Der Maschinen- und
Anlagenbau verbindet
Big Data mit Big Thinking
Foto: VDMA
Die Fragen stellte
→Thomas Sommer
Ausgabe 17, September 2016:
Industrie 4.0
Im polinomics-Interview
erklärt Dr. Beate Stahl, Projektleiterin Forum Industrie 4.0
beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), welche
Chancen Industrie 4.0 dem Mittelstand bringt, worauf Betriebe
bei dem Einsatz von neuen Technologien achten sollten und ob die
mögliche Angst der Arbeitnehmer vor dem "Kollegen Roboter"
überhaupt begründet ist.
polinomics:
Ein Betrieb ist letztendlich nur so gut wie seine Mitarbeiter.
Wie nimmt man die Mitarbeiter Ihrer Meinung nach bei dem
Umstellungsprozess am besten mit? Denn häufig steht bei den
Beschäftigten die Angst vor dem Jobverlust im Raum - Stichwort
"Kollege Roboter schläft nie"?
polinomics: Industrie
4.0 ist bislang immer wieder ein Thema, wenn es um Großbetriebe
geht - man denke beispielsweise an die Automobilindustrie mit
ihren vollautomatischen Produktionsstraßen. Im Zuge der
fortlaufenden Digitalisierung wird Industrie 4.0 aber auch immer
mehr zum Thema im Mittelstand. Wo liegen denn für
mittelständische Betriebe im Maschinen- und Anlagenbau die
Chancen von Industrie 4.0?
Dr. Beate Stahl:
Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist stark mittelständisch
geprägt und traditionell eine Hightech-Industrie mit klarem
Blick für die wichtigen und großen Handlungsfelder seiner Zeit.
Das trifft insbesondere für das Thema Industrie 4.0 zu, denn der
Maschinenbau ist Anbieter und Anwender von 4.0-Technologien
zugleich. Gerade innovative Mittelständler zeigen hier ihr
technologisches Können und aus unternehmerischer Sicht bietet
Industrie 4.0 die Chance für neue Geschäftsmodelle.
polinomics: Worauf sollten die Unternehmen achten,
wenn sie Industrie 4.0-Technologien einsetzen wollen?
Dr. Beate Stahl: Industrie 4.0 gibt es nicht „von
der Stange“. Vielmehr hat es viele Facetten und kennt viele
Ausprägungen, die gilt es von jedem Unternehmen individuell zu
definieren und zu gestalten. Es geht grundsätzlich beim Thema
Industrie 4.0 nicht darum, alles Bisherige über Bord zu werfen.
Vielmehr geht es um Weiterentwicklung und neue Mehrwerte.
Industrie 4.0 ist daher als Entwicklungsprozess zu betrachten:
mit Blick auf die Technologien, die Geschäftsmodelle und die
Beschäftigten. Sie werden auch zukünftig im Mittelpunkt stehen,
um den 4.0-Prozess zu managen.
polinomics:
Vor welchen Herausforderungen stehen solche Betriebe und gibt es
beispielsweise Unterstützung durch den VDMA?
Dr.
Beate Stahl: Die Herausforderung für die Unternehmen
besteht darin, sich Industrie 4.0 individuell zu nähern und
eigene Strategien und Maßnahmen zu entwickeln. Dafür muss man zu
Beginn sicherlich ein Stück „out of the box“, das fällt im
Tagesgeschäft nicht immer leicht.
Der
VDMA begleitet und unterstützt seine Mitglieder in diesem
Prozess und im VDMA-Forum Industrie 4.0 haben wir das
verbandsinterne Know-how gebündelt. Das Forum besteht aus einem
interdisziplinären Team von VDMA-Experten, die sich als Partner
und Dienstleister verstehen. Beispielsweise bietet das Forum
einen Leitfaden Industrie 4.0 an, der mittelständischen
Maschinen- und Anlagenbauern ein Werkzeug an die Hand gibt, das
sie bei der Entwicklung eigener Industrie-4.0-Umsetzungen und
-Geschäftsmodelle unterstützt.
Damit stellt der Leitfaden
keine vorgefertigte Strategie zur Einführung von Industrie 4.0
im Unternehmen dar, sondern zeigt vielmehr Vorgehensweisen für
die individuelle Weiterentwicklung der eigenen Stärken und
Kompetenzen auf und begleitet das Unternehmen Schritt für
Schritt auf dem Weg von der Industrie-4.0-Vision zu eigenen
Konzepten und Lösungen.
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.
Der
VDMA (Sitz Frankfurt am Main) vertritt über 3100
vorrangig mittelständische Unternehmen der
Investitionsgüterindustrie und ist damit größter
Industrieverband in Europa. Der Verband vertritt die
gemeinsamen wirtschaftlichen, technischen und
wissenschaftlichen Interessen des Maschinenbaus,
insbesondere gegenüber nationalen und internationalen
Behörden und Wirtschaftskreisen. Die deutsche
Maschinenbau-Industrie ist international führend und mit
über 1 Million Beschäftigen das Rückgrat der deutschen
Industrie sowie größter industrieller Arbeitgeber im
Land. Der VDMA gliedert sich in 37 Fachverbände und
Arbeitsgemeinschaften, Zentralabteilungen,
Repräsentanzen in Berlin und Brüssel, Verbindungsbüros
in Brasilien, China, Indien, Iran, Japan und Russland.
