Bald schon haben wir es geschafft. Nur noch
ein paar Jahre durchhalten. Dann wird alles besser. Dann
müssen wir alle nur noch drei Stunden am Tag arbeiten -
höchstens. Arbeiten müssen wir dann auch nur noch das,
was wir selber wollen. Nur kein Zwang. Den haben wir
dann nicht mehr nötig. Wie das gehen soll? Mit Industrie
4.0, mit Robotern, die den Menschen die Arbeit nicht
weg-, sondern abnehmen. Und wie verdienen wir zukünftig
unser Geld? Bezahlen unsere Miete, das Auto, den Urlaub?
Mit einem Grundeinkommen, das jedem unvoreingenommen
zusteht. ... Ach, was für eine schöne Utopie! Oder doch
nicht?
Der britische Ökonom John Mynard
Keynes schrieb in seinem 1930 veröffentlichten
visionären Aufsatz "Economic Possibilities for our
Granchildren" (→hier können Sie den Aufsatz im Original
nachlesen), das die durchschnittliche Arbeitswoche im
Jahr 2030 nur noch 15 Stunden betragen werde - also bei
einer Fünf-Tage-Woche drei Stunden am Tag. Das sei, so
Keynes, mehr als genug, um die Bedürfnisse eines jeden
zu befriedigen.
"Three-hour shifts or a
fifteen-hour week may put off the problem for a great
while. For three hours a day is quite enough to satisfy
the old Adam in most of us!" (Keynes, 1930)
Man
müsse sich im Jahr 2030 vielmehr Gedanken darüber
machen, wie man diese ganze Freizeit sinnvoll nutze. Bis
zum Jahr 2030 sind es nunmehr noch 14 Jahre. Die
Produktivität ist seit der Veröffentlichung von Keynes
Aufsatz tatsächlich enorm angestiegen. Trotzdem sind die
meisten von uns noch weit von einem
Drei-Stunden-Arbeitstag entfernt. Beträgt die
durchschnittliche Arbeitszeit eines deutschen
Arbeitnehmers momentan doch noch rund 40,5 Stunden pro
Woche.
Wird Keynes kühne These aber dennoch schon bald
zur Realität? Industrie 4.0 könnte hierfür der Schlüssel
sein. Die OECD - die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung - kommt in einer ihrer
neuesten Studien zur Erkenntnis, dass in absehbarer Zeit
nahezu jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit automatisiert
werden könne. Auch die beiden Oxford-Ökonomen Carl
Benedikt Frey und Michael Osborne prognostizieren, dass
in den nächsten zwanzig Jahren die Hälfte aller Jobs in
den USA und anderer Industrienationen durch Roboter,
Computer und intelligente Maschinen ersetzt werden wird.
Aber wovon sollen dann all diese Menschen leben? Wovon
sollen wir leben?
Die Pioniere des Grundeinkommens
Am 5. Juni 2016 fand in der Schweiz eine Volksabstimmung über die
Einführung eines Grundeinkommens statt. Die Schweiz ist damit das erste Land
überhaupt, das über ein Grundeinkommen abgestimmt
hat. Für die Initiatoren der Abstimmung ist das bedingungslose Grundeinkommen
die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt. Es betone den
Wert der Arbeit, schaffe einen Ausgleich zur einseitigen Überbetonung der
Erwerbsarbeit und verbinde Arbeit und Leben. Die Mehrzahl der Schweizer
lehnten das bedingungslose Grundeinkommen jedoch ab (76,9 Prozent).
