polinomics erklärt: TTIP

Bild: polinomics.eu
Text:
→Thomas Sommer
Ausgabe 16, September 2015: TTIP - Eine Chance für Europa!?
Hand aufs Herz: Wissen Sie,
was sich genau hinter TTIP verbirgt? Die meisten werden die vier
Buchstaben gerade noch mit einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den
USA in Verbindung bringen können - das ist ja schon einmal ein
Anfang. Und weiter? Was bedeutet überhaupt
„Freihandelsabkommen"? Wofür brauchen wir ein spezielles
Abkommen? Findet nicht schon immer ein freier Handel mit den USA
statt? Diese und weitere Fragen gehen wir in der neuen Rubrik
„polinomics erklärt" auf den Grund.
TTIP - oder
wie es genau heißt „Transatlantic
Trade and
Investment
Partnership"
- beschreibt eine Freihandelszone, also eine festgelegte
geografische Zone von souveränen Staaten, in der jeder
uneingeschränkt seine Waren verkaufen kann - ohne Zölle,
Mengenbeschränkungen und Bürokratie. Im Gegensatz zum Handel
innerhalb von Bundesstaaten (z.B. der Handel innerhalb der
Länder der EU oder innerhalb der USA), dem sogenannten
Binnenmarkt, beschränkt sich der Freihandel auf den
internationalen Handel, dem Außenhandel. Bisher müssen
beispielsweise deutsche Automobilkonzerne Einfuhrzölle zahlen,
zahlreiche Dokumente ausfüllen und häufig Umbauten
an ihren Fahrzeugen vornehmen (z.B. Anpassung der Blinker
für den US-Markt). Dieser Mehraufwand
macht deutsche Autos in den USA künstlich teurer und minimiert
die eigentlich möglichen Verkaufszahlen. Umgekehrt verhält es
sich ebenso bei Produkten aus den USA, die in die EU eingeführt
werden.
Die Umsetzung von TTIP bedeutet also im Umkehrschluss:
Mehr Handel zu günstigeren Preisen. Das ist gut für die
Wirtschaft - sie kann mehr Geschäfte machen - und gut für den
Verbraucher - der profitiert von einer breiteren
Angebotspalette und im besten Fall von günstigeren Waren. Auf den ersten Blick scheint es
sich bei TTIP also um eine klassische Win-Win-Situation zu handeln.
FAQ: TTIP TTIP ist die Abkürzung für „Transatlantic Trade and Investment Partnership" oder auf deutsch: „Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft". Es handelt sich bei TTIP also um ein Freihandels- und Investitionsschutzabkommen, das, in Form eines völkerrechtlichen Vertrags, derzeit zwischen der EU und der USA verhandelt wird. Ziel von TTIP ist die stärkere Öffnung der Märkte (EU und USA). Ganz konkret geht es darum, Zölle und andere Handelshemmnisse im transatlantischen Handel abzubauen. Es sollen Einschränkungen für kommerzielle Dienstleistungen verringert, Investitionssicherheit sowie Wettbewerbsgleichheit verbessert und der Zugang zu öffentlichen Aufträgen vereinfacht werden. TTIP wird von der EU durch EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström (politisch verantwortliche EU-Kommissarin) und von den USA durch US-Handelsbeauftragten Michael Froman (ebenfalls politisch verantwortlich) verhandelt. Für die mehr als 20 Arbeitsgruppen hat die EU ebenfalls jeweils Verhandlungsführer benannt. Seit dem Start der Verhandlungen fanden bisher 10 Verhandlungsrunden statt (Stand: August 2015). Weitere werden folgen. Kritiker befürchten, das TTIP in der EU vorhandene gesetzliche Standards im Umwelt- und Verbraucherschutz, der Gesundheit, Arbeit und Soziales zuerst als mögliche Handelshemmnisse klassifizieren und schließlich beseitigen könnte. In der Kritik steht weiter die geplante Einführung von internationalen, nicht-staatlichen Schiedsgerichten, die vorrangig die Interessen der Wirtschaft im Blick haben könnten. Für die EU-Kommission sind europäische Schutzsstandards im Gesundheits-, Lebensmittel- oder Verbraucherbereich nicht verhandelbar. Im Vordergrund steht für die Kommission der Abbau von Zöllen und Technischen Handelsbarrieren (TBT, technical barriers to trade) sowie eine verbesserte Zusammenarbeit bei Vorschriften und Regeln. Bei Schiedsgerichten handelt es sich um nicht-staatliche Gerichte, die aufgrund einer vertraglichen Vereinbarung zusammentreten und Urteile in Form von Schiedssprüchen sprechen. Der Schiedsspruch ist für beide Vertragsparteien i.d.R. bindend und kann vor staatlichen Gerichten für vollsteckbar erklärt werden.
Es stellt sich daher die Frage, was
eigentlich schlecht daran sein soll, freien Handel zwischen der
EU und der USA zu ermöglichen. Wenn alles so perfekt ist, wie von den Befürwortern behauptet, wäre TTIP doch längst
beschlossene Sache, oder? Schauen wir daher einmal auf die Argumente
der TTIP-Gegner.
Die Argumente der TTIP-Gegner
Die TTIP-Gegner führen immer wieder
an, das die Angleichung von Standards gleichbedeutend ist, das
niedrigere Standards als Referenz herangezogen werden. Zukünftig,
so ihr Argument, könnten in der EU gentechnisch veränderte
Produkte aus den USA verkauft werden, die heute und ohne TTIP aufgrund von
strengeren EU-Regeln nicht in den Handel dürften. TTIP bedeutet eben, das US-Betriebe auch in der EU alles
verkaufen dürfen, was sie auch im eigenen Land anbieten.
Foto: Screenshot Twitter (@greenpeace)
Ein
Freihandelsabkommen ist aber keine Einbahnstraße. Aus diesem
Grund gilt das
Argument des Rückfalls auf niedrigere Standards für beide
Seiten. So sind die Finanzmärkte der USA seit der Krise stärker
reguliert als in der EU. US-Kritiker befürchten nun, dass die
stärkere amerikanische Regulierung durch TTIP zurückgefahren
werden könnte.
Die Kritik wird erhört
Im Januar 2015 ist es so weit. Nach
anhaltend heftigen Protesten von Seiten der TTIP-Gegner, die
Verhandlungen würden ausschließlich hinter verschlossenen Türen
und unter jeglichem Ausschluss der Öffentlichkeit geführt, gibt
die EU-Kommission ursprünglich geheime Dokumente im Internet
frei. Jeder, so die neue Auffassung, der sich über TTIP und
dessen aktuellen Sachstand informieren möchte, kann dies ab
sofort tun (hier geht es zur
→
Seite der EU-Kommission). Geheimhaltung, so das Zeichen, das
die Europäer senden wollen, gibt es mit ihnen nicht. Interessant
sind in diesem Zusammenhang Zahlen, die ebenfalls von der
EU-Kommission veröffentlicht wurden. Zahlen darüber, wie häufig
die ins Internet gestellten Dokumente wirklich aufgerufen
werden. Hier stellt sich heraus, dass das Interesse der
Öffentlichkeit an den TTIP-Verhandlungen doch nicht so groß ist,
wie es von manchen Kritikern in der Vergangenheit immer wieder
angeführt wurde. So wurden die (englischsprachigen)
Verhandlungstexte laut Frankfurter Allgemeine Zeitung (hier geht es zum
→ FAZ-Artikel) bis
8. April insgesamt lediglich 2.300
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Auch
interessant:

