Ende des 18. Jahrhunderts wurde in England
der mechanische Webstuhl erfunden (Spinning Jenny) -
Textilien wurden zum Massengut. Der Grund: Ein Spinner
konnte fortan so viel Garn erzeugen wie 200 Arbeiter vor
dessen Einführung. Im Jahr 1914 wurde das erste
vollautomatische Fließband in der Automobilindustrie
eingeführt (Henry Ford) - das Automobil wurde zum
Massenprodukt. Die Folge: In den 1930er-Jahren macht
US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Technik für die
Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise
mitverantwortlich. Ende des 20., Anfang des 21.
Jahrhunderts prognostizierte der US-Ökonom Jeremy
Rifkin, das durch den Einsatz von Computern und die
zunehmende Automatisierung immer mehr Menschen für die
Arbeitswelt überflüssig werden. So mancher fragt sich
daher: Und was wird aus mir? Kann ich mit meinem Beruf
zukünftig noch Geld verdienen?
Roboter
nehmen dem Menschen (schwere) Arbeit ab, Computer werden
immer leistungsstärker und zunehmend intelligent, das
Internet durchdringt immer mehr Bereiche des Lebens und
dank Big Data scheint sich die Privatheit langsam aber
sicher in Luft
aufzulösen. Eine aktuelle Studie der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD), wonach in absehbarer Zeit jede zehnte berufliche
Tätigkeit automatisiert werden könne, lässt Arbeitnehmer
aufhorchen. Im Kopf der alte Spruch: Kollege Roboter
schläft nie. Vor
dem Algorithmus ist niemand mehr sicher: Bankkaufleute,
Buchhalter, Steuerberater. Sie alle werden schon bald
nicht mehr gebraucht. Computer sind schneller, genauer
und vor allem billiger als jeder Mensch.
Zum Vergrößern Grafik anklicken.
Die
amerikanischen Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael
A. Osborne haben in einer viel beachteten Studie aus dem
Jahr 2013 mit dem Titel "THE FUTURE OF EMPLOYMENT: HOW SUSCEPTIBLE ARE JOBS TO
COMPUTERISATION?" (→hier
die Studie zum Nachlesen) herausgefunden, dass
nicht wengier als 47 Prozent der derzeitigen Jobs in den
Vereinigten Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit (mehr
als 70 Prozent) in den kommenden 10 bis 20 Jahren
durch Roboter oder Software ersetzt werden könnten.
Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und
Soziales hat das Mannheimer Zentrum für Europäische
Wirtschaftsforschung (ZEW) die Studie Anfang 2015 auf Deutschland
übertragen (→hier
die Studie zum Nachlesen). Demnach arbeiten derzeit 42 Prozent der
Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit einer hohen
Automatisierungswahrscheinlichkeit.
Auch wenn die reinen Zahlen Angst machen können
und es sicherlich Veränderungen durch die
Automatisierung auf dem Arbeitsmarkt geben wird, geben
die Mannheimer Forscher teilweise Entwarnung. So
bezögen sich ihre Ergebnisse lediglich auf das
Automatisierungspotenzial. Dies dürfe man nicht mit
Beschäftigungseffekten gleichsetzen. Außerdem, so die
Forscher, bleiben bei der Ermittlung des technischen
Potentials gesellschaftliche, rechtliche und ethische
Hürden bei der Einführung von neuen Technologien
unberücksichtigt. Als Beispiel führen sie das autonome
Fahren an. Völlig unklar sei in diesem Bereich, wer im
Falle eines Unfalls rechtlich belangt werden könne.
Weiter bezweifeln sie, dass sich Autofahrer völlig den
von Programmierern erstellten Algorithmen unterwerfen
und nicht mehr selbst die Kontrolle über ihr
Fahrzeug behalten wollen. Sie gehen daher davon aus, dass das
technische Automatisierungspotential voraussichtlich
weitaus geringer ausfallen wird. Doch selbst wenn
es durch die Automatisierung zu einem
Arbeitsplatzverlust käme, entstünden durch den
technologischen Wandel
zugleich neue Arbeitsplätze - so die Forscher. Möglich wäre dies im
Bereich der Herstellung ebensolcher neuen Technologien oder auch
durch die höhere Produktivität und die höheren Gewinne
der Unternehmen, die automatisieren. Die
Gesamtbeschäftigung sei daher nicht zwangsläufig
gefährdet.
