Ausgabe 17
September 2016: Industrie 4.0 - Auf dem Weg in ein neues Zeitalter

Die Automatisierung der Arbeit. Und was wird aus mir?

 
Foto: Igor Peftiev / https://unsplash.com/@igorpeftiev
 
 
Text: Thomas Sommer

Ende des 18. Jahrhunderts wurde in England der mechanische Webstuhl erfunden (Spinning Jenny) - Textilien wurden zum Massengut. Der Grund: Ein Spinner konnte fortan so viel Garn erzeugen wie 200 Arbeiter vor dessen Einführung. Im Jahr 1914 wurde das erste vollautomatische Fließband in der Automobilindustrie eingeführt (Henry Ford) - das Automobil wurde zum Massenprodukt. Die Folge: In den 1930er-Jahren macht US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Technik für die Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise mitverantwortlich. Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts prognostizierte der US-Ökonom Jeremy Rifkin, das durch den Einsatz von Computern und die zunehmende Automatisierung immer mehr Menschen für die Arbeitswelt überflüssig werden. So mancher fragt sich daher: Und was wird aus mir? Kann ich mit meinem Beruf zukünftig noch Geld verdienen?

Roboter nehmen dem Menschen (schwere) Arbeit ab, Computer werden immer leistungsstärker und zunehmend intelligent, das Internet durchdringt immer mehr Bereiche des Lebens und dank Big Data scheint sich die Privatheit langsam aber sicher in Luft aufzulösen. Eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), wonach in absehbarer Zeit jede zehnte berufliche Tätigkeit automatisiert werden könne, lässt Arbeitnehmer aufhorchen. Im Kopf der alte Spruch: Kollege Roboter schläft nie. Vor dem Algorithmus ist niemand mehr sicher: Bankkaufleute, Buchhalter, Steuerberater. Sie alle werden schon bald nicht mehr gebraucht. Computer sind schneller, genauer und vor allem billiger als jeder Mensch.

Infografik Industrie 4.0 - Und was wird aus mir?

Zum Vergrößern Grafik anklicken.

Die amerikanischen Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne haben in einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 2013 mit dem Titel "THE FUTURE OF EMPLOYMENT: HOW SUSCEPTIBLE ARE JOBS TO COMPUTERISATION?" (hier die Studie zum Nachlesen) herausgefunden, dass nicht wengier als 47 Prozent der derzeitigen Jobs in den Vereinigten Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit (mehr als 70 Prozent) in den kommenden 10 bis 20 Jahren durch Roboter oder Software ersetzt werden könnten. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Studie Anfang 2015 auf Deutschland übertragen (hier die Studie zum Nachlesen). Demnach arbeiten derzeit 42 Prozent der Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit.

Auch wenn die reinen Zahlen Angst machen können und es sicherlich Veränderungen durch die Automatisierung auf dem Arbeitsmarkt geben wird, geben die Mannheimer Forscher teilweise Entwarnung. So bezögen sich ihre Ergebnisse lediglich auf das Automatisierungspotenzial. Dies dürfe man nicht mit Beschäftigungseffekten gleichsetzen. Außerdem, so die Forscher, bleiben bei der Ermittlung des technischen Potentials gesellschaftliche, rechtliche und ethische Hürden bei der Einführung von neuen Technologien unberücksichtigt. Als Beispiel führen sie das autonome Fahren an. Völlig unklar sei in diesem Bereich, wer im Falle eines Unfalls rechtlich belangt werden könne. Weiter bezweifeln sie, dass sich Autofahrer völlig den von Programmierern erstellten Algorithmen unterwerfen und nicht mehr selbst die Kontrolle über ihr Fahrzeug behalten wollen. Sie gehen daher davon aus, dass das technische Automatisierungspotential voraussichtlich weitaus geringer ausfallen wird. Doch selbst wenn es durch die Automatisierung zu einem Arbeitsplatzverlust käme, entstünden durch den technologischen Wandel zugleich neue Arbeitsplätze - so die Forscher. Möglich wäre dies im Bereich der Herstellung ebensolcher neuen Technologien oder auch durch die höhere Produktivität und die höheren Gewinne der Unternehmen, die automatisieren. Die Gesamtbeschäftigung sei daher nicht zwangsläufig gefährdet.

