Grundeinkommen für alle

Foto: Nicole Harrington https://unsplash.com/@nicolegeri
Text:
→Thomas Sommer
Ausgabe 17, September 2016:
Industrie 4.0
Bald schon haben wir
es geschafft. Nur noch ein paar Jahre durchhalten. Dann
wird alles besser. Dann müssen wir alle nur noch drei
Stunden am Tag arbeiten - höchstens. Arbeiten müssen wir
dann auch nur noch das, was wir selber wollen. Nur kein
Zwang. Den haben wir dann nicht mehr nötig. Wie das
gehen soll? Mit Industrie 4.0, mit Robotern, die den
Menschen die Arbeit nicht weg-, sondern abnehmen. Und wie
verdienen wir zukünftig unser Geld? Bezahlen unsere
Miete, das Auto, den Urlaub? Mit einem Grundeinkommen,
das jedem unvoreingenommen zusteht. ... Ach, was für
eine schöne Utopie! Oder doch nicht?
Am 5. Juni 2016 fand in der Schweiz eine Volksabstimmung über die
Einführung eines Grundeinkommens statt. Die Schweiz ist damit das erste Land
überhaupt, das über ein Grundeinkommen abgestimmt
hat. Für die Initiatoren der Abstimmung ist das bedingungslose Grundeinkommen
die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt. Es betone den
Wert der Arbeit, schaffe einen Ausgleich zur einseitigen Überbetonung der
Erwerbsarbeit und verbinde Arbeit und Leben. Die Mehrzahl der Schweizer
lehnten das bedingungslose Grundeinkommen jedoch ab (76,9 Prozent). 2015 legten die Regierungsparteien in einem Koalitionsvertrag fest, dass in
den Jahren 2017 bis 2018 ein teilweise bedingtes Grundeinkommen eingeführt
werden soll. Fast 70 Prozent der Finnen befürworten laut einer Umfrage die
Einführung eines solchen Grundeinkommens. An dem Experiment sollen sich
2.000 Personen beteiligen - demgegenüber steht eine ebenso große
Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen. Das Grundeinkommen fällt mit 560 Euro
relativ gering aus. In Finnland gibt ein Haushalt durchschnittlich 3.000 Euro
im Monat aus. Die Regierung erhofft sich mit der Einführung eines
Grundeinkommens eine Vereinfachung des komplexen finnischen Sozialsystems mit
Arbeitslosigkeit, Unterbringung, Ausbildung und Elterngeld.
Der britische Ökonom John Mynard Keynes schrieb in
seinem 1930 veröffentlichten visionären Aufsatz
"Economic Possibilities for our Granchildren" (→hier
könne Sie den Aufsatz im Original nachlesen), das die
durchschnittliche Arbeitswoche im Jahr 2030 nur noch 15
Stunden betragen werde - also bei einer Fünf-Tage-Woche
drei Stunden am Tag. Das sei, so Keynes, mehr als genug,
um die Bedürfnisse eines jeden zu befriedigen.
"Three-hour shifts or a fifteen-hour week may put off
the problem for a great while. For three hours a day is
quite enough to satisfy the old Adam in most of us!"
(Keynes, 1930)
Man müsse sich im Jahr 2030
vielmehr Gedanken darüber machen, wie man diese ganze
Freizeit sinnvoll nutze. Bis zum Jahr 2030 sind es
nunmehr noch 14 Jahre. Die Produktivität ist seit der
Veröffentlichung von Keynes Aufsatz tatsächlich enorm
angestiegen. Trotzdem sind die meisten von uns noch weit
von einem Drei-Stunden-Arbeitstag entfernt. Beträgt die
durchschnittliche Arbeitszeit eines deutschen
Arbeitnehmers momentan doch noch rund 40,5 Stunden pro
Woche.
