Die Fragen stellte:
→Thomas Sommer
Im polinomics-Interview erklärt
Dr. Beate Stahl, Projektleiterin Forum Industrie 4.0
beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
(VDMA), welche Chancen Industrie 4.0 dem Mittelstand
bringt, worauf Betriebe bei dem Einsatz von neuen
Technologien achten sollten und ob die mögliche Angst
der Arbeitnehmer vor dem "Kollegen Roboter" überhaupt
begründet ist.
polinomics: Industrie 4.0 ist bislang
immer wieder ein Thema, wenn es um Großbetriebe geht -
man denke beispielsweise an die Automobilindustrie mit
ihren vollautomatischen Produktionsstraßen. Im Zuge der
fortlaufenden Digitalisierung wird Industrie 4.0 aber
auch immer mehr zum Thema im Mittelstand. Wo liegen denn
für mittelständische Betriebe im Maschinen- und
Anlagenbau die Chancen von Industrie 4.0?
Dr. Beate Stahl:
Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist stark
mittelständisch geprägt und traditionell eine
Hightech-Industrie mit klarem Blick für die wichtigen
und großen Handlungsfelder seiner Zeit. Das trifft
insbesondere für das Thema Industrie 4.0 zu, denn der
Maschinenbau ist Anbieter und Anwender von
4.0-Technologien zugleich. Gerade innovative
Mittelständler zeigen hier ihr technologisches Können
und aus unternehmerischer Sicht bietet Industrie 4.0 die
Chance für neue Geschäftsmodelle.
polinomics: Worauf sollten die
Unternehmen achten, wenn sie Industrie 4.0-Technologien
einsetzen wollen?
Dr. Beate Stahl:
Industrie 4.0 gibt es nicht „von der Stange“. Vielmehr hat es viele Facetten und kennt viele Ausprägungen, die gilt es von jedem Unternehmen individuell zu definieren und zu gestalten. Es geht grundsätzlich beim Thema Industrie 4.0 nicht darum, alles Bisherige über Bord zu werfen. Vielmehr geht es um Weiterentwicklung und neue Mehrwerte. Industrie 4.0 ist daher als Entwicklungsprozess zu betrachten: mit Blick auf die Technologien, die Geschäftsmodelle und die Beschäftigten. Sie werden auch zukünftig im Mittelpunkt stehen, um den 4.0-Prozess zu managen.
polinomics: Vor welchen
Herausforderungen stehen solche Betriebe und gibt es
beispielsweise Unterstützung durch den VDMA?
Dr. Beate Stahl:
Die Herausforderung für die Unternehmen besteht darin,
sich Industrie 4.0 individuell zu nähern und eigene
Strategien und Maßnahmen zu entwickeln. Dafür muss man
zu Beginn sicherlich ein Stück „out of the box“, das fällt im Tagesgeschäft nicht immer leicht.
Der VDMA begleitet und unterstützt seine Mitglieder
in diesem Prozess und im VDMA-Forum Industrie 4.0 haben
wir das verbandsinterne Know-how gebündelt. Das Forum
besteht aus einem interdisziplinären Team von
VDMA-Experten, die sich als Partner und Dienstleister
verstehen. Beispielsweise bietet das Forum einen
Leitfaden Industrie 4.0 an, der mittelständischen
Maschinen- und Anlagenbauern ein Werkzeug an die Hand
gibt, das sie bei der Entwicklung eigener
Industrie-4.0-Umsetzungen und -Geschäftsmodelle
unterstützt.
Damit stellt der Leitfaden keine
vorgefertigte Strategie zur Einführung von Industrie 4.0
im Unternehmen dar, sondern zeigt vielmehr
Vorgehensweisen für die individuelle Weiterentwicklung
der eigenen Stärken und Kompetenzen auf und begleitet
das Unternehmen Schritt für Schritt auf dem Weg von der
Industrie-4.0-Vision zu eigenen Konzepten und Lösungen.
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.
Der
VDMA (Sitz Frankfurt am Main) vertritt über 3100
vorrangig mittelständische Unternehmen der
Investitionsgüterindustrie und ist damit größter
Industrieverband in Europa. Der Verband vertritt die
gemeinsamen wirtschaftlichen, technischen und
wissenschaftlichen Interessen des Maschinenbaus,
insbesondere gegenüber nationalen und internationalen
Behörden und Wirtschaftskreisen. Die deutsche
Maschinenbau-Industrie ist international führend und mit
über 1 Million Beschäftigen das Rückgrat der deutschen
Industrie sowie größter industrieller Arbeitgeber im
Land. Der VDMA gliedert sich in 37 Fachverbände und
Arbeitsgemeinschaften, Zentralabteilungen,
Repräsentanzen in Berlin und Brüssel, Verbindungsbüros
in Brasilien, China, Indien, Iran, Japan und Russland.