Weiterbildung: Sich dem Wandel anpassen

Das beste Mittel, zukünftig nicht von einer Maschine ersetzt und auf dem Arbeitsmarkt abgehängt zu werden, ist immer noch Anpassung. Anpassung an neue Gegebenheiten erreicht man durch Ausbildung und Weiterbildung. Besonders schwer haben es daher genau die, die es noch nie leicht auf dem Arbeitsmarkt hatten: die Geringqualifizierten. Entgegenwirken kann man dieser Gefahr mit Fortbildungs- und Qualifikationsmaßnahmen, die bestenfalls frühzeitig und gezielt eingesetzt werden. Arbeitnehmer müssen aber nicht warten, bis ihnen ihr Arbeitgeber Weiterbildungsmaßnahmen anbietet. Auch neben dem Beruf kann man sich heutzutage ein Stück zukunftssicherer machen. Eine gute und vor allem kostengünstige Möglichkeit sind die so genannten MOOCs (Massive Open Online Courses), also Kurse, die man in der eigenen Lerngeschwindigkeit bequem am heimischen PC oder auch unterwegs am Smartphone oder Tablet besuchen kann. polinomics hat hierzu bereits eine Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Online-Lernen veröffentlicht (→hier geht es zur Ausgabe "Das globale Klassenzimmer").

Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) aus Industrie und Handwerk, die sich über das Thema Industrie 4.0 informieren wollen, sei der 5-wöchige Onlinekurs "Hands-on Industrie 4.0", den das Hasso Plattner Institut (HPI) gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) anbietet, empfohlen (→hier geht es zum Kurs). 40 namhafte Referenten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaft setzen sich hier in kurzen Videobeiträgen mit Fragen zum Thema Industrie 4.0 auseinander. Es werden sowohl Anwendungsbeispiele gezeigt als auch wertvolle Tipps erteilt, wie Industrie 4.0 erfolgreich im eigenen Betrieb umgesetzt werden kann.

 







Hands-on Industrie 4.0 (Trailer)


Empfehlenswerter MOOC zum Thema Industrie 4.0, dass das Hasso Plattner Institut in Kooperation mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften anbietet.



Crowdworker: Arbeiten im Schwarm und doch jeder für sich


Durch Industrie 4.0 werden sich aber nicht nur die Inhalte der Arbeit, sondern auch die Art und Weise wie wir arbeiten ändern. Stichworte sind hierfür Microworking, Crowdsourcing und Crowdworking. Allesamt Beschäftigungsarten, die man bisher vielleicht unter dem Begriff Freelancing, "feste Freie" oder auch Werkverträge kannte - hier nur durch die digitale Weiterentwicklung in ihrer Dimension um ein Vielfaches verstärkt. Schon heute lässt sich absehen, das die "Wahre Arbeitskraft", die Arbeitnehmer zur Verfügung stellen, sich durch Industrie 4.0 wahrscheinlich in ihrer Wesensart grundlegend verändern wird. Die Freiheit der Arbeit, also selbstbestimmt entscheiden, wann und für wen ich was arbeiten möchte, bedeutet in dieser Form aber auch ein immens größeres Risiko für den Einzelnen. Arbeit und Absicherung der Tätigkeit müssen auch in Zukunft im Gleichgewicht gehalten werden. Nur so kann Industrie 4.0 und die damit einhergehenden Veränderungen auf die Art und Weise wie wir arbeiten, zum Erfolg werden. Hierzu müssen neue, innovative Formen der Absicherung gefunden werden. Ansonsten läuft die Gesellschaft Gefahr, durch die Vierte Industrielle Revolution eine völlig neue Gruppe von Modernisierungsverlierern zu schaffen und die große Chance, die Industrie 4.0 allen bietet, zu verspielen.





Auch interessant:
 



^ Nach oben < Zurück zur Startseite


© polinomics.eu - Thomas Sommer 2006 - 2016