Wird Keynes kühne These aber
dennoch schon bald zur Realität? Industrie 4.0 könnte
hierfür der Schlüssel sein. Die OECD - die Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung -
kommt in einer ihrer neuesten Studien zur Erkenntnis,
dass in absehbarer Zeit nahezu jeder zehnte Arbeitsplatz
weltweit automatisiert werden könne. Auch die beiden
Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne
prognostizieren, dass in den nächsten zwanzig Jahren die
Hälfte aller Jobs in den USA und anderer
Industrienationen durch Roboter, Computer und
intelligente Maschinen ersetzt werden wird. Aber wovon
sollen dann all diese Menschen leben? Wovon sollen wir
leben?
Die Pioniere des Grundeinkommens
Ökonomen,
Sozialwissenschaftler und Philosophen sind es, die sich
momentan genau diese Frage stellen: Von was sollen
Menschen leben, wenn die klassische Erwerbstätigkeit
verloren geht, weil die Arbeit von Robotern erledigt
wird? Eine mögliche Lösung ist das sogenannte
Grundeinkommen. Ein Einkommen also, das ausnahmslos
jedem, völlig unabhängig von seiner finanziellen Lage,
zusteht. Und eine Gegenleistung (wie Arbeit) ist auch
nicht nötig. Voraussetzung müsse aber sein, dass das
Grundeinkommen die Existenz sichert und die
gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Dolce vita für
lau - sozusagen.
Ernst gemacht haben es die
Schweizer. Am 5. Juni 2016 stimmten die Eidgenossen als
weltweit erstes Land über die Einführung eines
bedingungslosen Grundeinkommens ab - und lehnten es mit
großer Mehrheit (76,9 Prozent) ab. Den meisten
Schweizern mag nicht klar gewesen sein, wie ein solches
Grundeinkommen finanziert werden könne. Initiator der
Abstimmung war der Unternehmer Daniel Häni, Mitbegründer
und Mitglied der Geschäftsleitung des bekanntesten
Schweizer Kaffeehauses, dem "unternehmen mitte" in
Basel. Trotz der Niederlage sprechen die Initiatoren von
einem Erfolg. Schließlich habe schweizweit fast jeder
Fünfte für das bedingungslose Grundeinkommen gestimmt.
"Ich denke, es ist ein Trend gesetzt, die Geschichte
lanciert ist und weiter geht", so Häni in einem
Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF.
Finnland geht sogar noch einen Schritt weiter und wagt
schon bald den Realitätscheck. 2017 will das Land das
bedingungslose Grundeinkommen mit tausenden Probanden
testen. Finnlands Wirtschaftsminister Oli Rehn sieht
darin eine wichtige Antwort auf die zunehmende
Verdrängung von Arbeitsplätzen durch Maschinen. Ab dem
kommenden Jahr sollen 2.000 Menschen ein bedingungsloses
Grundeinkommen von 560 Euro erhalten.
Angestrebte Dauer des Experiments: zwei Jahre. Wenn man
die hohen Lebenshaltungskosten Finnlands berücksichtigt,
erscheint dies nicht sehr viel. Soll es aber auch nicht.
Zumindest die Sozialhilfe und das Arbeitslosengeld
sollen durch das bedingungslose Grundeinkommen ersetzt
werden. Genauer betrachtet werden soll, ob sich die
Empfänger aus dem Berufsleben gänzlich zurückziehen,
einer anderen Arbeit nachgehen oder ein neues
berufliches Verhalten zeigen.
Eines haben alle
Ideen gemeinsam. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre
zunächst ein Schuss ins Blaue, ein soziales Experiment,
dessen Ausgang niemand vorhersagen kann. Was passiert,
wenn es für die Menschen keinen Anreiz mehr gibt,
arbeiten zu müssen? Denn auch für ein Leben ohne Arbeit
muss man bereit sein. Was würde John Maynard Keynes
sagen? Auch er wäre über das Mehr an Freizeit zunächst
sicherlich froh. Gleichzeitig, so schreibt es Keynes in
seinem Aufsatz, gebe es "niemanden, der dem Zeitalter
der Freizeit und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken
könnte".
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