Hinzu kommen internationale Komitees und Foren, sechs
Landesverbände und mehrere
Dienstleistungsorganisationen.
Dr. Beate Stahl:
Industrie 4.0 wird nicht nur Wirtschaftsabläufe und
Produktionsprozesse effizienter gestalten, sondern auch zu einer
zum Teil grundlegenden Veränderung der Arbeitswelt beitragen.
Aus Sicht des VDMA werden sich die Neuerungen dabei jedoch nicht
von heute auf morgen einstellen und es wird nicht über Nacht zu
einem völligen Umbruch kommen. Vielmehr sind die künftigen
Entwicklungen - bei all ihrer Dynamik - als Wandel zu begreifen,
ein Wandel, den es gemeinsam zu gestalten gilt.
Klar ist, dass auch zukünftig die Maschinen nicht ohne den
Faktor Mensch auskommen werden. Allerdings werden sich die
Arbeitsinhalte und die Anforderungen schrittweise verändern. Die
Beschäftigten in der Fabrik der Zukunft werden stärker als zu je
zuvor gefragt sein, Abläufe zu koordinieren, die Kommunikation
zu steuern und eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.
Durch den technischen Fortschritt steigen auch die Ansprüche an
das Know-how und die Flexibilität der Mitarbeiter. Gleichzeitig
können die persönlichen Lebensumstände der Beschäftigten in
einer digitalen und vernetzten Produktion stärker als bisher
berücksichtigt werden, da die Steuerung und Überwachung von
Produktionsabläufen künftig weniger eng an den
Produktionsstandort gebunden sein werden. Die Angst vor den
Robotern ist also unbegründet, darüber gilt es die Beschäftigten
zu informieren und sie auf dem 4.0-Weg des Unternehmens
einzubinden, das ist entscheidend.
polinomics: In
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird darüber diskutiert,
was zu tun ist, wenn menschliche Arbeit nicht mehr - oder kaum
mehr - benötigt wird. Im Gespräch sind beispielsweise das
unvoreingenommene oder auch bedingungslose Grundeinkommen und
eine spezielle Maschinensteuer, die von automatisierten
Unternehmen zu entrichten sei. Wie steht der VDMA zu solchen
Überlegungen?
Dr. Beate Stahl: Digitalisierung und
Automatisierung eröffnet Industriebetrieben die große Chance,
ihre Produktivität zu steigern und damit sowohl Produktion als
auch Arbeitsplätze in Europa zu erhalten oder sogar
zurückzuholen. Eine „Maschinensteuer“ würde genau die
gegenteilige Wirkung haben und wäre ein Eigentor der Politik.
Zumal Digitalisierung und Automatisierung keineswegs, wie immer
wieder behauptet, unterm Strich Arbeitsplätze vernichten.
Vielmehr stieg die Zahl der Beschäftigten im Maschinenbau in
Deutschland in den vergangenen zehn Jahren von rund 860.000
Menschen in 2005 auf gut eine Million Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in 2015 an, während die Betriebe zugleich ihre
Produktion kräftig modernisierten.
Schaden könnte eine
„Maschinensteuer“ auch anrichten, weil der Industrie damit neue
Bürden, insbesondere im Wettbewerb, beispielsweise mit der
aufholenden chinesischen Konkurrenz, auferlegt würden. Letztlich
würde eine zusätzliche Wertschöpfungsabgabe Investitionen
verhindern und den Wettbewerbsvorteil, der auch im Maschinenbau
durch Automatisierung entsteht, wieder zunichtemachen.
Der VDMA spricht sich daher ganz eindeutig gegen eine solche
„Maschinensteuer“ aus, zumal diese Idee bereits in den achtziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts diskutiert und als schädlich
für den Erfolg der Unternehmen verworfen wurde.
polinomics: Zu guter Letzt noch ein Blick in die Glaskugel. Wie
wird Ihrer Meinung nach Industrie 4.0 den Maschinen- und
Anlagenbau in Zukunft beeinflussen?
Dr. Beate Stahl: Der
Blick in die Realität zeigt deutlich, dass das Thema Industrie
4.0 für viele Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau bereits
ganz aktuell ist. Laut einer VDMA-Studie beschäftigen sich
bereits 60 Prozent der Maschinenbauer mit der vernetzten
Produktion, davon rund ein Drittel intensiv, das sind doppelt so
viele wie im Verarbeitenden Gewerbe.
Und da der
Maschinenbau ein zentraler Möglichmacher von Industrie 4.0 ist,
muss es eigentlich lauten: Der Maschinen- und Anlagenbau wird
Industrie 4.0 beeinflussen, denn er verbindet Big Data mit Big
Thinking, also Korrelation mit Kausalität.
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Hintergrund:
Revolution 4.0

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