Eine weitere Problemlage, die von
TTIP-Kritikern immer wieder angeführt wird, ist die Einrichtung
von Schiedsgerichten. Ihre Angst: Mögliche Handelshemmnisse könnten vor
nicht-staatlichen, wirtschaftsfreundlichen Schiedsgerichten
eingeklagt und der klassische Rechtsweg vor ordentlichen
Gerichten damit faktisch unterlaufen werden. Ein weiteres
Argument, das nach den Kritikern gegen eine Einführung von TTIP
spricht, ist die Intransparenz und Geheimhaltung. Alle wichtigen
Verhandlungen, fänden unter Ausschluss der Öffentlichkeit hinter
verschlossenen Türen statt. Eine demokratische Kontrolle finde
faktisch nicht statt.
Einen weiterer Kritikpunkt, TTIP bedeute den kleinsten
gemeinsammen Nenner, sprich ein Rückfall auf niedrigere
Standards in allen Lebensbereichen, hat die EU-Kommission erhört
und entsprechend umgesetzt. So soll das Freihandelsabkommen eben
nicht auf Kosten von Sozial- oder Umweltstandards, Arbeitschutz
oder gar Arbeitsrecht gehen. Vielmehr solle das fertige Abkommen
ein Nachhaltigkeitskapitel enthalten, in dem unter anderem
Verpflichtungen für ein umweltgerechtes öffentliches
Beschaffungswesen sowie die Förderung des Handels mit
umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen beschrieben
werden. Überdies soll ebenfalls der EU-Datenschutz zwingend
garantiert und respektiert werden.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat
Anfang Mai gegenüber der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass
der Weg vor privaten Schiedsgerichten beim Freihandelsabkommen
TTIP ausgeschlossen werde. Gabriel: „An die Stelle von
intransparenten privaten Schiedsgerichten soll ein
Handelsgerichtshof treten, der die Gestaltungsmöglichkeiten von
Parlamenten und Regierungen nicht einschränkt." Unabhängige
Richter sollen demnach für faire und transparente Verfahren
sorgen.
Fazit: In den Verhandlungen ist viel Bewegung.
Zahlreiche Punkte sind bisher nur unzureichend behandelt worden
und müssen sukzessive aufgearbeitet werden. Das bedeutet eine
Menge Arbeit für beide Vertragsparteien. Zumindest eines ist
aber jetzt schon gewiss: Es bleibt spannend!

Interview mit Paul Ziemiak (Vorsitzender der
Jungen Union):
Wir sehen TTIP vor allem
als Zukunftschance

TTIP - Eine interaktive
Zeitleiste

Rezension:
Thilo Bode, Die Freihandelslüge
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