Grundeinkommen für alle

Foto: Nicole Harrington https://unsplash.com/@nicolegeri


Text: →Thomas Sommer
Ausgabe 17, September 2016: Industrie 4.0

Bald schon haben wir es geschafft. Nur noch ein paar Jahre durchhalten. Dann wird alles besser. Dann müssen wir alle nur noch drei Stunden am Tag arbeiten - höchstens. Arbeiten müssen wir dann auch nur noch das, was wir selber wollen. Nur kein Zwang. Den haben wir dann nicht mehr nötig. Wie das gehen soll? Mit Industrie 4.0, mit Robotern, die den Menschen die Arbeit nicht weg-, sondern abnehmen. Und wie verdienen wir zukünftig unser Geld? Bezahlen unsere Miete, das Auto, den Urlaub? Mit einem Grundeinkommen, das jedem unvoreingenommen zusteht. ... Ach, was für eine schöne Utopie! Oder doch nicht?

Der britische Ökonom John Mynard Keynes schrieb in seinem 1930 veröffentlichten visionären Aufsatz "Economic Possibilities for our Granchildren" (hier könne Sie den Aufsatz im Original nachlesen), das die durchschnittliche Arbeitswoche im Jahr 2030 nur noch 15 Stunden betragen werde - also bei einer Fünf-Tage-Woche drei Stunden am Tag. Das sei, so Keynes, mehr als genug, um die Bedürfnisse eines jeden zu befriedigen.

"Three-hour shifts or a fifteen-hour week may put off the problem for a great while. For three hours a day is quite enough to satisfy the old Adam in most of us!" (Keynes, 1930)

Man müsse sich im Jahr 2030 vielmehr Gedanken darüber machen, wie man diese ganze Freizeit sinnvoll nutze. Bis zum Jahr 2030 sind es nunmehr noch 14 Jahre. Die Produktivität ist seit der Veröffentlichung von Keynes Aufsatz tatsächlich enorm angestiegen. Trotzdem sind die meisten von uns noch weit von einem Drei-Stunden-Arbeitstag entfernt. Beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit eines deutschen Arbeitnehmers momentan doch noch rund 40,5 Stunden pro Woche.

Wird Keynes kühne These aber dennoch schon bald zur Realität? Industrie 4.0 könnte hierfür der Schlüssel sein. Die OECD - die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - kommt in einer ihrer neuesten Studien zur Erkenntnis, dass in absehbarer Zeit nahezu jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit automatisiert werden könne. Auch die beiden Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne prognostizieren, dass in den nächsten zwanzig Jahren die Hälfte aller Jobs in den USA und anderer Industrienationen durch Roboter, Computer und intelligente Maschinen ersetzt werden wird. Aber wovon sollen dann all diese Menschen leben? Wovon sollen wir leben?


Die Pioniere des Grundeinkommens

Am 5. Juni 2016 fand in der Schweiz eine Volksabstimmung über die Einführung eines Grundeinkommens statt. Die Schweiz ist damit das erste Land überhaupt, das über ein Grundeinkommen abgestimmt hat. Für die Initiatoren der Abstimmung ist das bedingungslose Grundeinkommen die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt. Es betone den Wert der Arbeit, schaffe einen Ausgleich zur einseitigen Überbetonung der Erwerbsarbeit und verbinde Arbeit und Leben. Die Mehrzahl der Schweizer lehnten das bedingungslose Grundeinkommen jedoch ab (76,9 Prozent).

2015 legten die Regierungsparteien in einem Koalitionsvertrag fest, dass in den Jahren 2017 bis 2018 ein teilweise bedingtes Grundeinkommen eingeführt werden soll. Fast 70 Prozent der Finnen befürworten laut einer Umfrage die Einführung eines solchen Grundeinkommens. An dem Experiment sollen sich 2.000 Personen beteiligen - demgegenüber steht eine ebenso große Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen. Das Grundeinkommen fällt mit 560 Euro relativ gering aus. In Finnland gibt ein Haushalt durchschnittlich 3.000 Euro im Monat aus. Die Regierung erhofft sich mit der Einführung eines Grundeinkommens eine Vereinfachung des komplexen finnischen Sozialsystems mit Arbeitslosigkeit, Unterbringung, Ausbildung und Elterngeld.