Weiterbildung: Sich dem Wandel
anpassen
Das beste Mittel, zukünftig
nicht von einer Maschine ersetzt und auf dem
Arbeitsmarkt abgehängt zu werden, ist immer noch Anpassung.
Anpassung an neue Gegebenheiten erreicht man durch
Ausbildung und Weiterbildung.
Besonders schwer
haben es daher genau die, die es noch nie leicht auf dem
Arbeitsmarkt hatten: die Geringqualifizierten.
Entgegenwirken kann man dieser Gefahr mit Fortbildungs-
und Qualifikationsmaßnahmen, die bestenfalls frühzeitig
und gezielt eingesetzt werden. Arbeitnehmer
müssen aber nicht warten, bis ihnen ihr Arbeitgeber
Weiterbildungsmaßnahmen anbietet. Auch neben dem Beruf
kann man sich heutzutage ein Stück zukunftssicherer machen. Eine gute und vor allem
kostengünstige Möglichkeit sind die so genannten MOOCs
(Massive Open Online Courses), also Kurse, die man in
der eigenen Lerngeschwindigkeit bequem am heimischen PC
oder auch unterwegs am Smartphone oder Tablet besuchen
kann. polinomics hat hierzu
bereits eine Ausgabe mit dem Schwerpunktthema
Online-Lernen veröffentlicht (→hier geht es zur Ausgabe
"Das globale Klassenzimmer").
Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) aus
Industrie und Handwerk, die sich über das Thema
Industrie 4.0 informieren wollen, sei der 5-wöchige
Onlinekurs "Hands-on Industrie 4.0", den das Hasso
Plattner Institut (HPI) gemeinsam mit der Deutschen
Akademie der Technikwissenschaften (acatech) anbietet,
empfohlen (→hier
geht es zum Kurs).
40 namhafte Referenten aus Wirtschaft, Wissenschaft und
Gewerkschaft setzen sich hier in kurzen Videobeiträgen
mit Fragen zum Thema Industrie 4.0 auseinander. Es
werden sowohl Anwendungsbeispiele gezeigt als auch
wertvolle Tipps erteilt, wie Industrie 4.0 erfolgreich
im eigenen Betrieb umgesetzt werden kann.
Hands-on Industrie 4.0
(Trailer)
Empfehlenswerter MOOC zum Thema
Industrie 4.0, dass das Hasso Plattner Institut
in Kooperation mit der Deutschen Akademie der
Technikwissenschaften anbietet.
Crowdworker: Arbeiten im Schwarm und doch jeder für sich
Durch Industrie 4.0 werden sich aber
nicht nur die Inhalte der Arbeit, sondern auch die Art
und Weise wie wir arbeiten ändern. Stichworte sind
hierfür Microworking, Crowdsourcing und Crowdworking.
Allesamt Beschäftigungsarten, die man bisher vielleicht
unter dem Begriff Freelancing, "feste Freie" oder auch
Werkverträge kannte - hier nur durch die digitale
Weiterentwicklung in ihrer Dimension um ein Vielfaches
verstärkt. Schon heute lässt sich absehen, das die
"Wahre Arbeitskraft", die Arbeitnehmer zur Verfügung
stellen, sich durch Industrie 4.0 wahrscheinlich in ihrer
Wesensart grundlegend verändern wird. Die Freiheit der
Arbeit, also selbstbestimmt entscheiden, wann und für wen
ich was arbeiten möchte, bedeutet in dieser Form aber
auch ein immens größeres Risiko für den Einzelnen.
Arbeit und Absicherung der Tätigkeit müssen auch in
Zukunft im Gleichgewicht gehalten werden. Nur so kann
Industrie 4.0 und die damit einhergehenden Veränderungen
auf die Art und Weise wie wir arbeiten, zum Erfolg
werden. Hierzu müssen neue, innovative Formen der
Absicherung gefunden werden. Ansonsten läuft die
Gesellschaft Gefahr, durch die Vierte Industrielle
Revolution eine völlig neue Gruppe von
Modernisierungsverlierern zu schaffen und die große
Chance, die Industrie 4.0 allen bietet, zu verspielen.