Hinzu kommen internationale Komitees und Foren, sechs
Landesverbände und mehrere
Dienstleistungsorganisationen.
polinomics: Ein Betrieb ist
letztendlich nur so gut wie seine Mitarbeiter. Wie nimmt
man die Mitarbeiter Ihrer Meinung nach bei dem
Umstellungsprozess am besten mit? Denn häufig steht bei
den Beschäftigten die Angst vor dem Jobverlust im Raum -
Stichwort "Kollege Roboter schläft nie"?
Dr. Beate Stahl:
Industrie 4.0 wird nicht nur Wirtschaftsabläufe und
Produktionsprozesse effizienter gestalten, sondern auch
zu einer zum Teil grundlegenden Veränderung der
Arbeitswelt beitragen. Aus Sicht des VDMA werden sich
die Neuerungen dabei jedoch nicht von heute auf morgen
einstellen und es wird nicht über Nacht zu einem
völligen Umbruch kommen. Vielmehr sind die künftigen
Entwicklungen - bei all ihrer Dynamik - als Wandel zu
begreifen, ein Wandel, den es gemeinsam zu gestalten
gilt.
Klar ist, dass auch zukünftig die Maschinen
nicht ohne den Faktor Mensch auskommen werden.
Allerdings werden sich die Arbeitsinhalte und die
Anforderungen schrittweise verändern. Die Beschäftigten
in der Fabrik der Zukunft werden stärker als zu je zuvor
gefragt sein, Abläufe zu koordinieren, die Kommunikation
zu steuern und eigenverantwortliche Entscheidungen zu
treffen. Durch den technischen Fortschritt steigen auch
die Ansprüche an das Know-how und die Flexibilität der
Mitarbeiter. Gleichzeitig können die persönlichen
Lebensumstände der Beschäftigten in einer digitalen und
vernetzten Produktion stärker als bisher berücksichtigt
werden, da die Steuerung und Überwachung von
Produktionsabläufen künftig weniger eng an den
Produktionsstandort gebunden sein werden. Die Angst vor
den Robotern ist also unbegründet, darüber gilt es die
Beschäftigten zu informieren und sie auf dem 4.0-Weg des
Unternehmens einzubinden, das ist entscheidend.
polinomics: In Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft wird darüber diskutiert, was zu tun ist,
wenn menschliche Arbeit nicht mehr - oder kaum mehr -
benötigt wird. Im Gespräch sind beispielsweise das
unvoreingenommene oder auch bedingungslose
Grundeinkommen und eine spezielle Maschinensteuer, die
von automatisierten Unternehmen zu entrichten sei. Wie
steht der VDMA zu solchen Überlegungen?
Dr. Beate Stahl:
Digitalisierung und Automatisierung eröffnet
Industriebetrieben die große Chance, ihre Produktivität
zu steigern und damit sowohl Produktion als auch
Arbeitsplätze in Europa zu erhalten oder sogar
zurückzuholen. Eine „Maschinensteuer“ würde genau die
gegenteilige Wirkung haben und wäre ein Eigentor der
Politik. Zumal Digitalisierung und Automatisierung
keineswegs, wie immer wieder behauptet, unterm Strich
Arbeitsplätze vernichten. Vielmehr stieg die Zahl der
Beschäftigten im Maschinenbau in Deutschland in den
vergangenen zehn Jahren von rund 860.000 Menschen in 2005
auf gut eine Million Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in 2015 an, während die Betriebe zugleich ihre Produktion
kräftig modernisierten.
Schaden könnte eine
„Maschinensteuer“ auch anrichten, weil der Industrie
damit neue Bürden, insbesondere im Wettbewerb,
beispielsweise mit der aufholenden chinesischen
Konkurrenz, auferlegt würden. Letztlich würde eine
zusätzliche Wertschöpfungsabgabe Investitionen
verhindern und den Wettbewerbsvorteil, der auch im
Maschinenbau durch Automatisierung entsteht, wieder
zunichtemachen.
Der VDMA spricht sich daher ganz
eindeutig gegen eine solche „Maschinensteuer“ aus, zumal
diese Idee bereits in den achtziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts diskutiert und als schädlich
für den Erfolg der Unternehmen verworfen wurde.
polinomics: Zu guter Letzt noch ein
Blick in die Glaskugel. Wie wird Ihrer Meinung nach
Industrie 4.0 den Maschinen- und Anlagenbau in Zukunft
beeinflussen?
Dr. Beate Stahl:
Der Blick in die Realität zeigt deutlich, dass das Thema
Industrie 4.0 für viele Unternehmen im Maschinen- und
Anlagenbau bereits ganz aktuell ist. Laut einer
VDMA-Studie beschäftigen sich bereits 60 Prozent der
Maschinenbauer mit der vernetzten Produktion, davon rund
ein Drittel intensiv, das sind doppelt so viele wie im
Verarbeitenden Gewerbe.
Und da der Maschinenbau
ein zentraler Möglichmacher von Industrie 4.0 ist, muss
es eigentlich lauten: Der Maschinen- und Anlagenbau wird
Industrie 4.0 beeinflussen, denn er verbindet Big Data
mit Big Thinking, also Korrelation mit Kausalität.
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