Ökonomen, Sozialwissenschaftler und Philosophen sind es, die sich momentan genau diese Frage stellen: Von was sollen Menschen leben, wenn die klassische Erwerbstätigkeit verloren geht, weil die Arbeit von Robotern erledigt wird? Eine mögliche Lösung ist das sogenannte Grundeinkommen. Ein Einkommen also, das ausnahmslos jedem, völlig unabhängig von seiner finanziellen Lage, zusteht. Und eine Gegenleistung (wie Arbeit) ist auch nicht nötig. Voraussetzung müsse aber sein, dass das Grundeinkommen die Existenz sichert und die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Dolce vita für lau - sozusagen.

Ernst gemacht haben es die Schweizer. Am 5. Juni 2016 stimmten die Eidgenossen als weltweit erstes Land über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ab - und lehnten es mit großer Mehrheit (76,9 Prozent) ab. Den meisten Schweizern mag nicht klar gewesen sein, wie ein solches Grundeinkommen finanziert werden könne. Initiator der Abstimmung war der Unternehmer Daniel Häni, Mitbegründer und Mitglied der Geschäftsleitung des bekanntesten Schweizer Kaffeehauses, dem "unternehmen mitte" in Basel. Trotz der Niederlage sprechen die Initiatoren von einem Erfolg. Schließlich habe schweizweit fast jeder Fünfte für das bedingungslose Grundeinkommen gestimmt. "Ich denke, es ist ein Trend gesetzt, die Geschichte lanciert ist und weiter geht", so Häni in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF.

Finnland geht sogar noch einen Schritt weiter und wagt schon bald den Realitätscheck. 2017 will das Land das bedingungslose Grundeinkommen mit tausenden Probanden testen. Finnlands Wirtschaftsminister Oli Rehn sieht darin eine wichtige Antwort auf die zunehmende Verdrängung von Arbeitsplätzen durch Maschinen. Ab dem kommenden Jahr sollen 2.000 Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen von 560 Euro erhalten. Angestrebte Dauer des Experiments: zwei Jahre. Wenn man die hohen Lebenshaltungskosten Finnlands berücksichtigt, erscheint dies nicht sehr viel. Soll es aber auch nicht. Zumindest die Sozialhilfe und das Arbeitslosengeld sollen durch das bedingungslose Grundeinkommen ersetzt werden. Genauer betrachtet werden soll, ob sich die Empfänger aus dem Berufsleben gänzlich zurückziehen, einer anderen Arbeit nachgehen oder ein neues berufliches Verhalten zeigen.

Eines haben alle Ideen gemeinsam. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre zunächst ein Schuss ins Blaue, ein soziales Experiment, dessen Ausgang niemand vorhersagen kann. Was passiert, wenn es für die Menschen keinen Anreiz mehr gibt, arbeiten zu müssen? Denn auch für ein Leben ohne Arbeit muss man bereit sein. Was würde John Maynard Keynes sagen? Auch er wäre über das Mehr an Freizeit zunächst sicherlich froh. Gleichzeitig, so schreibt es Keynes in seinem Aufsatz, gebe es "niemanden, der dem Zeitalter der Freizeit und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken könnte".


 

 



Auch interessant:

   Interview mit Beate Stahl (VDMA):
   Der Maschinen- und Anlagenbau verbindet

   Big Data mit Big Thinking


   Die Automatisierung der Arbeit
   Und was wird aus mir?



^ Nach oben ^ Zurück zur Übersicht

 

© polinomics.eu - Thomas Sommer 2006 - 2016