Ausgabe 15: Linksruck in Thüringen
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Der parteiische Präsident
Text: Thomas Sommer
Deutschland diskutierte kurz
vor den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des
Mauerfalls, ob Joachim Gauck als
Bundespräsident - und ehemaliger Chef der
Stasi-Unterlagen-Behörde - die mögliche Wahl Bodo
Ramelows zum ersten Ministerpräsidenten der Linken
öffentlich kritisieren darf.
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Stein des Anstoßes war ein Interview für die
ARD-Sendung
"Bericht aus Berlin" vom 2. November 2014 (→zum
Video). Hier hatte
sich Gauck an einem geschichtsträchtigen Ort (der
Gethsemanekirche in Berlin - vor 25 Jahren eines der Zentren der
DDR-Opposition) unter anderem zur möglichen Wahl Bodo Ramelows als
ersten Linken-Ministerpräsidenten kritisch geäußert. Die
Empörung daraufhin war sehr groß.

Sven Kindler, haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Screenshot: Twitter
Gregor Gysi, Vorsitzender
der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke.
Screenshot: Twitter
Ralf Stegner,
Stellvertretender SPD-Parteivorsitzender. Screenshot:
Twitter
Es stellt sich daher die Frage, ob die Kritik an Gauck
gerechtfertigt ist oder nicht. Aber was hat der
Bundespräsident denn nun genau gesagt?
Auszug aus dem ARD-Interview:
Ulrich Deppendorf: Wenn
wir jetzt mal Bilanz ziehen und anfangen - nach 25 Jahren: Möglicherweise wird bald ein Linker Ministerpräsident eines Bundeslandes, Herr Ramelow. Die
Linke hat in Teilen die Nachfolge angetreten der alten SED. Ist
das für Sie dann Normalität oder schwer zu
verstehen?
Joachim Gauck: Naja, Menschen,
die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen
sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren. Aber
wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die
Wahlentscheidungen der Menschen und fragen uns gleichzeitig: Ist
die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird,
tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte
bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr
voll vertrauen können? Und es gibt Teile in dieser
Partei, wo ich - wie viele andere auch - Probleme habe,
dieses Vertrauen zu entwickeln. Und wir erleben gerade
in Thüringen einen heftigen Meinungsstreit: Ja, was ist
denn diese Partei nun wirklich?
Hat der Bundespräsident damit im Grunde nicht nur Fragen
gestellt und somit eine Diskussion angestoßen, die viele
Menschen im Land umtreibt? Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von
Bündnis 90/Die Grünen, sah das jedenfalls so. Der Online-Ausgabe
der Süddeutschen Zeitung (sueddeutsche.de) sagte er: "Der
Bundespräsident hat nur das gesagt, was viele denken, die das
Unrecht, das in der DDR vorherrschte, zum Teil noch am eigenen
Leib erfahren haben. Das sollte man ernst nehmen."
Und auch andere Politiker ergriffen Partei für Gauck.
Peter Tauber,
CDU-Generalsekretär. Screenshot: Twitter
Lars Klingbeil,
netzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag.
Screenshot: Twitter
Konstantin von Notz,
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die
Grünen im Bundestag. Screenshot: Twitter
Auch Staatsrechtler, wie beispielsweise Christian
Pestalozza von der Freien Universität Berlin hatten an der
Äußerung Gaucks grundsätzlich nichts auszusetzen.

Screenshot: Twitter
Denn bereits im Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur
Äußerung des Bundespräsidenten über die rechtsextreme
NPD hätten die obersten Richter klargestellt, dass das
Staatsoberhaupt grundsätzlich selbst entscheidet, wie es
seine Aufgaben erfülle (→das Urteil zum Nachlesen). In der
Urteilsbegründung schreibt das Gericht:
Wie der Bundespräsident seine Repräsentations- und Integrationsaufgaben mit Leben erfüllt, entscheidet der Amtsinhaber grundsätzlich selbst. Besteht eine wesentliche Aufgabe des Bundespräsidenten darin, durch sein öffentliches Auftreten die Einheit des Gemeinwesens sichtbar zu machen und diese Einheit mittels der Autorität des Amtes zu fördern, muss ihm insoweit ein weiter Gestaltungsspielraum zukommen.
Kurzum: Joachim Gauck ist und bleibt ein parteiischer Präsident.
Er lässt sich einfach nicht verbiegen - und das ist auch
gut so!
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