Wille, etwas zu verändern, nachhaltig vertreten wird. Ich sehe hier
durchaus
eine Akzentverschiebung und zwar nicht nur in
Deutschland und in Europa, sondern auch in den USA. Da
hat sich das Bewusstsein bereits so weit verändert,
dass sich selbst die politisch
Verantwortlichen zu Änderungen gezwungen sehen –
allerdings nicht in dem Maße, wie ich es für erforderlich halte.
polinomics:
Und was halten Sie für erforderlich?
Peter Schaar:
Na ja, es reicht nicht aus, wenn zum Beispiel die US-Geheimdienste ihre eigenen Bürger
weniger ausschnüffeln, wenn US-Behörden bezüglich der eigenen
Bürger stärker gebremst und
dort rechtsstaatliche Verfahren eingeführt werden, aber auf der
anderen Seite die Nicht-Amerikaner ungeschützt bleiben. Das wäre
ein Aspekt, bei dem ich sagen würde, dass sich hier zwar etwas
verändert hat, aber nicht so, dass diesem globalen Problem
abgeholfen wird. In Europa wurde nach den
Veröffentlichungen von Edward Snowden der Wille stärker, zu einem neuen
und modernen Datenschutzrecht zu gelangen.
Aber bisher ist es auch hier noch nicht zu entsprechenden
Beschlüssen und Entscheidungen der EU-Gremien
gekommen. Es wird noch sehr viel diskutiert und teilweise
auch noch gebremst - auch wenn ich heute die Chancen für ein solches
Reformprojekt in Europa besser einschätze, als noch vor den
Veröffentlichungen von Snowden.
polinomics:
Müssen wir zukünftig wieder Briefe schreiben, wenn
wir halbwegs sicher untereinander kommunizieren wollen? Oder
kann man weiterhin beruhigt das Interent nutzen?
Peter Schaar:
Auch Briefe sind, das wissen wir seit langem, in der Vergangenheit im großen
Umfang überwacht und kopiert worden. Insofern würde das Briefe
schreiben auch keine hundertprozentige Sicherheit bringen. Mir
kommt es darauf an, das die elektronischen Kommunikationswege selber sicherer
gemacht werden. Zum Beispiel durch eine effektive
Datenverschlüsselung und zwar nicht nur, wenn der
Nutzer über große informationstechnische Kenntnisse verfügt,
sondern für Jedermann.
polinomics:
Ein großes Thema der IFA 2014 war das "Internet der Dinge".
Kühlschrank, Fernseher und Waschmaschine sind zukünftig vernetzt
und kommunizieren untereinander. Apple präsentierte Anfang
September die Apple Watch, damit immer mehr Menschen ihre
Bewegungen tracken und mit anderen teilen können. Das Internet
verschmilzt weiter mit unserem Alltag. Ist das nicht ein
Albtraum für einen Datenschützer?
Peter Schaar:
Viel entscheidender als die Gemütslage der Datenschützer ist, ob es zu
einem Albtraum für unsere
Gesellschaft wird. In der Tat hinterlassen immer mehr
alltägliche Verhaltensweisen Datenspuren. Da braucht man ganz neue Konzepte,
wie man damit umgeht. Es kann nicht sein, dass diese Datenspuren
quasi ungefiltert zu großen Servern, die von riesigen Konzernen
betrieben werden, fließen und dort zusammengeführt werden. Die
Daten müssen wieder stärker unter Kontrolle der Nutzer, der
Betroffenen, kommen. Und auch die Geräte müssen so gestaltet
werden, dass Daten den geschützten ptivaten Bereich nur anonymisiert
verlassen. Das ist die große Herausforderung für die
Informationstechnik.
polinomics:
Zu guter Letzt eine
bewusst provokante Frage: Hat Datenschutz eigentlich noch eine
Zukunft oder ist es dafür nicht schon längst zu spät?
Peter Schaar:
Datenschutz ist ja eine Reaktion auf Gefährdung der Informationstechnik.
Insofern muss sich die Gesellschaft mit genau diesen
Gefährdungen auseinandersetzen. Da sehe ich nicht nur die
Notwendigkeit den Datenschutz auch in Zukunft
weiterzuentwickeln, sondern ihn in diesem sich verändernden
Umfeld auch zu modernisieren.
polinomics:
Herr Schaar, vielen Dank für
das Gespräch.
Die Fragen stellte Thomas Sommer
Zur Person:
Peter Schaar, geboren 1954 in Berlin, ist
Diplom-Volkswirt und seit rund 25 Jahren in
verschiedenen Funktionen im Bereich des
Datenschutzes tätig. Von 2003 bis 2013 war Schaar
Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit.
Seit 2013 ist er Vorsitzender der Europäischen
Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
(EAID).
Im Aufbau-Verlag ist
Peter Schaars neuestes Buch erschienen. Eine
Rezension finden Sie
hier.
|
|
Bisher sind folgende Interviews bei polinomics
erschienen:
-
Hannes Klöpper
"Die Nachfrage nach Studienangeboten im Netz ist sehr groß"
-
Hans-Gert Pöttering
"Frieden, Freiheit und Demokratie sind keine
Selbstverständlichkeit"
-
Katrin Göring-Eckardt
"Freiheit war doch mehr als Reisefreiheit"
-
Bundesministerin Ursula von der Leyen
"Oft bleibt nur eine Teilzeitstelle und der Karrierezug ist
abgefahren"
-
Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker
"Klimaschutz ist eine Langfristaufgabe"
-
VdK-Präsident Walter Hirrlinger
"Der Sozialstaat darf nicht kaputt gespart werden"
-
Bundesbildungsministerin Annette Schavan
"Mir ist nicht bange um das Land der Dichter und Denker"
- Prof.
Dr. Tilman Mayer
"Politik muss mit der Zeit gehen"
- Pater
Anselm Grün
Wer andere führt, muss sich selbst gut führen
- Silvana
Koch-Mehrin
Europa möchte endlich Taten sehen
- Christian
Sommer, General Manager German Centre Shanghai
German Centre Shanghai
|
|
|
|
|