2015 legten die Regierungsparteien in einem Koalitionsvertrag fest, dass in
den Jahren 2017 bis 2018 ein teilweise bedingtes Grundeinkommen eingeführt
werden soll. Fast 70 Prozent der Finnen befürworten laut einer Umfrage die
Einführung eines solchen Grundeinkommens. An dem Experiment sollen sich
2.000 Personen beteiligen - demgegenüber steht eine ebenso große
Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen. Das Grundeinkommen fällt mit 560 Euro
relativ gering aus. In Finnland gibt ein Haushalt durchschnittlich 3.000 Euro
im Monat aus. Die Regierung erhofft sich mit der Einführung eines
Grundeinkommens eine Vereinfachung des komplexen finnischen Sozialsystems mit
Arbeitslosigkeit, Unterbringung, Ausbildung und Elterngeld. Außerdem sollen
sich die Staatsausgaben verringern und die Furcht in der Bevölkerung abgebaut
werden, dass staatliche Zuwendungen wegfallen, sobald jemand einen
Arbeitsplatz annimmt.
Ökonomen, Sozialwissenschaftler und Philosophen sind
es, die sich momentan genau diese Frage stellen: Von was
sollen Menschen leben, wenn die klassische
Erwerbstätigkeit verloren geht, weil die Arbeit von
Robotern erledigt wird? Eine mögliche Lösung ist das
sogenannte Grundeinkommen. Ein Einkommen also, das
ausnahmslos jedem, völlig unabhängig von seiner
finanziellen Lage, zusteht. Und eine Gegenleistung (wie
Arbeit) ist auch nicht nötig. Voraussetzung müsse aber
sein, dass das Grundeinkommen die Existenz sichert und
die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Dolce vita
für lau - sozusagen.
Ernst gemacht haben es die
Schweizer. Am 5. Juni 2016 stimmten die Eidgenossen als
weltweit erstes Land über die Einführung eines
bedingungslosen Grundeinkommens ab - und lehnten es mit
großer Mehrheit (76,9 Prozent) ab. Den meisten
Schweizern mag nicht klar gewesen sein, wie ein solches
Grundeinkommen finanziert werden könne. Initiator der
Abstimmung war der Unternehmer Daniel Häni, Mitbegründer
und Mitglied der Geschäftsleitung des bekanntesten
Schweizer Kaffeehauses, dem "unternehmen mitte" in
Basel. Trotz der Niederlage sprechen die Initiatoren von
einem Erfolg. Schließlich habe schweizweit fast jeder
Fünfte für das bedingungslose Grundeinkommen gestimmt.
"Ich denke, es ist ein Trend gesetzt, die Geschichte
lanciert ist und weiter geht", so Häni in einem
Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF.
Finnland geht sogar noch einen Schritt weiter und wagt
schon bald den Realitätscheck. 2017 will das Land das
bedingungslose Grundeinkommen mit tausenden Probanden
testen. Finnlands Wirtschaftsminister Oli Rehn sieht
darin eine wichtige Antwort auf die zunehmende
Verdrängung von Arbeitsplätzen durch Maschinen. Ab dem
kommenden Jahr sollen 2.000 Menschen ein bedingungsloses
Grundeinkommen von maximal 560 Euro erhalten.
Angestrebte Dauer des Experiments: zwei Jahre. Wenn man
die hohen Lebenshaltungskosten Finnlands berücksichtigt,
erscheint dies nicht sehr viel. Soll es aber auch nicht.
Zumindest die Sozialhilfe und das Arbeitslosengeld
sollen durch das bedingungslose Grundeinkommen ersetzt
werden. Genauer betrachtet werden soll, ob sich die
Empfänger aus dem Berufsleben gänzlich zurückziehen,
einer anderen Arbeit nachgehen oder ein neues
berufliches Verhalten zeigen.
Eines haben alle
Ideen gemeinsam. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre
zunächst ein Schuss ins Blaue, ein soziales Experiment,
dessen Ausgang niemand vorhersagen kann. Was passiert,
wenn es für die Menschen keinen Anreiz mehr gibt,
arbeiten zu müssen? Denn auch für ein Leben ohne Arbeit
muss man bereit sein. Was würde John Maynard Keynes
sagen? Auch er wäre über das Mehr an Freizeit zunächst
sicherlich froh. Gleichzeitig, so schreibt es Keynes in
seinem Aufsatz, gebe es "niemanden, der dem Zeitalter
der Freizeit und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken
könnte".